Kronia - Gedenken an das goldene Zeitalter

Im attischen Monat Hekatombaion liegt das außer-gewöhnliche Fest der Kronia. Das Fest wird zu Ehren des Kronos, des Vaters von Zeus, gefeiert. Nach Wilamowitz (GdH I,345) hat der Glaube an eine paradiesische, "goldene" Urzeit (Hes.Erga 111f) das Fest begründet. Es ist dies ein Bild, das umgekehrt zum Gedanken des stetigen Fortschritts des Menschen (z.B. Aisch.Prometheus, Eurip.Hiket. 201, Protagoras in Platons Dialog) annimmt, dass es "früher" besser gewesen sein muss, da es den Menschen "heute" so schlecht geht, und dies wohl daher kommt, dass die Götter ihnen übel wollten. Ohne den Gedanken weiter in die Tiefe zu spinnen – die Annahme vom Fortschritt hat sich gehalten, die selige Zeit wird ja heute eher in der Zukunft, gesteuert vom "Fortschritt", gesehen (oder auch, im Rahmen mancher Glaubenssysteme, im Jenseits).

Um das Gedenken an das goldene Zeitalter gebührend zu feiern, ist es nötig, die gültige soziale Ordnung außer Kraft zu setzen: Sklaven tafeln gemeinsam mit ihren Herren (mancherorts zogen sie auch laut gröhlend durch den Ort oder schlugen ihre Herren). Außer dieser sozialen ist es natürlich auch ganz sinnvoll die agrarische Komponente nicht zu vernachlässigen, denn in Griechenland ist die Zeit nach dem Jahresbeginn immer von der vollbrachten Erntearbeit beherrscht. Kronos scheint ein vorgriechischer Gott zu sein - der Name Kronos kann von kraino = vollenden (aber auch herrschen, gebieten), abgeleitet werden, Kronos wäre also der "Vollender" – und hier spielt auch die mythologische Komponente mit hinein: sein Attribut ist die Sichel (mit der er im Mythos seinen Vater Ouranos entmannt, aus dem Blut empfängt seine Mutter Gaia dann die Erinnyen, Giganten und Nymphen, und aus dem Geschlechtsteil, das ins Meer fällt, erwächst Aphrodite – Hes.Theog.175ff), die Sichel aber ist ein landwirtschaftliches Werkzeug.

Kronos steht in all seinen Aspekten für eine frühe Zeit der Menschheitsentwicklung, in der Landwirtschaft und die Fruchtbarkeit der Felder eine bedeutendere Rolle gespielt haben als z.B. Handel oder Kriegführung. Er wurde übrigens, nachdem er von Zeus überwältigt worden war, auf die Elysischen Felder verbracht, wo er den Zustand des Goldenen Zeitalters aufrecht erhält – eine der Jenseitsvorstellungen der Griechen (genauer gesagt, der Orphiker) ist es, dass Helden ebenfalls nach ihrem Tod dorthin gelangen.

Die Gattin des Kronos ist Rhea, die Große Mutter. Rhea lässt das Korn wachsen, und Kronos erntet es. Wenn man diese Beziehung mit der Beziehung der Eltern Ouranos und Gaia (also Himmel und Erde als Urprinzipien) vergleicht, gelangt man auf

 

eine Ebene, in der sich die Welt schon weiter "verdichtet" hat, zu ihrer endgültigen Ausformung in der Glaubenswelt der Griechen gelangt sie dann mit den Olympiern unter Zeus – die Aufgabe der Fruchtbarkeitsgöttin hat dann die Kronostochter Demeter übernommen, und die Welt ist fest gefügt unter der Herrschaft des Zeus. Aber zum Kronia-Fest bewegen wir uns eben noch in diesem "mittleren" Zeitalter, in dem noch vieles werden muss, u.a. eben das hellenische System von Gerechtigkeit und Rechtsauffassung, die "weltliche Ordnung" (auch Themis ist eine Tochter des Kronos).

Kronos ist auch der Ankylometes, der "krummen Sinnes" (wie sein Enkel Prometheus), und wenn man von der Annahme ausgeht, dass das "gerade" Denken dem geordneten System, das Zeus repräsentiert, entspricht, wäre eine andere Denkweise natürlich kontraproduktiv. Aber auch das ist eine Eigenschaft der Griechen – sie lassen auch dem Andersartigen, wenn auch nur für wenige Tage im Jahr, Raum.

Wie können wir nun die verschiedenen Elemente des Kronos in einer Feier unterbringen? In unseren Breiten ist natürlich zu dieser Zeit die Ernte noch nicht eingebracht, aber es ist im Hochsommer für unsere Verhältnisse auch sehr heiß und man möchte nicht arbeiten, sondern lieber Urlaub machen. Die Menschen sind meist besser gelaunt als im dunklen, kalten Winter, somit eignet sich die Zeit gut für ausgelassene Feste, bei denen vielleicht auch der Ernst einer religiösen Veranstaltung ruhig außer Acht gelassen werden kann – wir brechen also auch für kurze Zeit aus der Ordnung des Zeus aus, betreten das Goldene Zeitalter und feiern mit Kronos. Laden wir Leute ein, die nicht so leicht Gelegenheit haben zu feiern, deren Alltag bitterer ist als unserer, etwa Schwerstkranke oder Obdachlose, schenken wir ihnen ein Stück vom Goldenen Zeitalter!

Am Anfang der Feier sollte natürlich die Mythologie stehen, etwa Auszüge aus Hesiods Theogonie oder die orphische Hymne an Kronos.
Als Opfergaben (und für die abschließende Feier) sollte nur verwendet werden, was eine frühe Ackerbaugesellschaft eben zur Verfügung hatte: Getreideprodukte, Beeren, u.ä. und auch kein Wein, sondern höchstens "echter" Met - aus Honig, Wasser und Hefe vergoren, also kein (Trauben-)Wein mit Honigbeimengung.

 

Q: Burkert, Greek Religion (GR) 231f
Deubner, AF
Wilamowitz GdH I

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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