| Chancen und Grenzen von Religionsfreiheit und -kritik (Teil 1) |
Ausgehend
von der "Causa Ferkel" möchte ich mir einige Gedanken
zu Religionsfreiheit und -kritik machen. Zunächst sollte festgestellt
werden, dass es keine allgemein gültige Definition des Begriffs "Religion" gibt
(näheres dazu bieten z.B. die Wikipedia-Einträge zu "Religionsdefinition" und "Religion").
Der Innsbrucker Rechtshistoriker Dr.J.Bair meint hierzu (1): "Als
zusehends unbestimmt erweist sich dabei immer mehr der im Kern der
Religionsfreiheit stehende Begriff Religion. […] Der Inhalt des
Begriffs variiert so je nach dem Selbstverständnis der Träger
der Religionsfreiheit".
Insofern wird auch Religionskritik immer nur Kritik an einer subjektiven Interpretation von Religion sein können, und hier im Ferkelbuch ist sie das wohl auch in extremer Weise (eine kurze Zusammenfassung findet man in Form eines Hermann-Artikels im Archiv). Bemerkenswert ist die Einengung des Religionsbegriffs auf die abrahamitischen Religionen und eine Sicht von Religion, die nach meiner Meinung einer Korrektur bedarf - wünschenswerter Weise in die Richtung, auf die ich im dritten Teil dieser Betrachtungen näher eingehen möchte. Die vorliegenden Überlegungen beziehen sich nicht nur auf das Buch "Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel" selbst, sondern auch auf die "Verteidigung" der Autoren für den Indizierungsprozess sowie einige Statements des Texters, M. Schmidt-Salomon, im Internet. Hierzu muss ich sagen, dass ich persönlich den Gedanken, das Buch verbieten zu wollen, für absurd halte, und froh bin, dass dieses Vorhaben gescheitert ist, nicht, weil es mir an sich gefällt, sondern weil es immer bedenklich ist, Bücher zu verbieten, und weil in diesem konkreten Fall die Anschuldigungen (Antisemitismus, Jugendgefährdung) an sich absurd waren. Doch zunächst zum Buch und seiner Verteidigungsschrift. Auf 68 Seiten wird ein (Kinder-)Buch von 18 (Doppel-)Seiten erklärt, was mich in meiner Annahme bestärkt, dass das Buch also offenbar nicht gar so selbsterklärend ist, wie man es sich von einem Kinderbuch erwartet. Die Autoren betonen ständig, welche der vielen verwendeten Symbole Kinder "klar nachvollziehen" könnten. Mir scheint aber, dass selbst Erwachsene mit dieser Symbolik, dass etwa ein Irrgarten die "verwinkelten Wege theologischer Exegese" darstellen soll, wenig anfangen können - zumindest mir war die Funktion des Irrgartens zwischen den Gotteshäusern absolut schleierhaft (vor allem, wo man vielleicht in "Neuheidenkreisen" zu sagen pflegt "wer uns finden soll, wird uns schon finden", aber bei Abrahams Kindern war mir das bisher neu, und die Autoren betonen im Gegenteil selbst den missionarischen Charakter von Christentum und Islam immer wieder). Das Buch wünscht sich anscheinend nichts mehr, als sich als Werkzeug der Religionskritik zu profilieren. Doch was wird kritisiert? Meiner Meinung nach ein völlig verdrehtes Bild von Religion, so wie ich den Begriff verstehe. Um nämlich etwas zu kritisieren, muss man zuerst festlegen, was man darunter versteht, anstatt wild mit Worten (und/oder Bildern) um sich zu werfen. Es wird hier nicht etwa Religion kritisiert, sondern die äußerlichen Erscheinungen von Judentum, Christentum und Islam. Denn gerade die im erwähnten Irrgarten angedeuteten Möglichkeiten zu tiefer gehenden theologischen Auslegungen werden komplett ignoriert, sondern vielmehr die Religionen auf Schriftstellen und Glaubensinhalte reduziert, die von hochintelligenten Theologen in anderer Weise gedeutet werden, und zwar auf wissenschaftlich fundierte Weise und nicht in blindem Glaubensgehorsam. Der intelligente Leser wünscht sich natürlich auch bei Religionskritik die Verwendung entsprechender Mittel, und ist verwundert, wenn durch einseitigen Reduktionismus hier nicht nur völlig unwissenschaftlich vorgegangen wird, sondern auch noch Kindern (die ja anscheinend die Zielgruppe bilden sollen) diese Methodik schmackhaft gemacht werden soll, wenn ihnen also zwar vollmundig kritisches Denken zugesprochen, praktisch aber ein Freibrief zu einem unkritischen Verhalten, das sich letztlich als gesellschaftsfeindlich erweisen kann, ausgestellt wird. "Das Buch macht Religion also nicht lächerlich, es macht sich lustig über Religionen, die aus über 1.500 Jahre alten Texten ihre moralischen Vorstellungen und teilweise sogar Handlungsanweisungen fürs alltägliche Leben ableiten wollen. Dies halten wir im Wettstreit der Ideen für legitim. Warum es für die Entwicklung eines Kindes abträglich sein sollte, über jemanden, der sich als Autorität aufspielt, zu lachen, wenn es diesen bei einem Denkfehler ertappt, können wir nicht sehen." - aus dem Statement des Verlages. Sich über alles und jedes lustig zu machen, wie Nelson Muntz bei den "Simpsons" ständig "ha-ha" zu rufen, ist also legitim geworden? Alte Texte sind also ein Grund zum Lachen? Ich würde mir wünschen, dass es "neue" Texte gäbe, die auch nur annähernd die Qualität der alten hätten, wobei ich als Hellenist natürlich nicht an die Bibel oder den Koran, sondern an die Delphika - wenn man schon von ethischen Schriften spricht - oder die Werke unserer Philosophen denke. Soll man über Sokrates lachen, der sich in den platonischen Dialogen "als Autorität aufspielt"? Oder über jene, die auf die griechische Weisheit in ihrem täglichen Leben bauen? Oder, um wieder das den Autoren offenbar wichtigere (weil vermutlich bekanntere) Terrain der abrahamitischen Religionen zu betreten: soll man die Klosterschwestern auslachen, die sich Tag für Tag in Krankenhäusern oder anderen sozialen Einrichtungen aufopfern, nicht wie "weltliches" Personal gegen Entgelt, sondern "aus christlicher Nächstenliebe" - einem Konzept, das es "in der Welt" nicht gibt, denn das Pendant dazu, die "Solidarität", existiert leider nur auf dem Papier. Welcher "Humanist" stellt denn sein eigenes Leben in ähnlicher Weise hinter die Bedürfnisse die Allgemeinheit? Religionskritik gut und schön, aber die Alternativen der "aufgeklärten Humanisten" zu den kritisierten Gegebenheiten sind mehr als dürftig! Denn Religion ist mehr als einige Ansammlung von Pfaffen, die Schwachsinn reden. Religion (Religion an sich, nicht bezogen auf eine bestimmte Religion) ist vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen, das große Teile des menschlichen Sicherheitsbedürfnisses befriedigt. Das Gefühl von Sicherheit, das Religionen ihren Anhängern durch diverse immaterielle Vorstellungen, die primär auf emotionaler Ebene wirken, bieten, kann aber nicht ersetzt werden durch rationale Argumentation und materielle Versprechungen - die meisten Menschen kaufen nach wie vor jenes Auto, das ihnen "gefällt" und nicht jenes, das "vernünftig" wäre… und selbst die rationalen Argumente der Händler zielen letztlich vor allem auf Gefühle ab, Sparsamkeit, Sicherheit, Umweltschutz sind nur als emotional (gewissens-)gesteuerte Zusatznutzen interessant. Und, bei Religionen ist es nicht viel anders. Entweder man wird in eine Religion hinein geboren und bleibt dabei (wie auch bei politischen Parteien und Automarken), oder man sucht sich eine andere nach grundsätzlich denselben Kriterien wie ein Auto… Dass Gesellschaften nicht alle zehn Jahre neu entstehen, sondern eine Geschichte haben, führt dann natürlich auch zu einer Geschichte der jeweiligen Religionen und zwangsläufig zu einer Pflege von uralten Vorstellungen, aber auch zu Erneuerungsbewegungen (Jesus wollte auch keine neue Religion gründen, sondern das Judentum reformieren) und Abspaltungen, abweichenden Lehrmeinungen, die diskutiert werden, usw. Religionen sind also durchaus etwas Dynamisches, wenn auch die Kritiker immer wieder stur die Statik betonen. Je undogmatischer Religionen sind, desto flexibler sind sie natürlich gegenüber den "Zeichen der Zeit" sowie Stimmen von Außen und Innen, sie sind dynamischer und erneuerungswilliger. Heilige Bücher aller Art begünstigen zweifellos den Dogmatismus, so wie monotheistische Religionen auch mit ihrem Anspruch auf die "einzige gültige Wahrheit" (nämlich der eigenen) ohne Frage nicht nur Gutes hervor gebracht haben, soviel ist klar. Insofern kritisiere ich diese natürlich auch, denn ich bin absolut nicht der Meinung, dass irgend eine Religion (auch nicht meine!) die Wahrheit für sich gepachtet hätte, da sie nur subjektive Wahrheiten anbieten können, so wie Religionen generell nur subjektive Gottesbilder und Vorstellungen verbreiten können, da die absolute Wahrheit für den menschlichen Geist nicht fassbar ist. Jede Religion ist aber für sich der Versuch, der Wahrheit mit dem Verständnis (was auch, aber nicht nur, den verbalen Ausdruck beinhaltet) der jeweiligen Kultur möglichst nahe zu kommen, was auch das "Ausborgen" von Weisheiten von anderen Kulturen beinhaltet, wenn es dem Zweck dient, der ja wohl nur darin bestehen kann, eine Kommunikationsform zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen zu sein. Und ich wage zu behaupten, dass auch "Humanisten" das Göttliche kennen, nicht als "alten Mann mit weißem Bart im Himmel" oder "Wesen, das man fürchten muss", sondern z.B. als "Gefühl des Guten und Richtigen", das sie vermutlich haben, wenn sie nach "Handlungsanweisungen fürs alltägliche Leben" handeln, die vielleicht von Philosophen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammen, also auch aus alten, wenn nicht uralten, Texten, die uns die Mühsal abnehmen, sich alles und jedes erst selbst ausdenken zu müssen. Es ist gut und richtig, dass es einen "Wettstreit der Ideen" gibt, aber es wäre schön, wenn dieser wirklich nur die Ideen beinhalten könnte und nicht in klein karierte Streitigkeiten um Äußerlichkeiten ausartete. Man sollte sich zuerst darüber klar werden, worum und mit welchen Mitteln gestritten werden darf, und wer als Schiedsrichter fungiert. Und eines ist meiner Meinung nach klar: "die Leute" dürfen es nicht sein (die Erklärung steht in Platons Alkibiades). Und bitte: die Kinder sollten es auch nicht sein! Bei den Mitteln wäre es wünschenswert, sich auf objektive Kriterien zu stützen. Dies ist ja bei Karikaturen (und als solche schätze ich das Ferkelbuch ein) nicht immer der Fall, im Gegenteil, da werden bewusst hervorragende Eigenschaften überzeichnet: große Nasen, Glatzen und Bäuche rücken in den Vordergrund… im Ferkelbuch sind es die Gestalten der drei Religionsvertreter, die extrem unangenehm erscheinen (sollen). Und auch ihre Aussagen, mit denen sie ihre jeweilige Religion präsentieren, sind unangenehm und abschreckend… für Ferkel, für Kinder, und vermutlich sogar für den Angehörigen der betroffenen Religion… der "Taufscheinchrist" (bzw. entsprechende Person der anderen Religionen) ist unangenehm berührt, weil ihm gar nicht bewusst ist, was er da eigentlich glaubt, und der "echte" Gläubige ärgert sich (hier gibt es viele verschiedene Möglichkeiten für das Warum). Doch objektiv daran ist leider gar nichts, es wirkt für mich eher wie ein wild um sich schlagender, weil geblendeter Polyphem. Im zweiten Teil werden die "Schauergeschichten" der Bibel und deren Verferkelung näher betrachtet. --------------------------------------- |
| Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios) |
Diese
Seite gehört zu "KHAIRE
- Hellenismos in Österreich"
|