| Neuplatonismus als Religion |
Wenn man sich näher mit dem geistig-spirituellen Umfeld in der Spätantike, das letztlich dazu geführt hat, dass der Neuplatonismus zur umfassendsten geistigen Strömung jener Zeit geworden ist, beschäftigt, stellt man bald fest, dass es gewisse Ähnlichkeit mit den heutigen Gegebenheiten in Mitteleuropa aufweist. Damals wie heute gab es eine "Staatsreligion", die für die meisten Menschen unbefriedigend geworden war. Ich möchte hier "das Christentum" als unsere heutige Staatsreligion bezeichnen, obwohl es weder die einzige Religion ist, noch eigentlich als abgeschlossene Einheit aufgefasst werden kann (nicht nur wegen der verschiedenen "offiziellen" Richtungen, sondern auch durch die vielen, teilweise sogar aus anderen spirituellen Bewegungen entnommenen, Entwicklungen innerhalb dieser Richtungen), und auch ungeachtet der Tatsache, dass in den meisten europäischen Ländern Religion und Staat offiziell getrennt sind, denn in Wirklichkeit ist dies eben nicht so (und manche Politiker berufen sich auch gerne auf die "christlichen Wurzeln" unserer Kultur). Doch genau so sah es "damals" in der Spätantike aus: die römische "Staatsreligion" war durch so viele Einflüsse verwässert worden, durch so viele importierte Kulte und Mysterien bis zur Unkenntlichkeit verändert worden, dass die wenigsten Menschen wirklich noch etwas mit ihr anzufangen wussten: man opferte den Staatsgöttern, weil es so Brauch war, aber mehr auch schon nicht. Die New Age - Esoterik dringt in also die Domänen der Religion ein - heute wie damals, "heilige Wunder-Gurus" ziehen ihre Anhänger an sich, Mysterienkulte übertreffen sich mit ihren soter-iologischen Versprechungen (damals Isis- und Mithras-Kulte, heute Wicca u.ä.) und ziehen die Menschen von den traditionellen Formen religiöser Verehrung ab. In der Spätantike versuchten die "Platoniker", also Philosophen, die sich zu den Lehren Platons bekannten und diese weiterentwickelten (der Begriff "Neuplatonismus" kam ja erst später auf), in diesem multireligiösen Umfeld eine Harmonisierung zwisch-en Religion und Philosophie zu entwickeln. Sicher, man betrachtete die beiden Bereiche nicht grundsätzlich als einander widersprechend, wie dies heute leider der Fall ist (seit Philosophie eher zum atheistisch-humanistischen Bereich zugehörig be-griffen wird, und Religionsphilosophen meist im kirchlichen Umfeld zu finden sind). Fast alle antiken Philosophen glaubten an ihre Götter, wie jeder Andere auch, wenn sich auch meist ihre Betracht-ungsweise des Göttlichen stark vom eher einfach gestrickten, mythologisch beeinflussten Götterbild des "Volksglaubens" unterschied. Dies gilt natürlich ganz besonders für die Nachfolger des Platon, denn wo sich andere Philosophen oft wenig um die Betrachtungen des Göttlichen bemüht hatten und viel mehr die Natur oder den Menschen im Blickpunkt hatten, befasste sich Platon nicht nur mit diesen Themen, sondern auch und besonders mit der Seele und mit den Göttern im Sinne seinen Ideen von einer kosmischen Ordnung. Durch seine Schüler entwickelten sich (in mehreren Schulen in der griechisch-römischen Welt) das wichtigste und umfassendste philosophische System der Spät-antike. Doch die Frage, die der Titel dieses Artikels suggeriert, habe ich noch nicht angesprochen: ist der Neuplatonismus nicht letztlich eine Art von neuer Religion? Denn es ist nicht zu leugnen, dass es sich nicht mehr nur um "Weisheitsfreunde" handelte, die sich theo-retisch mit Naturgesetzen oder dem Staatswesen beschäftigten, sondern durchaus auch mit meta-physischen Themen, wie sie von den orientalischen Kulten "importiert" worden waren, behandelten. Und diese Bereiche, Götter, Seele(nwanderung), Ursprung und Sinn der Welt und des Lebens, sind ja eigentlich, zumindest wie wir es heute sehen, Domäne der Religionen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die frühen "Kirchenväter" wie Augustinus viele neuplatonische Ideen in ihre Interpretation des Christentums aufgenommen haben. Da
es keine klare Definition von Religion gibt, die man Punkt für
Punkt abhaken kann, werde ich mich darauf beschränken, eine
allgemeine Vorstellung |
von Religion als gegeben vorauszusetzen, und die Behandlung der oben genannten Fragen zu Kosmos, Göttern und Menschen als Schwerpunkte religiösen Denkens als Kriterium heranziehen. Ich möchte hier auch nicht näher auf konkrete Lehrmeinungen der Neuplatoniker eingehen, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen (hier sei angemerkt, dass das Werk des Saloustios "Über die Götter und den Kosmos" eine gute und einfache Zusammenfassung der neuplatonischen Lehren bietet), jedoch sollen einige Besonderheiten, auch im Vergleich mit modernen Strömungen, exemplarisch heraus gestellt werden. Augenscheinlich ist im Neuplatonismus zum Beispiel in den Bemühungen nach einer Synthese von Religion und Philosophie die Suche nach dem Spirituellen, es geht die theoretische Beschäftigung, also der Einsatz der Vernunft, oft mit einem religiösen Erlebnis Hand in Hand. So wird etwa über Plotinos berichtet, dass bei seinen Vorträgen sein Gesicht leuchtete, er wirkte entrückt, nicht von dieser Welt, so sehr näherte er sich in seiner Tätigkeit dem Göttlichen, über das er lehrte, an. (Ich persönlich kann Ähnliches von einigen wenigen charismatischen katholischen Priestern berichten, die sich stark in Organisationen engagierten, welche sich weit weg vom kirchlichen Mainstream befanden und eben aus der Kraft ihrer spirituellen Erfahrungen und nicht aus der offiziellen Theologie lebten.) Es scheint also gerade diese Ergänzung der "trockenen Theorie" durch persönliche meta-physische Erfahrung zu sein, was die Stärke der großen Neuplatoniker ausmacht - und letztlich auch ihre Anziehungskraft auf die unzähligen Menschen, die ihren Vorträgen lauschten, manche sogar ihr bisheriges Leben (z.B. als Senator) aufgaben, um als Schüler beim Meister zu leben (übrigens auch viele Frauen, und einige, wie etwa Hypatia, lehrten auch selbst). Natürlich, dies erinnert stark an indische Guru-Bewegungen (Tatsache ist, dass die "nackten Weisen", die Brahmanen Indiens, auch den Griechen nicht unbekannt waren, Plotin schloss sich sogar einem Feldzug an, um dorthin reisen und sie besuchen zu können, was ihm aber leider nicht gelang), und auch die Lehren der Neuplatoniker machen manchmal, oberflächlich betrachtet oder aus dem Zusammenhang zitiert, den Eindruck einer obskuren, weltfremden "Sekte" (wir wurden ja auch in den Achtzigern im Religionsunterricht darauf trainiert, "Sektengefahren" aus 300km Entfernung zu wittern). Doch wenn man den Lehren auf den Grund geht, kristallisiert sich eine harmonische, ganz-heitliche (und dadurch sogar modern anmutende) Weltsicht heraus, die weder die stur-frömmlerischen Züge verknöcherter Religionen, noch die essenz-losen pseudognostischen Hilfskonstruktionen der (antiken und modernen) Mysterienkulte, noch das hilflos-unproduktive Herumirren zwischen unaus-gegorenen theoretischen Konzepten moderner religionsloser Systeme aufweist. Denn es sind keine weltabgewandten Asketen, die sich kasteien, um den Körper abzutöten (wie dies manch andere damalige Glaubensrichtung vielleicht praktiziert oder zumindest gepredigt hat), nein, diese Neuplatoniker sahen Körper und Seele durchaus als Einheit an, ohne Trennung in einen "guten" und einen "bösen" Teil des Menschen. Sie hatten auch keine Erlösungsvorstellungen (denn es gibt nichts zu erlösen), wohl aber eine Vorstellung davon, wie man sich (in diesem Leben) dem Göttlichen annähern kann, denn das ist als letztendliches Ziel dieses Lebens zu sehen. So geht es um das Schöne, das Gute, das Göttliche in dir und um dich herum. Und im Gegensatz zu anderen Religionen, die irgendein Übel in der Welt festgestellt haben und die Lösung dafür anbieten, beschäftigen sich die Neuplatoniker einfach nur philosophisch (d.h. mit den Kräften der Vernunft) mit der Welt, suchen in altbewährter Art nach der Wahrheit, und die Regeln für das praktische Leben ergeben sich wie von selbst, denn schon die Lehren Platons nehmen als Instrumente zur Einswerdung mit dem Göttlichen nichts anderes her als die altbewährten hellenischen "Tugenden", wie etwa die Selbstbeherrschung, die Ehrlichkeit oder die Tapferkeit. Spektakulär oder neu ist dies freilich nicht, doch vielleicht wären es gerade diese Elemente, die aus dem Neu-platonismus eine Religion für heute machen könnten, für Menschen, die gerne vernünftig sind und sich nichts aus elitaristischen Geheimlehren machen. |
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