Einige grundlegende Gedanken zur Mythologie

Ich möchte wieder einmal das Thema der Mythologie aufgreifen, weil es einerseits sehr wichtig zu sein scheint (wenn ich mir die Zugriffs-Statistik unserer Seiten betrachte), andererseits zu extrem vielen Fragen und Problemen führt. Eine Problematik, nämlich das Verhältnis zwischen Religion und Mythologie, habe ich in „Mythologie und die griechische Religion“ bereits kurz besprochen, somit will ich mich nun einigen grundlegenden Hinweisen für die Beschäftigung mit den Mythen widmen.

Mythos bedeutet im Griechischen einfach "Geschichte". Thukydides verwendet das Wort erstmals im Sinn von "hartnäckig geglaubte, aber unwahre Geschichte", doch in der heutigen Praxis ist die Bedeutung eher in die Richtung einer absolut fiktiven Erzählung, ähnlich den Fabeln, Märchen und Sagen, gerutscht - Mythen werden nicht mehr geglaubt. Doch gerade das beraubt unsere Kultur eines wesentlichen Faktors, nämlich der Möglichkeit, zusätzlich zu den "wissenschaftlich beweisbaren Fakten" eine weitere Dimension unseres Lebens akzeptieren zu können. Das bedeutet aber keineswegs, dass man alles glauben sollte, was man hört oder liest!

Wie war denn die Beziehung der antiken Griechen zu ihren Mythen? Wenn wir diese Frage beantwortet haben, ist die Möglichkeit, die Antwort für unsere Zeit zu verwenden, auch gleichzeitig eine Möglichkeit, diese oben genannte Dimension für uns zu eröffnen.

Zuerst muss man den komplett anderen Zugang der antiken Menschen zu solchen Erzählungen berücksichtigen. Es geht bei den Inhalten der Mythen nicht um eine Erklärung der Umwelt, der Geschichte oder der Lebensumstände des Menschen im Sinne von wissenschaftlichen "Beweisen", sondern um Überlieferungen aus alter Zeit, die auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt sind. Mythen sprechen in Bildern, Symbolen, darum sind sie auch in allen literarischen Gattungen genauso wie in der bildenden Kunst zu finden, denn eine Übertragung in ein anderes Medium schadet ihnen nicht, ebenso wenig eine Übertragung in eine andere Sprache.

Natürlich hat diese Symbolsprache auch einen Nachteil, nämlich den der kulturellen Gebundenheit: nur wer sich intensiv mit dieser Kultur beschäftigt (bzw. in ihr lebt), und auch den Gesamt-zusammenhang der Mythologie, also die Beziehungen der Mythen zu einander, kennt, wird die Symbole verstehen. Ansonsten bleiben die Mythen nur nette Geschichten, spannende Unterhaltung, oder einfach rätselhaft. Die ersten christlichen Lehrer haben dies bewusst ausgenutzt, haben absichtlich die Symbolsprache der "heidnischen" Mythen ignoriert, um sich über die "seltsamen Geschichten" lustig zu machen und ihnen die angebliche Klarheit und Vernunft ihrer eigenen christlichen Lehre gegenüber zu stellen.

Wobei sie natürlich auch ignorieren, dass Geschichten von einer jungfräulichen Geburt, einem Mann, der auf einem See spaziert, aus fünf Broten und drei Fischen eine riesige Menschenmenge ernährt, Kranke heilt, Tote auferweckt und nach seinem eigenen Tod aufersteht, nicht minder unglaublich sind, vor allem, wenn wir moderne "wissenschaftliche" Maßstäbe anwenden. Warum aber glaubt ein Christ diese Geschichten? Aus demselben Grund, warum die Griechen an ihre Mythen glaubten. Sie hatten zwar keine "Bibel", kein offizielles, kanonisiertes "Wort Gottes", doch sehr wohl Sänger und Autoren, denen genau dieselbe Autorität und Glaubwürdigkeit eingeräumt wurde wie sie von den Christen ihren Evangelisten und anderen Autoren der Bibel entgegen gebracht wurde. Denn diese Glaubwürdigkeit leitet sich nicht von objektiver Beweisbarkeit ab, die nach dem Prinzip arbeitet "alles ist falsch, bis es als wahr erwiesen wurde", sondern im Gegenteil von einem subjektiven "Glauben-wollen" und "Glauben-dürfen"

 

ab, von einem Bedürfnis nach mythischer Bild-sprache, die eine Welt offeriert, die jenseits von "unserer" Zeit und "unserem" Raum, aber dennoch existiert. (Dieses Bedürfnis hat offenbar Bestand, denn auch heute noch erfreuen sich Odysseus-Geschichten größter Beliebtheit, sie werden nun aber Science fiction genannt und sind nicht im Mittelmeer, sondern im Weltall und in fernen Welten angesiedelt.)

Man kann zwar, wie es viele Philosophen getan haben, versuchen, der Bedeutung der mythischen Bilder auf den Grund zu gehen, die Symbole zu entschlüsseln, um die dahinter liegenden Aussagen zu erkennen, jedoch nimmt das einerseits sehr viel vom Zauber der Mythen, und ist auch andererseits nur wenig effektiv. Denn Symbole haben die Eigenschaft, oft mehrdeutig zu sein, somit werden verschiedene Interpreten auch Verschiedenes zu erkennen glauben, je nach ihrem eigenen kulturellen Hintergrund, und so wird vielfach mehr hineininterpretiert als nützlich ist. Symbole wirken auf ihrer eigenen Ebene und sollten dort belassen werden.

Eigentlich könnte man sogar sagen, dass ein Glaube daran, dass die Handlungen der Mythen wirklich Statt gefunden haben, weitaus Ziel führender ist. Allerdings nicht im Sinne eines buchstäblichen Verständnisses, als ob die Mythen Berichterstattung historischer Fakten wären, sondern eher im selben Sinn, wie man seine Träume zum Zeitpunkt des Träumens für real hält, doch sofort nach dem Erwachen weiß, dass es sich um einen Traum gehandelt hat, dessen Realitätsgehalt nur für die Traumebene gilt. Setzt man nun an Stelle des unbewussten Traumes eine willkürlich herbei geführte Trance, kommt man der Sache schon näher. Hierbei weiß man um die Realität der Trancevisionen, allerdings gleichzeitig auch um die kurzfristig beiseite geschobene "normale" Realität. Auch "Inspirationen" von Dichtern, plötzliche "Eingebungen" und ähnliche Phänomene, die in der Antike als Musengesang beschrieben werden, gehören in diesen Bereich. Und diese Qualität haben wohl alle Theophanien, also "reale" Begegnungen zwischen Menschen und Göttern, die wohl der Ausgangspunkt für viele Mythen waren.

Vermutlich waren die Menschen früherer Epochen aber auch nicht empfänglicher für solche Phänomene als wir heute (denn es gibt ja auch in der Antike nicht Legionen von Propheten, großen Dichtern, usw., sondern auch nur einige Dutzend, von denen in ähnlicher Weise eine Theophanie berichtet wird, wie heute etwa von Marienerscheinungen), nur ist unsere Skepsis bedeutend größer geworden. Übernatürliche Phänomene gehören nicht mehr in die Sphäre der Religion, da die vorherrschenden Religionen der Meinung sind, ihre Bücher wären fertig geschrieben, es gäbe keine neuen Offenbarungen mehr, nur Interpretation der alten.

Die Mythologie hat gegenüber fest geschriebenen Offenbarungen den Vorteil, dass sie ständig neu erzählt werden kann, und somit auch ständig neu geschieht. Denn es gibt keinen Zeitbegriff innerhalb der Mythen. Auch wenn Handlungen natürlich in linearer Abfolge erzählt werden müssen - selbst moderne Filmtechnik schafft es nicht wirklich, parallele Handlungen sinnvoll dar zu stellen, noch weniger ein antikes Drama oder gar ein einzelner Sänger - Mythen handeln nicht zu einer bestimmten Zeit, und auch nicht an einem geografisch definierbaren Ort. Darum sind auch alle Versuche, sie archäologisch fest zu machen, nicht dazu geeignet, die Mythen besser zu verstehen. Selbst wenn man Troja noch so gründlich ausgräbt, man wird Achilles' Handlungen nicht besser verstehen. Denn das mythische Ilion kann man nicht ausgraben, genauso wenig wie das Haus der sieben Zwerge (der Unterschied ist, dass Märchen immer als pure Fiktion angesehen wurden, von den Mythen jedoch schon in der Antike über eine mögliche Historizität gemutmaßt wurde).

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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