Anthesteria

Vom 11.-13. Tag des Anthesterion werden nach Attischem Kalender die Anthesteria gefeiert, welche auch das Namen gebende Fest des Monats darstellen. Die Feierlichkeiten fallen daher in Monatsmitte und somit zu der Zeit um bzw. kurz vor Vollmond. Die Anthesterien zählen wohl zu den älteren Festen des Kalenders, sind mit verschiedenen Mythen verknüpft und beinhalten vielerlei unterschiedliche Riten und Bräuche, die auf den ersten Blick wie wahllos zusammen gewürfelt erscheinen.

Der Name „Anthesteria“ leitet sich vermutlich vom Beinamen Anthios bzw. Antheus (=der Blühenden, der Blüten) des Dionysos ab. Insofern ist es nicht ganz falsch, die Anthesteria als ein Fest der Blumen und Blüten zu bezeichnen, was sich auch gut mit dem Frühlingstermin in Verbindung bringen lässt. Die Blüten dürften innerhalb des Festes vor allem im bedeutsamen Schmuck ihre Hauptrolle spielen z.B. beim Einzug des Dionysos oder in den Kränzen der Teilnehmer des Festes (über die Bedeutung des Blüten- und Blätterkranzes, welche über eine reine Schmuckfunktion weit hinaus geht, wurde ohnedies bereits gesprochen).
Wo Dionysos, da ist der Wein nicht weit und so steht dieser an zumindest zwei der Festtagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In seiner Bedeutung als khthonische Gottheit spielt außerdem neben Fruchtbarkeit auch die jenseitige Welt der Geister an den Anthesterien eine Rolle.

Die drei Tage der Anthesteria tragen so klangvolle Bezeichnungen wie Fassöffnung, Kannen und Töpfe, also Pithoigia, Khoes und Chytroi nach ihren Kernriten. Der erste Tag wird nach den Gefäßen benannt, welche mit dem jungen Wein gefüllt und just an diesem Tag von den Priestern geöffnet werden. Der zweite Tag der Festlichkeiten entlehnt seinen Namen von den Weinkannen, welche unter anderem bei dem Wetttrinken eingesetzt werden. Mit den Töpfen sind jene Gefäße gemeint, in welchen den herumirrenden Keres (Geister) ein Getreidebrei serviert wird, bevor sie zum Schluss des Festes die Stadt wieder verlassen müssen.


Pithoigia

Der Auftakt zu den Anthesteria bildet die Schließung aller Tempel und Heiligtümer. Zur Zeit dieses Festes wird niemand anderem als Dionysos (und mitunter auch Hermes als Psychopompos) geopfert, was aber weniger mit einer aus-schließlichen Ehrung dieses Gottes als mit einem Schutz der restlichen Heiligtümer vor den herum ziehenden Keres zu tun haben mag. Man geht davon aus, dass nach hellenistischer Erfahrung und Weltsicht die Tore der Unterwelt für die Zeit der Anthesteria offen stehen. Der Gott Dionysos selbst entsteigt ebenfalls der Unterwelt und besucht sein Heiligtum. An den Pithoigia zieht er in festlicher Prozession in seinem Schiffskarren zum Lemnaion. Begleitet wird er dabei von musizierenden Satyren und Silenen.
Der genaue Sinn der Fassöffnung und die Bedeutung des Termins kann ich persönlich in Ermangelung ausreichender Kenntnisse von Wein-anbau und Winzerei sowie der genauen agrarischen Notwendigkeiten im mediaterranen Raum nicht festmachen. Laut Kerenyi (1) mussten die Pithoi, jene Gefäße in welchen der Wein heranreifte für eben diesen Prozess geöffnet bleiben. Da sie eingegraben waren könnte es sein, dass sie zur Sicherung gegen Unfälle und Verunreinigungen dennoch abgedeckt wurden. In diesem Fall wurden diese Abdeckungen der Pithoi an den Pithoigia entfernt. Um das „Tabu des Anfangs“ nicht zu brechen, wird der erste Teil des neuen Weins natürlich Dionysos geopfert. Der Wein wird, wie bei den Griechen meist üblich, mit Wasser gemischt und dann probiert. Mit anderen Worten, es durfte gefeiert und dem Wein ordentlich zugesprochen werden. Die Feier überschritt Grenzen der Gesellschaft da auch Sklaven an ihr teilnehmen durften.

Dies geschah nicht in derart drastischer Weise wie an den Kronia, hob aber dennoch die allgemeine Ordnung für eine gewisse Zeit auf.
Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass der Aufstieg des Dionysos und die erste Entnahme des neuen Weins am selben Tag stattfinden. Beides ist ursächlich dasselbe Ereignis, denn Dionysos ist nicht nur jener Gott welcher die Menschen den Weinbau lehrte, sondern er selbst ist der Wein und tritt daher genau dann in Erscheinung, wenn der Wein seine tiefe und dunkle Lagerstätte verlässt. Auch dass ihn dabei schwer einzuschätzende Geister begleiten, die nicht notgedrungen freundlich sein müssen, liegt in der Natur die wir vom Wein kennen. Dieser ist nämlich durchaus ein ambivalentes Heilmittel (pharmakon). Er kann unser Wohlbefinden verbessern, die Stimmung aufhellen und uns in den Rausch heben, selten aber ohne entsprechende Nebenwirkungen. Daher betet man an den Pithoigia auch darum, dass der Wein seine heilsame Wirkung entfalten möge ohne gefährlich zu werden. Wer die Erstspende unterlässt liefert sich der göttlichen Willkür aus.


Khoes
Der eigentliche Hauptteil der Anthesteria sind die Khoes am 12. Tag des Monats. An ihnen erreicht das Fest seinen Höhepunkt. An diesem Tag kommen auch die Khoen zu ihren Ehren, nach denen der Tag benannt ist. Dabei handelt es sich um bauchige Henkelkrüge mit einem dreifach gewellten Rand (erinnert entfernt an die drei rundlichen Spitzen eines Efeublattes). Diese erscheinen regelrecht genormt und umfassen eine Füllmenge von mindestens 2 Liter. Sie beinhalten den ge-mischten Wein, den die Teilnehmer zum Wett-trinken mitbringen. Die Kannen sind den Archäologen wohl bekannt. In einigen Museen kann man solche Khoen gut erhalten und restauriert heute noch begutachten. Die Krüge sind mit Vasen-malereien der entsprechenden Motive aus den Festlichkeiten versehen. Während die Erwachsenen diese Kannen verwendeten, erhielten die Kinder entsprechende, kleinere Exemplare. Hatte ein Kind das Alter von drei Jahre erreicht durfte es nämlich zum ersten Mal an den Khoen teilnehmen, was offensichtlich einen ganz besonderen Anlass im Leben eines Menschen darstellt. Dies wurde auch gebührend gefeiert u.a. in Form von Geschenken (darauf werde ich aber in einem anderen Artikel näher eingehen).

Spätestens am Vorabend der Khytroi findet eine Trennung der feiernden Gesellschaft statt. Ver-gleicht man die übrigens Gepflogenheiten des alten Athen, so kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass bereits das Wetttrinken Männersache - zumindest für alle „Männer“ ab einem Alter von 3 Jahren - gewesen sein mag. Es gestaltet sich von vorneherein anders, als derartige Gelage zu anderen Zeiten des Jahres. Dies fängt schon damit an, dass die Teilnehmer ihren Wein und ihr Essen selbst mitbringen wohingegen der Gastgeber die Kränze sowie die Nachspeise stellt. Das Trinken selbst läuft überaus geordnet ab: auf ein Signal aus der dionysischen Trompete hin trinken alle Teilnehmer einen Schluck vom Wein. Wer als erstes seine Khoe geleert hat, gewinnt

 

einen Schlauch voll Wein. Der Rest ist Schweigen, im wahrsten Sinne des Wortes! Das Wetttrinken verläuft tatsächlich in absoluter Ruhe, ohne Unterhaltungen und ohne Musik. Es erscheint fast als Umkehrung dessen, was man gemeinhin als dionysisch bezeichnen würde. Nach dem Trinken legen die Männer ihre Kränze ab und winden diese um die Krüge, bevor sie die Reste des Weins zum Heiligtum des Dionysos verbringen, wo die Priesterin diese entgegen nimmt und in khthonischer Weise durch Ausgießen auf die Erde an den Gott opfert. Abgesehen vom offiziellen Wetttrinken gab es mit Sicherheit auch derartige Veranstaltungen in privaten Häusern sowie Symposien

Der weiblichen Gesellschaft und Jugend war vermutlich eine Reihe alter, Segen bringender Bräuche überlassen. Der bedeutsamste mag darunter die heilige Hochzeit sein, in welcher die Gattin des Archon Basileus im Innersten des Heiligtum mittels geheimer und daher nicht überlieferter Riten mit Dionysos vermählt wurde. Die moderne Altertumsforschung ergeht sich hier in verschiedenen Theorien über den genauen Ablauf und Zweck dieses Ritus. Die Bedeutung des Gottes könnte auf einen starken Bezug zur Fruchtbarkeit hinweisen.
Was auch immer die genauen Gründe und Ursachen gewesen sein mochten, so erscheint es mir nahe liegend, dass eine solche eheliche Verbindung zwischen Dionysos und einer angenommenen Königin, vor allem dazu dienen soll ihre Geschicke miteinander zu verflechten und den Segen des Gottes somit regelrecht an die Polis zu binden.
Aufgrund der besonderen Verehrung, welche Dionysos unter den Frauen genoss, darf man annehmen, dass kaum eine allein zuhause gesessen sein mag, während die Männer in Gesellschaft dem Trinken frönten. Es wäre wenig überraschend, wenn nicht auch sie dem dionysischen Ruf am Tag „ihres“ Gottes gefolgt und als Mänaden umher gezogen wären, meint zumindest Kerenyi.


Khytroi

Der dritte Tag der Anthesterien ist vornehmlich den Toten gewidmet. Die Khytroi waren Töpfe die man in älterer Zeit vermutlich für die Verstorbenen selbst, später jedoch für den khtonischen Hermes aufstellte. Diese waren gefüllt mit einer Panspermia, einem Gericht aus Getreide und Honig.
Diese Totenspeisung steht in Zusammenhang mit den Mythen um die große Flut. Als sich diese zurückzog, sollen die Überlebenden alles das zusammengekocht haben, was sie finden konnten. Diese erste Speise diente als Opfergabe an die Götter um das Wohl der Verstorbenen willen und als Erinnerung an diese. Gleichzeitig markiert dieses erste Mahl einen großen Neuanfang. So versteht sich der Brauch vermutlich auch im Rahmen der Anthesterien. Er ehrt die Ahnen, weist aber ebenso in die Zukunft. Auch der Ritus der Hydrophoria, des Wassertragens, lässt sich mit dem Gedenken an die Opfer der Flut verknüpfen. Die Mädchen tragen Wassergefäße und opfern dieses Wasser und Honig den Ahnen aus alter Zeit, welche in der Flut ums Leben kamen.

Am Abend der Kythroi wird es Zeit für die Geister die Welt der Sterblichen zu verlassen. Und bevor sich die Tore zur Unterwelt wieder für ein Jahr schließen, geht auch Dionysos, zumindest die eine Hälfte, denn andererseits bleibt er gleichzeitig auch für ein Jahr auf der Erde.


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Quellen:
- Ludwig Deubner, Attische Feste, S. 93ff
- Karl Kerenyj, Dionysos – Archetypical Image of the Indestructable Life, S.300ff
- Walter Burkert, Greek Religion, S. 237ff
- Pindar, Dithyrambos an Dionysos
- Orphische Hymnen an Dionysos
- Paul Stengel, Die griechischen Kultusaltertümer, S. 237ff
- Theoi.com

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