Familienfest: Die ersten Khoen
Temporärer Dionysosaltar
 

Irgendwann einmal kommt der Tag, da bemerkt man, dass das eigene Baby eben kein Baby mehr ist, sondern „plötzlich“ zu einem größtenteils selbständigen (Klein-)Kind heran gereift ist. Längst braucht es nicht mehr herum getragen werden, sondern läuft alleine, wohin auch immer es möchte, selbst wenn das einmal nicht in Mamas Sinn ist. Die Windeln sind auch schon überflüssig geworden und an Mamas Brust wird mittlerweile nur mehr gekuschelt, nachdem sich das Repertoire an genehmigten Nahrungsmitteln stark vergrößert hat. Aus dem Gebrabbel, wurden Wörter und manche Kinder erreichen in ihrem vierten Lebensjahr eine Entwicklungsstufe, in welcher sie sich regelrechte Epen aus den Fingern saugen. Spätestens in diesem Alter entdecken Kinder, dass es eben mehr gibt, als sie selbst oder ihre Familie und es scheint als stünde ihnen die gesamte bunte Welt zur Entdeckung offen. Neben einer sozialen Orientierung, der Hinwendung

zu anderen Menschen, beginnt hier meist auch das greifbare Interesse an Religion und dem Umgang mit den Göttern.
Es überrascht kaum, dass diese einschneidenden Entwicklungen bereits in der Antike nach außen getragen wurden, nämlich in Form der ersten Teilnahme an den Khoen. Nicht nur symbolisch tritt das Kind, welches bislang regelrecht zur Mutter gehörte, nun aus ihrem Schatten heraus. Es beteiligt sich selbst am Opfer und trinkt vermutlich zum ersten Mal vom Wein, dessen Gott Dionysos im Mittelpunkt der Anthesteria-Feierlichkeiten steht, zu welchen eben auch die Khoen gehören. Mit den ersten Khoen ist der Beginn einer gänzlich neuen Lebensphase des jungen Menschen markiert. Vervollständigt wurde dies durch eine Eintragung in die Phratria. Es handelt sich also um eine ähnlich offizielle Festlichkeit wie z.B. die Ehe, welche damals wie heute (standesamtlich oder z.B. im Kirchenbuch) vermerkt wird.

Doch warum ist es ausgerechnet dieses Fest, an welchem das Kind in den Kreis der kultisch opfernden Gemeinde aufgenommen wird? Ich sehe hier durchaus einen Zusammenhang zur Öffnung und Verkostung des jungen Weins. Dieser kommt aus einer Ruhephase, in welcher er zum erwachsenen, würdigen Getränk heranreifen konnte. Ganz ähnlich ist es auch mit den Kindern. Diese wuchsen bislang eher im Verborgenen, fast schon als „Bestandteil“ ihrer Mutter auf, und kommen jetzt sozusagen ans Licht um ihre Qualität als vollwertiges, eigenständiges Mitglied der Gemeinschaft zu zeigen. In der Antike mag diese Trennung in welcher die Kinder ihre ersten Lebensjahre überwiegend im einem eigenen Abschnitt des elterlichen Hauses, an der Seite der weiblichen Haushaltsmitglieder verbracht haben, wohl stärker ersichtlich gewesen sein.


Aber auch heute ist bei uns mit dem Alter von 3 Jahren ein Punkt erreicht in welchem die Öffentlichkeit eine Fremdbetreuung und Sozialisation des Kindes ernsthaft andenkt. Dies ist daran ersichtlich, dass hier die Altersgruppe für den Kindergarten beginnt, eine Einrichtung zu dessen Besuch unsere Kinder im Gegensatz zur Schule zwar nicht verpflichtet sind, der allerdings eben nicht nur aus betreuungstechnischen Gründen durchaus empfohlen wird. Es ist die Rede von dem Erlernen des Umgangs mit anderen Kindern und auch außerfamiliärer Betreuungspersonen. Letztendlich zielt hier bereits alles auf eine Vorbereitung auf unser Schulwesen ab, welches – alle Vor- und Nachteile einmal unbesehen – einen wichtigen Bestandteil zur Bildung und Erziehung unserer Kinder zu einem selbstständigen, mündigen Leben als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft darstellet (oder darstellen sollte).
  Mit Efeu bekränzt Khoe
Wir erleben bei einem Kind dieses Alters also eine zweite Abnablung, in welcher es selbstständig einen mehr oder weniger für ihn vorgezeichneten Lebensweg betritt. Kinder dieses Alters fangen auch damit an systematisch zu lernen und es ist der ideale Zeitpunkt um im Kleinen mit ersten Hobbys zu beginnen, ein Instrument zu erlernen oder auf regelmäßiger Basis eine Sportart auszuüben, je nach Interessen des einzelnen Kindes, versteht sich.

Ihre erste Teilnahme an den Khoen war für die Kinder von damals nicht nur eine Förmlichkeit oder eine Pflichtübung. Vermutlich wurde dieser Anlass, insbesondere bei Knaben auch in der Familie entsprechend gewürdigt und gefeiert. So wissen wir z.B., dass die Kinder für die Zeremonie nicht nur mit Blumen bekränzt wurden, sondern auch Geschenke erhielten. Das vordringlichste Geschenk ist hierbei eine verkleinerte Version der Khoenkannen der Erwachsenen. Dieses war meist mit bildhaften Darstellungen aus dem Kinderleben und den Anthesteriafeierlichkeiten geschmückt.
Das zentrale Geschenk ist und bleibt dieses Khoenkännchen auch heute. Ob aus Keramik oder Glas, bunt bemalt oder schlicht und einfach, bleibt jedem selbst überlassen. Wer mag gestaltet es sich selbst oder ersteht ein besonderes Stück. In jedem Fall ist das Kännchen nicht (nur) Gebrauchsgegenstand, sondern vielmehr eine symbolische Gabe diesem besonderen Anlass entsprechend. Gleichzeitig gibt man dem Kind damit auch einen Segen mit auf den Weg. Zumindest vermutet dies die Forschung, welche vor allem die große Zahl der erhaltenen, antiken Khoen aufgrund ihrer Motive entsprechend deutet. Wir haben uns bei Kilian für das handgefertigte Stück eines hiesigen Töpfers entschieden, welches in seiner Gestaltung ausgezeichnet zu unserer Familienkhoe passt. Um es schlicht aber doch persönlich zu halten, habe ich es zusätzlich mit einer goldfarbenen Widmung versehen, welche Kilian stets an diesen Tag erinnern soll.

Die Motive antiker Khoen erzählen uns aber auch von weiteren Geschenken, welche die Kinder an ihrem ersten Khoenfest erhielten. So wird zumeist ein mit Blumen und Früchten geschmückter Kindertisch gezeigt. Wie es scheint war es auch nicht unüblich den Kindern kleine Wägelchen zu schenken, entweder zum Nachziehen und Transport von kleinen Gegenständen oder gar kleine Wagen, in welchen die Kinder selbst von anderen Kindern oder einem Hund gezogen werden konnten.
Heute könnte vielleicht ein Fahrrad oder ein Tretfahrzeug, bei uns am Land sind Traktoren sehr beliebt, die Entsprechung zu solch einem kleinen Wagen darstellen, wenn man so etwas schenken möchte.

Häufig taucht auf den Darstellungen neben diesen Spielsachen auch noch ein Hahn oder andere Tiere auf, von denen man durchaus annehmen darf, dass sie lebende „Geschenke“ waren. Dieser lebendige Spielkamerad in Form eines Haustieres kann auch für heutige Kinder, besonders wenn es sich um Einzelkinder handelt, zu ihrem Khoenfest ein wunderbares Geschenk sein. Wer sich tatsächlich ein Haustier zulegen möchte, sollte sich dies aber zuvor ausführlich und gut überlegen, und am Besten auch mit dem Kind gemeinsam besprechen. Als Eltern muss man sich außerdem darüber im Klaren sein, dass jedes Haustier Pflege und gegebenenfalls medizinische Versorgung, also sowohl Zeit als auch Geld, benötigt und auch wenn Kinder sich beim Füttern usw. beteiligen, so liegt die Hauptarbeit und Verantwortung in jedem Fall bei den Eltern. Bevor es zu einem menschlichen und/oder tierischen Drama kommt, ist es ratsam dem Kind nicht einfach ein Tier, womöglich noch mit Schleifchen als Geschenk verpackt, vorzusetzen. Günstiger ist es, mit dem Kind gemeinsam zu entscheiden, vielleicht zuerst gemeinsam ein Buch über die Haltung von Haustieren und der gewünschten Art im Speziellen zu lesen und alle notwendigen Anschaffungen (z.B. Futter, Käfig für ein Nagetier, Aquarium, o.ä.) vorher zu tätigen. Nicht zuletzt möchte ich bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass bestimmt auch in einem Tierheim in Ihrer Nähe Tiere auf eine „zweite Chance“ und ein liebevolles Zuhause warten, welches Sie vielleicht bieten möchten, das gilt nicht nur für Hunde und Katzen, sondern auch verschiedenste andere Kleintiere.

Wir selbst haben uns vorläufig gegen ein Haustier entschieden, da wir einfach nicht die passenden Möglichkeiten dafür haben. Und auch die zweite Wahl – eine Zimmerpflanze – lässt sich in unserer dunklen Wohnung kaum realisieren. Für Kilian sehe ich aber auch gar nicht unbedingt die Notwendigkeit eines lebendigen Geschenkes, da er in seiner kleinen Schwester bereits jemanden hat, den er mit versorgen kann. Und er ist auch ein sehr verantwortungsbewusster und großherziger Bruder insbesondere in Anbetracht seines Alters.

Zum Schluss möchte ich noch hinzufügen, dass wir zwar relativ viel über die Anthesteria und die Bedeutung der ersten Teilnahme an den Khoen wissen, dass es aber nicht zwingend notwendig ist, dessen Vorgaben sklavisch zu befolgen. Wer findet, dass 3- oder 4-Jährige noch zu klein für ein Bekenntnis dieses Ausmaßes sind, der kann seine Kinder ja auch erst später oder gänzlich auf ihren eigenen Wunsch hin an eine solche Feierlichkeit heran führen. Uns persönlich kommt dieses Fest jedenfalls sehr entgegen, da es ziemlich genau dem entspricht, was wir uns auch vor dessen Kenntnis vorgestellt haben. Wir erleben einen Wandel an unserem Sohn, eine Hinwendung zu Anderen und auch zu den Göttern, die wir gerne unterstützen und feiern möchten und genau so wollen und werden wir es am 16. Februar dieses Jahres tun. Jeder der möchte ist herzlich dazu eingeladen uns Gesellschaft zu leisten oder unserem Sohn seine Glückwünsche auszusprechen.

Copyright by Sandra Mauler (Sassa)

 
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