Zu den Göttern beten

Der direkte Weg mit den Göttern in Kontakt zu treten ist das Gebet. Der Kerninhalt jedes Gebetes ist eine Bitte an die angesprochene Gottheit.
Grundsätzlich kann jedes Wort an die Götter Gebet sein, es macht aber Sinn eine gewisse Form einzuhalten. Dies beginnt bereits bei der Gebetshaltung. Im Hellenismos ist keine Spur von demütig gebeugten Knien und gefalteten Händen. Selbstbewusst steht der betende Hellenist aufrecht da und streckt seine Hände zum Himmel, den Göttern entgegen (Ausnahmen: Gebete an Meeresgötter werden mit zum Meer oder anderen Gewässern ausgestreckten Armen gesprochen und Gebete an khtonische Gottheiten indem die Hände und Handflächen zur Erde weisen).
Außerdem war und ist es üblich, Gebete laut zu sprechen, damit die Götter sie auch wirklich hören können (erhören ist dann wieder ganz ein anderes Thema). Da die Unsterblichen weder omnipresent noch alleswissend sind, kann man nicht davon ausgehen, dass diese zu jeder Zeit unsere Absichten und Gedanken kennen und somit auch „stille Gebete“ vernehmen können. Oft ist es halt schwierig heutzutage laut zu unseren Göttern zu beten, insbesondere in der Öffentlichkeit. Trotzdem sollte man dies so oft es möglich ist tun. Mit der Zeit verfliegt auch die eigenartige Scheu, seine Wünsche und Bitten laut auszusprechen.

Der Gebetsaufbau folgt einem einfachen und nachvollziehbaren Schema:
Die Gottheit aufmerksam machen bzw. ansprechen, verifizieren welche Gottheit angesprochen wird (um Missverständnisse zu vermeiden) und mit der Bitte und angeschlossenem Schwur enden. Von einem Abschluss mit Vorschuss-Danksagungen, einer bestätigten Formel wie „so sei es“ (dazu zählt auch das christliche Amen) oder einem relativierenden „wenn du dies möchtest und für sinnvoll erachtest“ ist mir nichts bekannt. Es ist aber natürlich nicht schlimm, wenn man derartige Formeln aus Gewohnheit oder persönlichem Verlangen an das Gebet anschließt.

Folgendermaßen sehen also die sieben Bausteine eine Gebetes im Detail aus:
  1. „Höre mich“ (griech. klue mou) oder „Komm“ (griech. elthe deuro), gefolgt vom Namen des angesprochenenen Gottes. Im Griechischen ist darauf zu achten, dass hier der Vokativ verwendet wird.
2. Nennung einiger Beinamen, die vielleicht sogar schon auf die Richtung der Bitte hinweisen. Häufig wird noch eine Wendung wie „oder mit welchem Namen du auch immer gerufen werden möchtest“ hinzugefügt um ganz sicher zu gehen
3. eventuell Nennung des Geburtsortes des Gottes
4. eventuell. Nennung von bekannten Kultstätten
5. eventuell. Nennung von besonderen Taten nach der Mythologie
6. Hinweis auf die eigene Beziehung zur Gottheit, zum Beispiel indem man bisher gebrachte Opfergaben und Kulthandlungen erwähnt und auf erhörte Gebete und Zuwendungen des angerufenen Gottes eingeht
7. Nennung der eigentlichen Bitte zumeist mit angeschlossenem Schwur, wie man auf die erfüllte Bitte reagieren wird, also zum Beispiel verspricht man bestimmte Opferhandlungen, ein Fest auszurichten, eine Art Pilgerfahrt oder etwas anderes. Sollte man bereits im Vorhinein Opfer für diese Bitte dargebracht haben, so sollte man dies zu diesem Zeitpunkt erwähnen.

Das kann zum Beispiel so aussehen, wie bei diesem Gebet an Zeus:
  „Höre mich, oh himmlischer Zeus,
Gatte der Hera, Vater der Götter und Menschen,
Beschützer der Fremden und Schutzflehenden,
der du auf dem Olymp wohnst von dem aus du den Himmel und die Erde regierst.
Deine stärksten Waffen sind die Blitze, mit denen du dereinst
Kronos in den Tartaros verbanntest.
Zuerst von den Griechen verehrt, kennt dich heute die gesamte Welt, unsterblicher Zeus.
Gedenke deiner treuen Anhänger,
die wir dir stets Opfergaben bringen und deine Feste feiern.
Schütze uns und unsere Familien vor Unheil, wenn du dein Grollen erklingen lässt.
Darum bringen wir dir heute diese Gaben.“

Abschließend noch ein Wort zum Schwur. Dieser ist überaus ernst zu nehmen und man sollte nichts versprechen, was man nicht auch willens und in der Lage ist auszuführen. Ein Angebot weit unter Wert des Gewünschten ist allerdings auch eher eine Beleidung des Gottes als ein passendes Versprechen. Da darf man sich nicht wundern, wenn man höchstens göttliches Gelächter erntet. Daher sollte man sich lieber rechtzeitig Gedanken machen, was einem die Erfüllung eines Gebetes wert ist und was man dafür zu tun bereit ist.
Copyright by Sandra Mauler

 
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