Chancen und Grenzen von Religionsfreiheit und -kritik (Teil 3)

Ausgehend von der "Causa Ferkel" möchte ich mir einige Gedanken zu Religionsfreiheit und -kritik machen. In den vergangenen Ausgaben des Newsletters sind bereits der erste und zweite Teil meiner Überlegungen erschienen (nachzulesen im Archiv: Teil 1 und Teil 2). Im dritten Teil nehme ich mich vor allem der möglichen Alternativen an, welche das „Ferkelbuch“ anbietet bzw. ausspart.

Dass sämtliche im Ferkelbuch verwendeten Glau-bensinhalte, Zitate und Schriftstellen echt sind, will ich nicht bezweifeln - aber es kommt immer drauf an, welche Zitate man verwendet. Und wie man sieht, wurden justament die am meisten "traumatisierenden" ausgewählt. Oder sollte hier der Gedanke im Spiel sein, dass eine Darstellung des Positiven in den drei Religionen äußerst langweilig und somit der Verkaufserfolg des Buches in Frage gestellt würde?

Und vielleicht sind die Darstellungen der drei Religionsvertreter ja wirklich keine Karikaturen (immerhin widmet die Verteidigungsschrift ein ganzes Kapitel der Widerlegung antisemitischer Vorwürfe, konzentriert auf die Darstellung des Rabbiners), und sicherlich gibt es Rabbiner, Bischöfe und Muftis, die so aussehen, aber ich finde dennoch, die Darstellungen sind mehr als plakativ und ganz genau auf die Aussage des Buches abgestimmt: sie stellen ebenso wie die gewählten Schriftzitate das dar, was bei den drei Religionen am abstossendsten wirken soll. Und, Entschuldigung schon, aber es ist wirklich nicht zu erkennen, dass sich die Kritik nur auf die ultraorthodoxen Vertreter der jeweiligen Religionen (siehe S.31 der Verteidigung) beziehen soll. Da wundert es mich nicht, dass Vorwürfe von wegen "Herabwürdigung" im Raum standen.

Natürlich ist Religionskritik nie sachlich und wertfrei, denn Aussagen über Religion, die offensichtlich in die Kategorie "wichtigste Nebensache" fällt, polarisieren immer. Das merkt man schon daran, dass es keine allgemein gültige Definition von Religion gibt, auch wenn sich noch so neutrale Wissenschaftler noch so sehr bemüht haben, eine zu finden - man kann nie allen Aspekten dieses breiten und Jahrtausende alten Phänomens gerecht werden. Und auch wenn ich persönlich mir eine Welt ohne Religion nicht vorstellen kann, weil ich sie für ein im Menschen immanentes Bedürfnis halte, sehe ich durchaus ein, dass man sich an den tatsächlich vorhandenen Religionen, oder noch genauer, deren sichtbaren Äußerlichkeiten, sehr wohl stoßen kann. Denn auch wenn ich die Ferkel-Geschichte an sich nach wie vor nicht für Kinder geeignet halte (weil die Aussagen an den Kindern vorbei gehen), sie für Jugendliche aber ein wenig zu "kindisch" ist, wenn sie auch einseitig Religionskritik nur an den abrahamitischen Religionen fest macht und auch in der Verteidigungsschrift diese offenbar als einzig mögliche Alternative zu freidenkerischem Atheismus erkennt, ist die Kritik an sich ja nicht unberechtigt.

Leider kommt erst in der Verteidigungsschrift heraus, dass der Mangel an Alternativen zu Abrahams Kindern, nämlich an anderen religiösen oder weltanschaulichen Angeboten, der eigentliche Knackpunkt wäre. Denn offenbar fehlen brauchbare Alternativen, und jene, die man kennt, werden eher in die Kategorie "Sekte" eingestuft. Ich denke, dass auch die Ferkelbuch-Autoren (die in meinem Alter sind) sich noch gut an die Sektenpanik in unserer Schulzeit erinnern, als diverse asiatische Guru-Sekten und amerikanische Gehirnwäsche-Org-anisationen ihre Hochblüte hatten, und auch die Zeugen Jehovas noch weit vom Status einer anerkannten Religion entfernt waren. Am meisten Sorgen machte man sich um die Jugendlichen, die fernab von ihren heimatlichen Pfarrgemeinden womöglich Anschluss oder gar Geborgenheit finden könnten, während man sich im Pfarrgemeinderat primär Gedanken um die neue Heizung für die Kirche machte und weniger darum, Jugendlichen eine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Heute gibt es diese "Sekten" zwar vermutlich auch noch, aber es ist um sie ruhig geworden, statt dessen boomen die "Hexenzirkel", neuheidnische Bewegungen, die ihren Anhängern versprechen, sie könnten alles erreichen, was sie wollen, aber bezüglich sozialer und ethischer Belange wesentlich indifferenter sind, weil alles auf das einzelne Individuum und dessen "Selbstverwirklichung" ab-

-zielt. Auch eine einheitliche Theologie wird man nicht finden, vermutlich suchen Ferkel und Igel Gott dort gleich gar nicht.

Insofern sieht es also doch ziemlich schlecht aus mit den Alternativen. Man kann somit wählen zwischen dogmatischem Monotheismus, aufgeklärtem Atheismus und individualistischen Selbstmachrel-igionen.

"Die große Tradition von Humanismus und Aufklärung, die älter ist als das Christentum (griechische Antike!) und der wir letztlich auch die wesentlichen Errungenschaften der Moderne zu verdanken haben (!), fällt dabei meist unter den Tisch.", meint Herr Schmidt-Salomon, der Ferkeltexter, in der Verteidigung.

Ja, genau… die griechische Antike. Die fällt aber gewaltig unter den Tisch… im Ferkelbuch. Nicht Humanismus und Aufklärung, wie man sie in der Neuzeit versteht, standen für den antiken griechischen Menschen im Mittelpunkt, sondern ein harmonisches Verhältnis mit dem Kosmos, und zu dem gehören nicht nur Menschen, sondern auch Götter. Ohne den selbstverständlichen Glauben an die tatsächliche, immer währende Gegenwart der Götter hätte es die geistigen Errungenschaften der Griechen nie gegeben, nicht die naturwissen-schaftlichen Erkenntnisse, nicht die politische Ideologie, nicht die Kunst und Kultur, die wir bis heute wertschätzen. Natürlich bin ich, als Vertreter des hellenischen Polytheismus, davon überzeugt, dass unsere Religion eine wesentliche Bereicherung des religiösen Angebots ist, weil wir aus der griechischen Tradition schöpfen und dadurch auch Antworten auf die Fragen des dritten Jahrtausends haben. Denn die Erkenntnisse der Philosophen wie Platon sind einfach zeitlos gültig und können eine wertvolle Hilfestellung für alle Menschen sein, nicht, weil sie Gesetze geben wie Bibel oder Koran, sondern weil sie Wahrheiten über den Kosmos, die Götter und die Menschen, als Einzelperson und vor allem im sozialen Zusammenhang, aufzeigen, die für jede Zeit interpretiert werden können, ohne verbindliche Glaubensinhalte zu sein. Ebenso wie die Mythologie in ihrem Symbolgehalt jenseits von Raum und Zeit steht und nicht aus einer bestimmten Epoche heraus gesehen werden müssen.

Warum steht nichts davon im Ferkelbuch? Weil Ferkel und Igel Kinder sind, die das nicht wissen können. Warum läuft ihnen dann kein Philosoph über den Weg? Weil … Na eben. Natürlich kennt kaum jemand unsere kleine Religion (außer in Griechenland, wo es doch einige Tausend Anhänger gibt), aber Platon kennt man, und Zeus und seine Familie auch. Und Herakles, aus dem Fernsehen. Sind wir zu unbedeutend, oder zu wenig dogmatisch, um Angriffsfläche für Kritik an unserer Religion zu bieten? Oder ist es nicht lächerlich genug, wenn jemand mehrere Götter verehrt, die Tausend Jahre alt sind, anstatt nur eines Einzigen? Oder haben wir einfach nur zu wenig lustige Gewänder an bei unseren Feiern?

Wie auch immer, jedenfalls mangelt es im Ferkelbuch eindeutig an Alternativen. Sich einfach in die Badewanne zu legen, oder Papierflieger zu basteln und das Leben lustig zu nehmen, ist jedenfalls keine, die den Anforderungen an eine moderne Weltanschauung genügt. Auch sich über andere lustig zu machen, halte ich nicht für sinnvolles Sozialverhalten.

Ich konnte bloße Kritik ohne das Angebot von Alternativen noch nie leiden, und ich bin überzeugt davon, dass eine Weiterführung der Gedanken, die Suche nach anderen Möglichkeiten von Religion, auch den Charakter des Buches verbessert hätte, einerseits als Kinderbuch, bei dem man sich ein "positives" Ende erwartet, andererseits auch als Medium zur Hinführung der Leser an andere Weltanschauungen, an eine Verbreiterung des Horizonts, der aus anderem besteht als aus der Entscheidung zwischen Monotheismus oder Atheismus. So bleibt es für mich leider im selben Topf mit den einseitigen Religionsgegnern der Aufklärung, die heute wohl bei ernsthafter Betrachtung ebenso anachronistisch sind wie etwa die Anthropologie des 19. Jahrhunderts, die Religion aus der Angst des Menschen vor eigentlich allem in seiner Umwelt heraus erklärte.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
zum
Newsletter
 
Fenster
schließen
 
Diese Seite gehört zu "KHAIRE - Hellenismos in Österreich"