Stephanos, Himatidion und die Farbe Weiß

Als Hellenisten, sind wir eine Gruppe von Gläubigen und keine Reenactment-Truppe. Wer also zu einem unserer Feste kommt, braucht sich keine Gruppe von Leuten in antiker griechischer Gewandung zu erwarten. Im Gegensatz zu manchen magischtätigen, heidnischen Gruppierungen, sind wir auch nicht der Meinung, dass die Art unserer Kleidung Einfluss auf die Zeremonie hätte.
Dennoch tragen wir bei der Kultausübung nicht unsere Alltagskleidung. Allein schon der Respekt vor den Göttern verlangt von uns angemessene Kleidung. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass es selbstverständlich ist, sich vor einer Zeremonie nicht nur einer rituellen, sondern auch ein anständigen, ganz realen Reinigung (Dusche oder Bad) zu unterziehen und ausschließlich saubere Kleidung zu tragen. Wie diese aussehen muss, ist nicht vorgeschrieben, aber es ist sinnvolle die Kleidung als äußeres Zeichen der inneren Einstellung zu betrachten und dementsprechend auszuwählen.

Hierbei können folgende drei Dinge von Bedeutung sein:
- die Farbe Weiß: Als Zeichen des festlichen Anlasses
- der Himatidion: als universell einsetzbare „weiße Kleidung“ mit dem Bezug zum Griechischen
- der Stephanos, ein Blumen- oder Blätterkranz: als Zeichen der Gemeinschaft und des Glaubens

Weiß ist ja eigentlich keine Farbe, sondern vereint tatsächlich alle Farben des für uns sichtbaren Spektrums der Lichtfarben in sich, soviel zumindest zu den physikalischen Tatsachen. Häufig wird Weiß als Farbe der Reinheit und im übertragenen Sinn der Wahrheit und des Guten betrachtet. Weiß ist auch die Farbe des Unberührten und steht für die Unsterblichkeit der Götter, denen wir uns im Kult ja nähern. Freilich, von Unsterblichkeit kann das Weiß unserer Kleidung niemals sein, aber frisch gewaschen kehrt es zum nächsten Ritual wieder annähernd in den gewünschten Zustand der Reinheit zurück.
Weiß steht auch für das Licht, was nicht von geringerer Bedeutung ist, da die griechische Erfahrungswelt stark von dem Sichtbaren geprägt ist, wie wir ja wissen. Außerdem ist Weiß das Strahlen, nicht nur des Lichtes, sondern auch das Strahlen vor Glück oder auch das göttliche Erstrahlen. In der Mythologie taucht Göttervater Zeus unter anderem in verschiedenen Tierformen auf, zumeist aber in Weiß. Und so tragen auch wir bei unseren hellenistischen Festen Weiß und bitten unsere Gäste wenn möglich ebenfalls darum. Dadurch wird aus der gemeinsam getragenen weißen Kleidung auch noch ein gemeinschaftsbildendes Element, welches uns zusammenrücken lässt.

Sollte es einmal nicht möglich sein, sich in Weiß zu kleiden, zum Beispiel weil keine der Witterung angemessene Kleidung in dieser Farbe zur Verfügung steht, tragen wir zumindest einen weißen Himatidion. Diese Bezeichnung und auch seine grundsätzliche Beschaffenheit leiten wir vom griechischen Himation, einer Art Umhang, ab. Tatsächlich handelt es sich auch um einen solchen, allerdings mit geringerer Breite. Bereits in der Spätantike wurde ein ähnliches Kleidungsstück von religiösen Lehrern getragen
Um sich einen Himatidion selbst an zu fertigen benötigt man einen weißen oder naturfarbenen schön fallenden Baumwollstoff von zirka 75 x 350 (-400) Zentimeter. Dieser wird rundum sauber geendelt, von Hand gewaschen, gestärkt und auf ein Drittel der Breite zweimal zusammen gefaltet. Die Faltung am besten noch durch Bügeln fixieren. Der Himatidion muss aber nicht so „langweilig“ bleiben. Wer es für notwendig hält, kann ihn durchaus noch dekorieren indem er z.B. ein Muster aufstickt oder den Stoff mit einem Motiv bedruckt. Ich selbst habe mich dafür entschieden meinen Himatidion mit einer Darstellung der Europa mit dem Stier zu bedrucken (als Vorlage habe ich eine bekannte antike Vasenmalerei gewählt). In jedem Fall sollte man aber die Trageweise bedenken, damit ein etwaiges Motiv nicht verdeckt wird.
Man trägt den Himatidion einmal um den Körper geschlungen. Dazu legt man ihn auf die linke Schulter (zirka ein Viertel der Stofflänge hängt vorne glatt herunter), führt ihn unter dem rechten Arm zirka auf Taillenhöhe wieder nach vorne und wirft das verbliebene Ende wieder über die linke Schulter nach hinten.

Der Stephanos wird üblicherweise aus frischen Pflanzen, Blumen oder Blättern gewunden, und auf dem Kopf getragen. Einerseits hat er eine schmückende Funktion, andererseits ist er auch mit einer starken Symbolik behaftet. Die Grundform des Kranzes ist der Kreis bzw. der Ring, welcher für die Unendlichkeit steht, aber natürlich auch den Kreis des Heiligen Raums im Ritual repräsentiert. Erstmals als Kopfschmuck erwähnt wird er in den Homerischen Hymnen an Aphrodite. Die Sieger der athletischen Wettkämpfe erhielten ihn in späterer Zeit als Preis (s. Pindar, Olymp.Ode 4,36), was ja auch heute noch so gehandhabt wird. Die Römer entwickelten daraus verschiedenste Formen von "Kronen" (coronae) entwickelt. Die "Corona Sacerdotalis" (so genannt bei Amm. 29.5.6) aus verschiedenen Materialien als wird als Zeichen der priesterlichen Funktion beim Ritus getragen.
Auch bei den verschiedenen Passageriten findet man Kränze: bei der Hochzeit wurden Blumenkränze verwendet und die Toten wurden mit Laub bekränzt (z.B. Eur. Phoen. 1647), und wenn ein Kind geboren wurde, hängte man einen Kranz an die Haustüre - aus Olivenzweigen, wenn es ein Sohn war, und bei einer Tochter aus Wolle. Wenn die Teilnehmer an einer Feier zu dieser (oft von weit her) reisten, gehörte der Kranz zu ihrer "Pilgerausrüstung", sie wurden allgemein als solche erkannt und durften ungehindert reisen. Für uns bedeutet der Kranz - oder sein Pendant, ein Band aus weißem Stoff (tainia, lat. vitta) - vor allem die heilige Gemeinschaft während einer Feier, die Teilnehmer tragen diesen Kopfschmuck und sind nach außen somit als Festgemeinde erkennbar. Da es außerdem ja kein alltägliches Accessoire ist, bedeutet es für die Person, die es trägt, in besonderem Maße, dass sie sich nun im Sakralen Raum befindet, außerhalb des Alltags.

Grundsätzlich handelt es sich bei jeder Form von liturgischer Bekleidung um Äußerlichkeiten, die nicht zwingend notwendig sind. Ich bezweifle, dass die Götter demjenigen zürnen wollten, der ihnen unbekränzt oder anstelle von Weiß in gothic-schwarzem Outfit gegenüber tritt. Dennoch bevorzugen wir das Tragen entsprechender Kleidung, einzeln aber ganz besonders auch als feiernde Gruppe, denn diese zeigt nicht nur unsere Einstellung nach außen hin, sondern wirkt auch zurück ins Innere. Bereits wenn ich mir meine weiße Kleidung zurecht lege, selbst wenn es sich dabei nur um schlichte Jeans und einen Rollkragenpullover handelt, stimme ich mich auf den festlichen Anlass ein. Und das weiße Band läßt auch schon beim kleinen Gebet das profane Alltagsleben für einen Moment zurück treten.

Copyright by Sandra Mauler (Sassa) und Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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