Privater Kult

Da der öffentlichen Kultausübung im "großen Rahmen" einige Dinge im Wege stehen (fehlende offizielle Anerkennung, geringe Anzahl der Gläubigen, usw.), es aber doch unser Wunsch sein muss, die Götter entsprechend zu ehren, ist es oftmals nötig, dies alleine oder im kleinen Kreis – also zu Hause - zu tun.

Die übliche Kultordnung wird dadurch naturgemäß etwas verändert werden müssen. Es war aber in der Antike durchaus auch üblich, zu Hause, am Hausaltar kleinere Kulthandlungen für die Familie durchzuführen. Nun war der Hausaltar allerdings keine Miniaturversion eines öffentlichen Altars, auf dem die Tieropfer durchgeführt wurden, sondern eigentlich der häusliche Herd, die Hestia. Von den Römern sind uns aber Wandaltäre erhalten, auf die verschiedene Figuren gestellt wurden (v.a. die lares familiares). Der Praktiker wird sich jetzt fragen: was tun? Heutige Kochstellen sind mit den antiken nicht zu vergleichen, ein Elektroherd mit Ceranfeld bietet kaum Möglichkeiten, Opfergaben ins Feuer zu werfen oder zu gießen. Noch dazu sind moderne Küchen oftmals nicht die ideale Versammlungsstätte, im Gegensatz zur Antike, wo es im Normalhaushalt sowieso nur einen Raum gab, und sich alles um den Herd versammelte.

Im Internet findet man oft nette Bilder von Altären für spezielle Anlässe, oder auch von Hausaltären, die bestimmten Gottheiten geweiht sind. Diese befinden sich in den Wohnzimmern amerikanischer Hellenisten – meist handelt es sich um überladene Kommoden mit einem Sammelsurium von Statuen, Büsten und symbolischem Krimskrams, das sich genauso gut für einen Wicca-Altar eignen würde. Das Wohnzimmer ist in der modernen westlichen Welt ja zumeist jener Raum, in dem sich das Leben abspielt, v.a. wenn Gäste geladen sind. Somit ist es ziemlich logisch, den Hausaltar auch im Wohnzimmer zu platzieren (es sei denn, man will ihn aus irgendwelchen Gründen nicht präsentieren). Nun kann man sich in der Gestaltung ja den Gegebenheiten anpassen und ihn von dezent bis expressionistisch dekorieren, inklusive der Möglichkeit, ihn nach Jahreszeit, Fest oder aus anderen Anlässen immer wieder neu zu gestalten. Auch der Frage nach der "Herd"-Funktion kann unterschiedlich nachgegangen werden: vom einfachen Räucherstäbchen-Halter über diverse

 

Räuchergefäße bis zum Miniaturherd. Oder man unterscheidet zwischen dem täglichen Bedarf und besonderen Anlässen und stellt bei letzteren einen separaten Tisch als Altar in der Mitte des Raumes auf - dies bietet Platz für Gäste, sich rundherum zu versammeln, im Gegensatz zum an der Wand befindlichen "Kommoden"-Altar.

Hat man nun seinen Hausaltar optimal eingerichtet, bleibt die Frage "Was tue ich jetzt?" Eine echte griechische Feier beginnt mit der Prozession zum Festplatz. Dies betrifft aber nur die öffentlichen Feiern, nicht jene der Familie, also bitte erspart euch die Prozession zwischen Haustür und Wohnzimmer. Auf einer so kurzen Strecke kann man die eigentliche Funktion der Prozession, nämlich die Sammlung (körperlich: der Personen des Ortes und der Opfergaben, geistig: Vorbereitung auf die Zeremonie) sowieso nicht durchführen, ganz zu schweigen vom Singen der Hymnen usw. Im Grunde reicht es, wenn man sich kurz sammelt (eventuell mit einem kurzen einzeiligen Gebet) – auch wenn jetzt ehemalige Ministranten zu grinsen beginnen, weil sie das kennen: auch der katholische Priester macht das, bevor er durch die Sakristeitür den Kirchenraum betritt. Aber es ist einfach logisch und daher wohl religionsunabhängig!

Danach: eine Hymne an Hestia und das Entzünden von Kerzen und Räucherwerk. Einen Gruß an alle Götter gebietet die Höflichkeit. Sodann werden die Hymnen gesungen oder zumindest gebetet. Und hier scheiden sich schon wieder die Geister. Grundsätzlich gibt es Quellen, die über eine Zuordnung verschiedener Gottheiten und Helden zu mehreren Tagen des Monats berichten. Dieses System wirft allerdings meines Erachtens das Problem auf: was mache ich an den anderen Tagen, denen nichts zugeordnet ist? Und das sind nicht wenige. Ich bin daher zu einem anderen, nämlich einem wöchentlichen System übergegangen, bei dem an jedem Wochentag ein bis mehrere Gottheiten angesprochen werden. Die Hymnen werden hier aus den homerischen oder orphischen Hymnen entnommen. Ich persönlich rezitiere sie in altgriechisch, aber ich denke, dass die Götter grundsätzlich in jeder Sprache angesprochen werden können. Anschließend an die Hymnen folgen die allgemeinen oder tagesaktuellen Bitten und ein Trankopfer sowie die Abschlussformel.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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