Pyanopsia
Zu den wenigen eindeutig agrarischen Festen im hellenistischen (attischen) Jahreskreis zählen die Pyanopsia, welche alljährlich am 7. Tag des Pyanopsion, begangen werden. Als Fest zu Ehren des Apollon Pythios zur Erntezeit stehen sie den Thargelia der Vorernte entgegen. Die grundsätzliche Ähnlichkeit zu den Thargelia vor allem in Bezug auf die Ursprünge ist mehr als offensichtlich. So geht aus den spärlichen Berichten unter anderem hervor, dass dem Gott an den Pyanopsia ein Bohnengericht dargebracht und auch von den Teilnehmern gegessen wird. Wir erinnern uns: Namen gebend für die Thargelia ist der Thargelos, eine (fleischlose) Speise aus den allerersten Ernteerträgen. Abgesehen von diesem Bohnengericht werden allerdings ebenso Kuchen geopfert und aus Eleusis weiß man auch von Ziegenopfern.

Laut Deubner (1) handelt es sich bei beiden Festen, also sowohl den Thargelia als auch den Pyanopsia, um Feierlichkeiten aus älteren Kulten, welche sozusagen von Apollon übernommen wurden. Vermutlich wurden zuerst die Thargelia, welche eine starke Komponente der Reinigung beinhalten, dem lichten Gott zugerechnet und aufgrund der starken Ähnlichkeit mit den Pyanopsia in weiterer Folge auch auf diese übertragen. Dies erklärt möglicherweise weshalb wir den Zeussohn, in einer für uns eher unerwarteten, erdverbundenen Rolle zur Ernte wieder finden. Diese würden wir doch eher bei den mütterlichen Erdgöttinnen erwarten, welche üblicherweise mehr mit Fruchtbarkeit und Ernte in Verbindung gebracht werden. Diese Zuordnung erklärt sich aber vermutlich aus der Vermischung ursprünglicher, alteingesessener und eingewanderter Kulte und Gottheiten im Bereich des antiken Griechenlandes, wie es sich auch in mythologischen Erzählungen nieder schlägt. Gerade zu Apollon erfahren wir in der Erzählung um seinen Kampf mit dem Python, wie er nicht nur den Ort sondern auch die Funktion der delphischen Orakelstätte von dessen ursprünglichen Inhaberin der Erdmutter Gaia übernahm. In der Mythologie spiegelt sich nämlich durchaus auch die Entwicklung und Vermischung der alten und der eingewanderten Kulte wider, welche in ihrer erfolgreichen, tradierten Form eine wesentliche Grundlage unseres heute rekonstruierten Glaubens bilden. So ist und bleibt Apollon heute jener Gott, welchen wir an den Pyanopsia feiern und demgegenüber wir uns dankbar zeigen, selbst wenn das Fest irgendwann in seinen Anfängen einer anderen Gottheit zugewandt gewesen sein mag. Abgesehen von Apollon werden an den Pyanopsia ebenfalls die Horen mit Opfergaben bedacht. Und auch seine Schwester Artemis wird, ebenso wie an den Thargelia, zu diesem Fest mit verehrt.


Abb.1: Eiresione

Die Quellen erzählen von einer Prozession an den Pyanopsia zum Heiligtum des Apollon, während welcher ein Knabe, um genau zu sein ein Pais Amphithales, also ein Junge, dessen beide Elternteile noch am Leben sind, eine Eiresione trägt. Dieser besonders ausgestattete und geschmückte Zweig wird vor oder über den

Türen des Heiligtums angebracht. Es ist zu vermuten, dass sich diese Handlung von einem eher privaten Segenritus ableitet, bei welchem die Eiresione von Knaben zu den einzelnen Häusern bzw. Familien gebracht wird.

Ihre genaue Funktion und Bedeutung liegt etwas im Dunkeln, wurzelt aber vermutlich in einem alten Segenszauber. So soll die Übergabe der Eiresione und ihr Aufhängen an oder über der Türe von einem göttlichen Segen begleitet sein, welcher der Familie bzw. dem Haushalt das kommende Jahr hindurch sicher ist. Warum also sollten wir nicht auch heute Eiresionen zusammenstellen und weiter geben? Wenn unsere Kinder nicht mit diesen Segensgaben durch die überwiegend christliche Nachbarschaft ziehen möchten oder können, so wäre es doch mehr als angemessen Eiresionen zu den Pyanopsia an Freunde und liebe Verwandte zu übergeben oder zu schicken.

 

Die Gestaltung einer Eiresione ist erstaunlich gut dokumentiert. So soll diese aus einem Lorbeer- oder Olivenzweig bestanden haben, welcher mit Wollbinden umwickelt war, und von welchem Gefäße mit Honig, Öl und Wein, sowie Gebäck in Form von Traubenreben und verschiedenste Baumfrüchte wie Feigen und dergleichen herab hingen. Hierzulande ersetzen wir den Zweig am besten durch den stabilen Ast eines heimischen Laubgehölzes wie zum Beispiel Nussbaum oder Apfel. Wenn wir ihn mit weißer und rot gefärbter Schafwolle umwickeln können wir gegebenenfalls Olivenzweige einarbeiten. Daran können nun kleine Glasphiolen mit Oliven- oder heimischen Nuss- oder Rapsöl, mit weißem oder rotem Wein und mit Honig befestigt werden. Dabei sollte man darauf achten, dass die Gefäße sich gut verschließen lassen und nicht auslaufen können. Bei dem Obst habe ich mich zur längeren Haltbarkeit für getrocknete Apfelringe, Zwetschken und Marillen entschieden. Natürlich können auch z.B. Walnüsse und kleine frische Früchte ihren Platz an der Eiresione erhalten. Aus Brezelteig lassen sich gut Gebäckstücke formen, welche man auch an den Ast binden kann. Gut getrocknet verderben diese normalerweise auch nicht. Wer möchte, windet die Äste zuerst zu einem Kranz, welcher dann leicht als Türkranz aufgehängt werden kann.


Fotocollage unserer Pyanopsia 2007

Wie man als moderner Hellenist die Pyanopsia feiern soll, steht nirgends fest geschrieben. Wer möchte, bedient sich des klassischen Opferfestes. Eine gute Idee mit Bezug zur antiken Tradition wäre neben dem Eiresionen-Bau wohl auch das Bereiten eines Bohnengerichts. Damals handelte es sich vermutlich um eine breiartige Speise (wie der Brei überhaupt zu den gängigen Speiseformen gehörte) aus verschiedenen Hülsenfrüchten, welche mit Weizenmehl gebunden und gesüßt wurde. Wer sich nicht mit experimentellen Kochversuchen auseinandersetzen möchte kann zu jedem beliebigen Rezept für Bohnen- oder Linseneintopf greifen und warum sollte nicht auch ein Chili con Carne passend sein, wenn es ohne Fleisch gar nicht geht, vielleicht sogar mit Ziegen- oder Lammfleisch. Scharfe oder süße Gewürze sind wärmend und passen ausgezeichnet zur anbrechenden kalten Jahreszeit. Zwei mögliche Rezepte könnt ihr auf den Seiten der „Hellenistischen Familienwelten“ (siehe dazu: Pyanopsia-Rezepte) nachlesen.

Manche hellenistischen Gruppen nutzen die Pyanopsia um sich dem gängigen Jahreskreis mit seinen 4 oder 8 jahreszeitlichen Festen anderer neuheidnischer Glaubensrichtungen anzunähern. Im Gegensatz zu einigen anderen hellenistischen Festen mit agrarischen Bestandteilen, welche in erster Linie auf die klimatischen Bedingungen des Mittelmeerraumes ausgerichtet sind, eignen sich die Pyanopsia in unserer gemäßigteren Klimazonen noch am ehesten um als herbstliches Fest der Ernte (der Baumfrüchte) um die Zeit der Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche, Mabon, und wie sie alle heißen begangen zu werden. So kann man auch der Möglichkeit gemeinsamer Feste offen gegenüber stehen, selbst wenn der hellenistische Festkalender grundsätzlich kaum auf Jahreszeiten oder agrarisch wichtige Daten ausgerichtet ist.

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(1) „Attische Feste“ von Ludwig Deubner, ursprünglich erschienen 1932 im Verlag Heinrich Keller, Berlin

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