Der tägliche und der festliche Tisch
Beim Hellenismos handelt es sich, wie bereits mehrfach betont, um eine Religion, deren wichtigste Basis die Gemeinschaft der Familie bildet. Einen besonderen Stellenwert im Familienleben, aber auch im allgemeinen Kult, nimmt dabei das gemeinsame Essen ein.
Wünschenswert ist dabei natürlich ein schmackhaftes, wertvolles und qualitativ hochwertiges Mahl, aber heute möchte ich meine Aufmerksamkeit mehr auf Gestaltung und Dekoration des Tisches selbst richten. Auch die einfachsten Elemente können dem Tisch und somit dem gesamten Essen Atmosphäre verleihen, häufig ist dazu nicht einmal ein sonderlicher Aufwand notwendig. Ich möchte daher heute einige Tipps und Vorschläge anbieten, wie so eine Tischgestaltung für das tägliche und wie es für ein festlicheres Essen aussehen könnte.

Ein wichtiges hellenistisches Tischritual ist das Trankopfer. Jeder, der am Mahl teilnimmt, opfert zuerst einen Schluck seines Getränkes an die Götter, bevor alle zu essen beginnen. Dieses einfache Ritual haben auch Kinder schnell im Griff und können es selbst durchführen. Je eher man es sich angewöhnt umso schneller wird das Trankopfer für die ganze Familie so zu einem ganz normalen Bestandteil jeden Essens.
Nachdem wir unser Trankopfer nicht direkt über eine Rinne oder dergleichen in die Erde gießen können, bietet es sich an, dafür ein eigenes Gefäß bereit zu stellen, welches nach dem Essen als Opfergabe auf den Hausaltar gestellt und erst am nächsten Tag vor dem morgendlichen Gebet wieder entfernt und gereinigt wird. Wie das Opfergefäß genau beschaffen ist, obliegt dem persönlichen Geschmack. Es kann sich dabei um ein Glas, einen Becher oder auch eher eine Schale handeln. In jedem Fall bildet das Trankopfergefäß den Mittelpunkt des hellenistischen Tisches und kann gleichzeitig auch dekorative Funktionen übernehmen.

Der Tisch für jeden Tag:
Beim täglichen Esstisch sollte man ein wenig auf seine Pflegeleichtigkeit achten. Insbesondere wenn man Kinder hat, ist es wenig empfehlenswert jeden Tag die bestickte Tischwäsche aus Großmutters Mitgift heraus zu legen, denn es passieren allzu schnell kleinere Missgeschicke. Mehrere robuste Tischdecken zum Wechseln, eventuell in einem ansprechenden Naturfarbton haben sich hier bewährt. Wer sich trotzdem Ärger mit Flecken ersparen möchte, kann darüber auch eine durchsichtige Schondecke aus Kunststoff legen. Oder man verzichtet auf die Tischdecke und verwendet stattdessen ebenfalls pflegeleichte Platzsets und lässt so in erster Linie die Tischplatte selbst wirken.
Auch das Trankopfergefäß sollte leicht zu reinigen und am besten sogar spülmaschinenfest sein, evt. aus Keramik oder man verwendet eine Schale oder Schüssel, passend zum vorhandenen Service, nur für diese Zwecke.
Wer die hellenistische Komponente der Tischgestaltung stärker betonen möchte, kann ganz einfach mythologische Motive einbringen. Man denke nur an die vielen wunderschönen griechischen Vasenmalereien. So dürfte es nicht schwierig sein ein Motiv, welches einem zusagt zu finden und als Vorlage zu verwenden um damit z.B. die Tischdecke, Stoffservietten oder auch eine selbst getöpferte Trankopferschale zu bemalen. Die geschickten HandarbeiterInnen können derartige Motive vielleicht sogar aufsticken.
Auf alle Fälle gilt: nur Mut zur Farbe! Das Leben in der Antike war keine Ansammlung von Weiß und Beigetönen. Man kann sich hierbei ruhig auch von der regionalen Volkskunst bzw. dem bäuerlichen Kunsthandwerk inspirieren lassen. Einfachere Motive, Zierleisten und Muster können hierbei auch Kinder gestalten, sofern man nicht unbedingt auf ein perfektes Ergebnis besteht.
Ab und zu ist es auch im Alltag schön, den Esstisch mit Pflanzen (frisch in der Vase oder als Trockengesteck) oder Kerzen zusätzlich etwas ansprechender zu gestalten. Hierbei können wiederum die entsprechenden Vasen oder Kerzenständer zum Beispiel mit den Kindern selbst getöpfert und/oder bemalt werden, damit sie zum übrigen Tisch passen.

Der Festtagstisch:
Für einzelne Festtage darf der Tisch schon etwas eleganter gestaltet sein. Wir verwenden zum Beispiel ein anderes Trankopfergefäß als an normalen Tagen. Universell einsetzbar sind dafür zum Beispiel Kristall- oder Silberschalen, wenn man sich solche leisten kann und möchte.
Die weitere Gestaltung stimme ich gerne auf den jeweiligen Anlass ab. So herrscht an Noumenia bei unserem Esstisch eine mondhafte Gestaltung bereits bei der Tischwäsche in den Farben Silber und Weiß eindeutig vor, an Demeterfesten sind es eher erdige und herbstliche Farbtöne und für Heliou Genethlion bevorzuge ich zum Beispiel meist sonnig-warme Farben und Gold. Dazu kommen weitere kleine Dekorationen, die man auch mit den Kindern (je nach Altersgruppe) anfertigen und zusammenstellen kann.

Noumenia-Tisch
Abb1. Unser Tisch an den Noumenia

Für die Noumenia haben wir aus einem zarten, silbrigen Gewebe eine schmale Mondsichel von etwa 50cm Größe zugeschnitten, die auf der weißen Tischdecke (unterhalb der Schondecke aus Plastik) platziert wird. Man kann auch aus Salzteig oder weißem Ton einen Ständer für die Kerze (1) formen und diesen eventuell mit silbernen oder grauen Motiven bemalen. Auch wenn jedes Familienmitglied seinen Platz am Tisch kennt, ist es mitunter nett mit Kindern kleine Tischkärtchen in passender Farbgestaltung vorzubereiten. Da es sich bei den Noumenia um die häufigsten Feste handelt, ist es auch bestimmt keine verschwendete Energie wenn man dazu eigene Stoffservietten in der passenden Farbe kauft oder näht. Zum Beispiel kann man wiederum weiße Servietten mit silberner Stoffmalfarbe bemalen oder bedrucken. Der Phantasie sind so gut wie keine Grenzen gesetzt und wenn man sich mit der Thematik des Festes beschäftigt, fallen einem bestimmt noch weitere ausgezeichnete Bastel- und Dekorationsideen ein, die man auch mit Kindern leicht umsetzen kann.
Was ich hier am Beispiel der Noumenia dargestellt habe, kann man natürlich auch bei allen anderen hellenistischen Anlässen anwenden. An einem so liebevoll gestalteten Tisch schmeckt nicht nur das schöne Essen scheinbar besser, sondern man lädt auch gerne Gäste dazu ein.

(1) Noumenia-Kerze: hierbei handelt es sich um jene Kerze, die zuerst für die Nachtwache an Heliou Genethlion entzündet wurde. Sie wird das Jahr über immer an Noumenia wieder angezündet, bis sie am darauf folgenden Heliou Genethlion durch eine neue Kerze ersetzt wird.

Copyright by Sandra Mauler (Sassa)

 
zum
Newsletter
 
Fenster
schließen