Die Götter Epikurs

„Würden die Götter Gebete erhören, so wären die Menschen längst zugrunde gegangen, so viel Schlechtes wünschen sie einander ständig an den Hals.“ Dieses Bonmot Epikurs ist, wie alle Sprüche dieser Art, ebenso treffend und wahr, wie es auch nur die halbe Wahrheit ist. Denn weder erbitten die Menschen ausnahmslos Schlechtes noch müssen die Götter alles, was von ihnen erbeten wird, auch erfüllen. Epikur wusste das selbstverständlich, und was er uns sagt, ist auch gar nicht das, was er eigentlich lehrt. Doch Bonmots machen neugierig: Was lehrte der Mann nun wirklich?

Entgegen dem Anschein nicht, dass man die Götter nicht zu beachten bräuchte, denn Epikur war entschieden dafür, sie dem Brauch gemäß zu verehren. Er meinte auch nicht nur, dass man von den Göttern nichts Schlechtes erbitten noch überhaupt denken solle. Das wäre nichts Be-sonderes gewesen, denn so ziemlich alle hellenischen Philosophen lehrten es. Dass er die Götter für unsterblich und glückselig hielt, nannte er selbst eine Ansicht, die überhaupt allen Menschen gegeben sei. Zuletzt stand er auch nicht alleine mit seiner Meinung, dass sich die unsterblichen und glückseligen Götter um die kleine Welt der Sterblichen nicht kümmern würden, und die Gründe, die er dafür nennt, sind ebenfalls nicht neu. Das Besondere an Epikur ist die Art, wie er all das ver-eint.

Epikur war im antiken Sinn des Wortes fromm: Er verehrte die Götter getreu nach den traditionellen Regeln. Er war auch von allen hellenischen Philosophen derjenige, der am unzweifelhaftesten über die Götter als Vielzahl sprach und sie als reale Wesen beschrieb. Zugleich war er ein kompromissloser Materialist, der das alte Ziel der Naturphilosophie, die Natur allein aus sich selbst zu erklären, konsequent bis zum Ende verfolgte. Ausgerüstet mit der Atomlehre Demokrits, die er in einigen Punkten vertiefte, kommt er an den gleichen Punkt wie 2000 Jahre später die Aufklärung, die „keinen Gott mehr braucht“, um die Welt zu erklären, und nutzt wie sie die Wissenschaft zur Befreiung des menschlichen Geistes. Er geht aber darüber hinaus und lässt sogar noch heutige Auf-klärer wie Richard Dawkins, Christopher Hitchens oder Michel Onfray, die im Kampf gegen eine bestimmte Art religiöser Unvernunft das Kind mit dem Bad ausschütten und überhaupt jede Religion ablehnen, hinter sich. Was ihnen nicht gelingt, hat er geschafft: Er hat in einer vollständig materialistischen Sicht der Welt eine Tür für die Götter geöffnet.

Den meisten, die nach ihm kamen, war das unbegreiflich. Epikurs Gegner behaupteten, dass er die Götter nur aus Heuchelei und Anpassung an die Gesellschaft verehrt hätte, aber das ist schon deshalb unglaubhaft, weil der Kreis, den er ab 306 v. Zr. im Garten seines Athener Hauses um sich sammelte, alles andere als gesellschaftlich angepasst war. Allein, dass nicht nur freie Männer zu ihm Zutritt hatten, sondern auch Frauen und Sklaven, machte diesen Kreis für seine Mitwelt zu so etwas wie einer Hippie-Kommune und rief ähnliche Vorurteile wach, die vom Argwohn gegen Epikurs Lust-Lehre noch geschürt wurden. Doch es gab dort weder Sex & drugs & rock’n’roll noch war Epikur ein früher Prophet der Spaßgesellschaft. Man darf auch seine Götterlehre nicht an den Erwartungen anderer messen.

Setzen wir also, wie bei anderen Philosophen, auch bei Epikur voraus, dass er die Dinge so meinte, wie er sie gesagt hat. Dass er also die Götter für schöne und gute, unsterbliche und glückselige Wesen hielt, die es tatsächlich gibt. Als Beweis dafür nennt er, dass alle Menschen von Natur aus darin über-einstimmen würden, dass es Götter gebe und dass sie unsterblich und glückselig seien – und dass etwas, worin die Natur aller übereinstimme, auch notwendig wahr sei. Dass auch alle Menschen, die

Götter verehren, darin übereinstimmen, dass sie für Gebete und Opfer empfänglich sind, stört ihn nicht. Es muss ein Irrtum sein, denn wie mancher andere, der in der philosophischen Tradition der Hellenen steht, kann sich Epikur die Glückseligkeit der Götter nur in völliger Gemütsruhe vorstellen, die durch keine Teilnahme an den Sorgen und Wünschen der Menschen getrübt wird.

Die erfreuliche, aufklärerisch-befreiende Seite dieser Vorstellung ist, dass diese teilnahmslos in sich selbst ruhenden Götter auch keinen Zorn oder Neid kennen. Beides beunruhigt die Menschen, wobei die Furcht vor dem Neid der Götter, wie ihn etwa Herodot an Polykrates schildert, vielleicht spezifisch hellenisch ist. Epikur sieht darin nur Verwirrungen, die uns hindern, ein glückliches Leben zu führen. Die Angst vor den Göttern bekämpft er genauso entschieden wie die Angst vor dem Tod, die ihm sogar noch absurder erscheint. Denn der Tod, meint er, geht uns nichts an: „Wenn der Tod ist, sind wir nicht, und wenn wir sind, ist der Tod nicht.“ So einfach ist das: Was manche Religionen zur Grundfrage hochspielen, um die sich alles dreht, wischt er mit einem einzigen Satz weg.

Das ist weniger radikal, als er scheint. Es ist nur ein kleiner Schritt vom traditionellen Bild des Hades, in dem die Seele ein nichtiger Schatten ist, zu Epikurs Lehre von ihrer gänzlichen Auflösung in die Atome, aus denen sie ebenso wie der Körper besteht. Auch die bereits erwähnten Tendenzen, die Götter über die Angelegenheiten der Menschen erhaben zu denken, gab es nicht erst in der Philosophie. Schon Homer nennt die Götter die „leicht Lebenden“, die auch in den Kämpfen, in die sie selbst eingreifen, ruhevoll über den Dingen stehen. Spätestes für die Menschen der klassischen Ära ist die Zeit, da die Götter noch unter den Sterblichen wandelten, mythische Vergangenheit. Epikur entrückt sie nur noch weiter: Die Götter sind für ihn Wesen aus feinsten Atomen, die so vollkommen und erhaben sind, dass sie von unserer kleinen Welt nicht berührt werden.

Wer unter solchen Voraussetzungen die Götter verehrt, tut es unter extremen Bedingungen. Alle üblichen Gründe, warum man es tun sollte, spielen für ihn keine Rolle. Wir können uns weder von den Göttern Vorteile verschaffen, noch dürfen wir glauben, sie würden unsere Opfer und Gebete brauchen. Es ist nicht einmal so, wie der Rabbi sagt: dass es Gott einfach freut, wenn wir ihn preisen. Epikurs Göttern ist es egal. Es gibt für ihn nur einen Grund, sie zu verehren: ihre Erhabenheit und Glückseligkeit selbst.

Friedrich Nietzsche meint in der „Geburt der Tragödie“, dass die Hellenen das Bild der glückseligen Götter gebraucht hätten, um das Leben ertragen zu können. Epikur sieht es nicht so schwarz. Doch das Leben wird voller und glücklicher, wenn man in der Erfahrung der Götter – ihrer „Schau“, die nach Karl Kerenyi den typischen Charakter hellenischer Religion prägt – an ihrer Glückseligkeit teilhaben kann. Oder es ist einfach so, wie Marcus Tullius Cicero sagt, der in seinem Buch über das Wesen der Götter unter anderem auch Epikurs Lehren behandelt: dass Wesen, die so vollkommen, erhaben und selig sind, es auch wert sind, verehrt zu werden. Um ihrer selbst willen. Weil sie das sind, was sie sind.

Das ist die religiöse Herausforderung Epikurs. Ob er Recht damit hat, dass die Götter sich nicht um die Welt kümmern, tut nichts zur Sache. Der Punkt ist: Wenn es so wäre – was würden wir tun? Die Bedeutung Epikurs für uns – ob wir hellenische oder andere Götter verehren – liegt darin, dass er uns diese Frage stellt. Wenn wir für unsere Opfer und Gebete nichts zu erwarten hätten, würden wir uns den Aufwand dann antun? Nur um der Götter selbst willen? Wären sie uns das wert?

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