Die Praxis des Segnens
Segnen leitet sich im Deutschen aus lat. signare (mit einem Zeichen versehen) ab. Und wenn auch ursprünglich das christliche Kreuzzeichen gemeint ist (was man ja auch oft noch im ländlichen Raum bei alten Leuten findet, die gewohnheitsmäßig ihre Kinder und sonstige Personen beim Verlassen der Wohnung mit einem Kreuz auf die Stirn "segnen"), kann man Segensgesten wohl in jeder Religion finden. Leider sind diese aber im Bereich der "privaten" Religion zu finden und somit schwer zu orten.

Eine andere lateinische Bezeichnung für segnen, "benedicere" (etwas Gutes sagen, jemanden "gutsprechen") gibt etwas mehr her als die Ableitung von der bloßen Gestik. Man wünscht sich, dass die Gottheit jemanden positiv beeinflusst. Ausserdem kommt hier zur Gestik noch die verbale Komponente hinzu: die Segensformel, das Gebet.

Auf griechisch lautet das Wort hagiopoein, "heilig machen", heiligen, also aus dem Bereich des Nur-Menschlichen heraus heben und ein Stück näher zu den Göttern bringen. Leider gilt auch hier: Quellmaterial, also so etwas wie das katholische Benediktionale, zu finden, ist schwer. Wir können nicht sagen, wie und was die antiken Griechen gesegnet haben.

Technisch gesehen ist ein Segen nichts anderes als die Bitte an eine oder mehrere Gottheiten, jemanden oder etwas in positiver Weise zu beeinflussen (das Gegenteil des Segens ist der Fluch), eben "heilig zu machen". Dieser Bitte kann entsprochen werden oder auch nicht. Somit ist der Segen ein sichtbares Zeichen einer Bitte, eines Wunsches. Eine vordergründige Wirkung ist in der psychologischen Komponente zu finden: Gesegnetes wurde den Göttern übergeben, nahe gebracht, und es darf angenommen werden, dass sie es (voraus gesetzt, die Bitte ist vernünftig - und an die richtige Gottheit gerichtet) auch schützen.

Was ist nun der Unterschied zwischen einem Segen (bzw einer Segensfeier) und einer Opferfeier? Der Segen betrifft eine konkrete Person (oder auch Gruppe) oder ein Objekt, das unter den Schutz einer oder mehrerer Gottheiten gestellt wird. Die Opferfeier betrifft die ganze Gemeinschaft, und es werden auch die Götter zu dieser Feier eingeladen, mit ihnen gefeiert.

Der Segensspruch setzt sich wie jeder andere Satz aus grundsätzlich drei grammatikalischen Bausteinen zusammen:
Dem Subjekt, also der angesprochenen Gottheit (richtige Form beachten), dem Prädikat, also dem “segnen” und dem Objekt, welches gesegnet werden soll. Die untenstehende Tabelle enthält einige Anregungen für mögliche Segensformel, wobei die einzelnen Bausteine nach Bedarf kombiniert werden können.

 


Subjekt

Theoi
Die Götter

Oh Zeu
Oh Zeus

Oh Hera
O Hera

Oh Apollohn
Oh Apollon

Oh Artemis
Oh Artemis

Oh Athänä
Oh Athene

Oh Hermä
Oh Hermes


Prädikat

hagiopoiesantohn
mögen heilig

hagiopoie
mache heilig

hagiopoie
mache heilig

hagiepoie
mache heilig

hagiepoie
mache heilig

hagiepoie
mache heilig

hagiepoie
mache heilig


Objekt

se
dich

tuton arton / siton
dieses Brot / diese Speise

tuton oinon
diesen Wein

ho hämeteron/hümeteron oikon
das unser/euer Haus (bzw. Familie)

tuto hyda
dieses Wasser

tuta thyma
diese Opfer(gaben)

tuton koinon
diese Gemeinde


Weitere Anredeformen für Götter
  Demeter – oh Demätä
Poseidon – oh Poseidohn
Hephaistos – oh Hephaiste
Aphrodite – oh Aphroditä
Ares – oh Aräs
Hestia – oh Hestia
Asklepios – oh Asklepie
Hekate – oh Hekatä
Persephone – oh Persephonä
Hades – oh Haidä
Dionysos – oh Dionyse
Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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