Chancen und Grenzen von Religionsfreiheit und -kritik (Teil 2)
Ausgehend von der "Causa Ferkel" möchte ich mir einige Gedanken zu Religionsfreiheit und -kritik machen. Im vergangenen Newsletter ist bereits der erste Teil meiner Überlegungen erschienen (nachzulesen im Archiv).

Heute schließe ich dort an wo der letzte Teil aufhörte und widme mich den vom Ferkelbuch als Schauergeschichten interpretierten Bibelerzählungen. Interessanterweise verstehen die Autoren nämlich angeblich nicht, dass ihr Buch als jugendgefährdend eingestuft werden soll, die Bibel mit ihren "Schauergeschichten" (im Besonderen wird auf die diversen "Kinderbibeln" aufmerksam gemacht) jedoch nicht - denn es zeigt wieder, dass objektive Kriterien beim Thema Religion nicht zu gelten scheinen und auf beiden Seiten auch nicht gesucht werden. Trotzdem scheint der Vergleich unzulässig, denn es ist schwierig, das heilige Buch eines Glaubenssystems, auf das sich viele Menschen berufen, mit einem Buch, das sich auf die Interpretation einiger weniger Stellen des selben beruft, zu vergleichen. Im Ferkelbuch wird nicht die Bibel selbst analysiert (was in dem Umfang auch unmöglich wäre), sondern exemplarisch für das Juden- und Christentum jeweils ein Aussagenkomplex heraus gelöst. Und zwar einerseits die Sintflutgeschichte, und andererseits Tod und Auferstehung Jesu sowie die (substantiell unbiblische) katholische Interpretation der Transsubstantiation.

Nun sind Sintfluterzählungen in vielen alten Kulturen bekannt und keine jüdische "Erfindung". Da es sich meiner Einschätzung nach dabei um Mythologie handelt, müssen auch die Kriterien, die für Mythen gelten, angelegt werden: es sollte also primär der Symbolcharakter beachtet werden, und nicht eine historische Tatsache bzw. der Glaube daran, dass es sich um eine solche handelt, im Vordergrund stehen. Nun ist mir die jüdische Interpretation der Sintfluterzählung nicht bekannt, ich gehe aber davon aus, dass es sich um die Schaffung einer "neuen Schöpfung" handelt, also einer zeitrafferartigen Darstellung eines menschlichen Entwicklungsstadiums in Richtung eines historisch greifbaren "Menschengeschlechts" (wie auch im Prometheus-Mythos), und natürlich um die Bindung dieser Menschen an ihren Gott. "Bund" und "Bindung" sind ja generell Schlagworte für die abrahamitischen Religionen, was diese von anderen Religionen auch unterscheidet.
Nun könnte man natürlich über Art und Grad dieser Bindung philosophieren, vor allem in Hinblick auf die Chancen einer "Nicht-Bindung", eines "Sich nicht binden lassen wollens" seitens "aufgeklärter Humanisten", die ja offensichtlich die Autoren des Ferkelbuches sein wollen. Für mich stellt sich dann aber wieder die Frage nach der Alternative. Bindungslos zu sein liegt m.E. nicht in der Natur des Menschen, und ich denke, dass gerade das Sicherheitsbedürfnis (eines der Grundbedürfnisse des Menschen nach A.Maslow) auch und gerade durch Religionen und/oder Weltanschauungen abgedeckt wird. Welche Sicherheit bietet mir aber, wenn ich den Schluss des Ferkelbuches ansehe, die Aussage "Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn auch nicht"? Denn irgend etwas braucht der Mensch - was wäre das aber im Falle der "aufgeklärten" Atheisten? Doch nur von Menschen erdachte Regeln für das Zusammenleben - und was unterschiede diese von "erdachten Göttern", die (auch, doch nicht ausschließlich!) als Legitimation für ebensolche Regeln dienen? Einen "Mehrwert" einer humanistischen Lebensführung zur Religion kann ich nicht entdecken - unter der Voraussetzung, dass man die Religion ebenso neutral (also ohne auf die immer wieder zitierten Machtmonopole und sonstigen sekundären Mechanismen, sondern nur auf die grundlegenden Lehren Bedacht zu nehmen) betrachtet wie humanistische Systeme, die ja ebenso zu Miss brauch führen können.

Doch weiter zur nächsten Schrecklichkeit: dem Verzehr von Fleisch und Blut des geopferten Gottes. Auch hier handelt es sich um eine Aussage, die mit dem Verstand des aufgeklärten Atheisten nicht erfasst werden kann. Ein bekannter Rabbi wird des Hochverrats angeklagt und gekreuzigt. Das mag historisch nun haltbar sein oder nicht, theologisch bildet es den ersten Schritt für das nachfolgende Geschehen: denn - absolut überweltlich, reine Glaubenssache! - am dritten Tag findet seine Auferstehung Statt. Ohne jetzt näher auf seine Botschaft von einem Gottesreich (dessen Bestätigung die Auferstehung zu sein scheint) oder die zig Prophezeiungen in den Büchern des alten Bundes einzugehen, die dies vorankündigen zu scheinen, durch dieses nicht historisch belegbare Ereignis beginnt das Christentum, sich zu entwickeln. Es wird verbreitet, Evangelien, Briefe und andere Schriften werden von den verschiedenen Anhängern verfasst und versandt, die Glaubenslehre beginnt sich zu festigen. Vieles daran ist, ganz in der Tradition der vielen damals üblichen Mysterienreligionen, Gedankengut, das wir heute als "esoterisch" bezeichnen würden, so auch die Aussagen beim sog. "Letzten Abendmahl" über Brot und Wein, die Jesu Fleisch und Blut wären, oder dass sich Gott in Jesus selbst geopfert hätte, damit die Sünden der Menschen vergeben würden. Der moderne Mensch versteht das natürlich nicht mehr, denn wir (auch derzeitige Christen!) sind nicht mehr mit Opferritualen vertraut, die für den antiken Menschen zum Alltag gehörten. Daher ist uns auch jeglicher Symbolimus des Opfers fremd, wir wundern uns darüber genau so wie über den viel zitierten "Wilden", der einen Baumstamm anbetet. Man kann "Fleisch und Blut" natürlich auf vielerlei Arten interpretieren, etwa als Körper und Seele der "Kirche" und den Verzehr als Gemeinschaft stiftende "Jaus'n", man kann natürlich auch höchst spitzfindige Theologie draus machen, und man kann sich schlicht und einfach davor "grausen", wie es ja viele Kinder tun. Insofern ist die Reaktion von Ferkel und Igel verständlich, nicht aber die mangelnde seelsorgerische Qualifikation des Bischofs, denn selbst der ignoranteste Bischof (und ich kenne einige) predigt immer wieder zu Normalverbrauchern und Skeptikern eine Art "Theologie für Dummies" und würde es vermeiden, einem absoluten Laien gerade diese Glaubeninhalte auf diese Weise zu präsentieren. Doch könnte man sicherlich eine Art "Betriebsblindheit" konstatieren, denn jahrzehntelange religiöse (oder sonstige ideologische) Konditionierung tragen nicht gerade zu geistigem Weitblick bei, und es ist auch für einen religiös neutralen Menschen nur schwer verständlich, wieso es Leute wie uns Hellenisten gibt, die an viele Götter glauben (und keine Hindus sind). Was aber trotzdem zu bemerken bleibt, ist wieder mal die bewusste Herausstellung von Glaubensinhalten als Widersinnigkeit. Es widerstrebt dem durchschnittlichen modernen Europäer offenbar, an Dinge zu glauben, die seinem wissenschaftlich aufgeklärten Geist nicht erklärbar sind (was ihn aber nicht davon abhält, etwa an Horoskope und ähnliches zu glauben, denn "es könnte ja doch etwas Wahres dran sein"). Auch ich selbst würde, wäre ich Christ, das Opfermahl als Symbol betrachten und nicht an eine wortwörtliche Verwandlung in Fleisch und Blut eines geopferten Gottmenschen zu glauben. Man muss aber sicherlich unterscheiden zwischen den Inhalten des Glaubens selbst und ihrer Darstellung in einer Symbolsprache, die dem damaligen Menschen geläufig war, für uns aber unverständlich ist. Dieselben Methoden wurden ja auch von den ersten christlichen "Kirchenlehrern" dazu verwendet, die griechische Mythologie zu verhöhnen, indem bewusst deren Symbolsprache falsch interpretiert wurde.

Aber grundsätzlich ist es gut zu wissen, dass mit dem Buch "unethische, traumatisierende Konzepte" aufgelöst werden sollen. Kinder sind heutzutage ja vielen solcher Einflüsse ausgesetzt, wenn sie den Fernseher einschalten. Vor allem sicherlich auch viele unverständliche, wie sie etwa in japanischen Manga-Filmen präsentiert werden, hinter denen oftmals die japanische Ethik bzw. shintoistische Botschaften versteckt sind, mit denen wir Europäer gar nichts anzufangen wissen. Früher wurden eben Mythen erzählt, und ich rechne hierzu auch die Geschichten der Bibel, in denen Blut geflossen ist, oder auch Märchen und Sagen, mit symbolhaften Botschaften, heute sind Kinderbücher meist entschärft und nahezu frei von ethischen Vorgaben, sind dafür aber auch austauschbar geworden, und kaum eines hat den Charakter eines "Lieblingsbuches". Irgendwie sind sie auch ein Spiegel unserer Zeit, denn Austauschbarkeit und Irrelevanz beherrschen die Welt der Erwachsenen, echte ethische Werte sind zur Rarität geworden, man will kein Held mehr sein, sondern nur noch Spaß haben… wie Ferkel und Igel in ihrer Badewanne. Sich nicht fest zu legen, hat Vorteile: man eckt nicht an, geht Schwierigkeiten aus dem Weg. Jedoch ist gerade die geistige und technologische Entwicklung geprägt von Menschen, die aus ihrer Badewanne heraus gesprungen sind und gegen alle Vernunft (ihrer jeweiligen Zeit) ihre Ideale verwirklicht haben.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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