| Die Sonnentheologie in der Spätantike |
Es gibt das weit verbreitete Vorurteil, dass das Christentum in der Antike den bisher vorherrschenden Polytheismus „einfach“ durch einen Monotheismus ersetzt habe. Dies ist jedoch unrichtig, es gab schon längere Zeit, unbeeinflusst von Juden- oder Christentum, diverse Strömungen mit monotheistischen Tendenzen. Diese sind sogar nach der Ansicht mancher Wissenschaftler durchaus als eine der Voraussetzungen für den Siegenszug des Christentums zu werten. Erste Ansätze zu einem Monotheismus gab es bei den Vorsokratikern Parmenides und seinem Schüler Zenon, die von der Welt bzw. dem „Sein“ als einem ungeschaffenen, unzerstörbaren Ganzen sprachen. Hierbei geht es aber prinzipiell weniger um eine „Göttlichkeit“ des Seins, sondern um das Sein an sich (dass nämlich Sein ist und dass es Nicht-Sein nicht gibt - VS 28b2). Vor allem die Neuplatoniker, aber auch Platon selbst sowie Aristoteles gingen in den Jahrhunderten nach den Vorsokratikern von der Annahme aus, dass es eine „Erste Ursache“ gibt, von der der Kosmos und somit auch die Götter und Menschen ausgehen (oder „geschaffen wurden“, wenn man so will). Diese unsterblichen und sterblichen „Abkömmlinge“, Götter und Menschen, sind daher auch von dieser Ersten Ursache verschieden, trotzdem die Götter ja unsterblich und „selig“ sind. Somit ergibt sich, dass - im Gegensatz zum einfachen, von der Mythologie mehr als von philosophischen Gedanken bestimmten, Volksglauben - sich gerade der Glaube der Philosophen, die ja von den christlichen Apologeten angegriffen wurden, doch in diesen Grundgedanken ziemlich mit den Lehren des Christentums deckt. Hinzu kommt, dass gerade die Christen ja auch mit ihrem Konzept der Dreifaltigkeit sowie der Verehrung von Engeln und Heiligen die Grenze zum Polytheismus durchaus berühren, wenn nicht sogar überschreiten. Dass es terminologische Unterschiede bezüglich der Begriffe „Gott“, „Götter“, „göttlich“ usw. gibt, sollte doch bitte den Blick auf die eigentlichen Vorstellungen, die dahinter stecken, nicht vernebeln. Sicherlich sind die Hauptunterschiede zwischen Heiden- und Christentum also nicht in metaphysischen Zusammenhängen oder der Kosmogonie, sondern vielmehr in anderen Bereichen, wie etwa der Lehre von Sünde und Erlösung, der Reich-Gottes-Theologie oder der praktischen Ausrichtung des persönlichen Lebens auf Diesseits bzw. Jenseits, zu suchen. Doch nun zu konkreten Beispielen betreffend den „Monotheismus“ der antiken Griechen: Eine besondere Ausprägung des heidnischen Monotheismus ist die verstärkte Darstellung des Sonnengottes - gr. Helios, lat. Sol (meist mit dem Beinamen Invictus - der Unbesiegte) einerseits als Abbild der Ersten Ursache, andererseits auch als Summe aller anderen Götter. So läßt etwa Macrobius in seinen Saturnalien (I.17-23) den Praetextatus erklären, dass alle Götter nur ein Gott, nämlich eben der Sonnengott, sind. Ioulianos hingegen preist in seiner 4.Oration König Helios als Vater des Weltganzen (und somit auch der Menschheit), der durch seine Vorsehung alles zusammen hält und als „Abkömmling der Idee des Guten“ auch die anderen Götter regiert. Beide könnten möglicher Weise ihre Anregungen aus einem leider verschollenen Buch des Porphyrios (1) genommen haben. Die Verehrung der Sonne an sich ist ja vermutlich so alt wie die Geschichte der Religionen. So kennen wir nicht nur einen „ur-römischen“ Kult des Sol (der mit dem Beinamen Indiges belegt wird), sondern auch verschiedene orientalische Sonnenkulte, die sich dann seit dem 2.Jh. mit dem ursprünglichen römischen Kult mischen - Sol wird dann zum “Invictus“. Anscheinend „brauchte“ das Reich einen neuen Reichsgott, Iuppiter Capitolinus schien den Ansprüchen der späten Kaiser in einem riesigen Reich nicht mehr zu genügen. Bei den Griechen selbst war Helios jedoch stets von untergeordneter Bedeutung, erst seit Griechenland zum Römischen Reich gehörte, stieg seine Bedeutung. Die Ursachen für die besondere Konzentration auf den Sonnengott in der Spätantike lassen sich in verschiedenen Bereichen orten: die Erkenntnisse der Astronomie (bzw. Astrologie), die Einführung des Sol Invictus als Reichsgott durch Kaiser Aurelian sowie die Verknüpfung des Sol Invictus mit den Erlösungsgedanken von Mysterien-religionen wie dem Mithraskult, und natürlich die bereits erwähnte neuplatonische Philosophie. Kaiser Ioulianos hatte eine besondere Beziehung zum Sonnengott, die Gründe hierfür werden jedoch in den vielen Biografien, die über ihn geschrieben worden sind, sehr unterschiedlich beurteilt. Er selbst sieht sich seit seiner Kindheit als Gefährte oder Diener des Königs Helios, dessen Strahlen ein besonderes Verlangen ausgelöst habe. Seine „Hymne“ an König Helios (Oration 4) ist eigentlich eine sehr persönlich gehaltene Version der entsprechenden neuplatonischen Lehren, vornehmlich der des Iamblichos, welcher den Neuplatonismus mit orientalischem Gedankengut angereichert hat, und so wollen manche Forscher eine Beziehung des Mithraskults in dieser Oration entdecken, vor allem, weil einige Züge des Mithaskultes starke Ähnlichkeiten zur Rolle von Christus als immanentem Logos aufweisen. Die Aufgabe, die sich Ioulianos ofenbar gestellt hat, war, diese Sonnentheologie zur Wiederherstellung des alten Glaubens zu verwenden, indem er sie quasi als Wirkkräfte des Helios darstellt, um sie so der positiven Theologie des Christentums gegenüber zu stellen. Ioulianos stellt fest, dass es äußerst schwierig ist, das platonische System mit dem Verstand zu erfassen, selbst wenn man die sichtbare Sonne als Analogie heran zieht. Letztlich geht es um eine „kosmische Hierarchie“, bei der, von der Ersten Ursache ausgehend, immer weitere „Stufen“ des Seins entstehen, über hyperkosmische und enkosmische Götter, bis zu „unserer“ materiellen Ebene, in der eben der Himmelskörper Sonne als Lebensspender existiert. Da wir die Erste Ursache nicht erfassen können, konzentrieren wir uns in religiöser Hinsicht auf mit unserem Intellekt „erkennbare“ Götter, in wissenschaftlicher Hinsicht z.B. auf die physikalischen Erkenntnisse über die Sonne. Hier erkennt man auch sehr gut, dass Religion und Wissenschaft nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Es ist eher ein Phänomen der Ausübung als des Glaubens, das diese bis heute noch nicht wirklich überwundene Kluft zwischen den beiden Disziplinen hervorgerufen hat. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft in der Antike lag eher bei den Philosophen, und heute sind viele Naturwissenschaftler ebenfalls Philosophen. Die |
praktische Vollziehung der Riten lag aber in der Antike bei „Beamten“, also vom Staat dafür beauftragten Personen, und Privatleuten, die durch die Finanzierung des Kultus politischen Einfluss erlangen bzw. erhalten wollten. Die intellektuelle Be-schäftigung mit ihrer Religion wurde von ihnen nicht verlangt. Somit war ihr „Publikum“ auch das Volk eher als besonders interessierte Schüler wie bei den Philosophen. Diese waren also (im Gegensatz zu orientalischen Priestern, z.B. den persischen „Magi“) von diesem staatlichen System getrennt, waren keine „Priester“, sondern Kosmologen, Theologen, Naturwissenschaftler. Ioulianos war als Kaiser zugleich Pontifex Maximus, also oberster Priester des Römischen Reiches, und hatte so die Gelegenheit, sowohl Priester als auch Philosoph zu sein. Einen anderen, vielleicht praktischeren, Zugang zur Sonnentheologie bietet Macrobius in seinen Saturnalien, der einen bekannten „Sonnenverehrer“ und Eingeweihten in mehrere Mysterienkulte, Praetextatus, aufbietet, um darzustellen, dass die enkosmischen Götter durchwegs Aspekte der Sonne als (einzigem) höchstem Gott sind. Er versucht dies mit Vergleichen der Namen, der Mythologie, des Kultes und der künstlerischen Darstellungen, was sicher für Nicht-Philosphen auch nachvollziehbarer ist als die (neu)platonische Metaphysik. Macrobius will schon in den Namen der verschiedenen Götter erkennen, dass sie die Eigenschaften des Sol ausdrücken sollen, und die konkreten Handlungsmuster der Götter, die in ihren Beinamen beschrieben werden, sind für ihn die effektiven Wirkkräfte des Sol. Trotzdem ist die Sol-Vorstellung des Macrobius nicht unbedingt gleichzusetzen mit der oben erwähnten Theologie der Ersten Ursache, sondern deutet vielmehr auf einen Henotheismus, wenn nicht sogar Monotheismus hin, da alle anderen Götter nur Emanationen des Sol wären. Dadurch können allerdings Probleme wie die Theodizee leichter erklärt werden: die Sonne hat durchaus nicht nur belebende, sondern auch zerstörerische Kraft, dies wird laut Macrobius z.B. durch Apollon, der ja sowohl Krankheiten heilen als auch verursachen kann, dargestellt. Auch mit Mars, Hermes, Dionysos, Zeus und Pan wird Sol durch Assoziationen und Anlehnungen an die orphischen Mysterien identifiziert. Was jedoch beide Varianten der Sonnentheologie gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie mit der ursprünglichen Religion der griechischen Antike, wie wir sie aus dem archaischen und klassischen Zeitalter kennen, nicht mehr viel gemeinsam haben, sondern durchaus auch als Reaktion auf diese (bzw. ihre orthopraktische Kultpraxis) gesehen werden sollte - und nicht, wie so oft, primär als Reaktion auf das aufkeimende Christentum. Denn grundsätzlich wollen sowohl Ioulianos als auch Macrobius eher aufzeigen, dass sich ihr Glaube und der der Christen ähneln und vielleicht sogar kompatibel wären (2). Denn der Unterschied zu einem „echten“ Polytheismus mit der Vorstellung von Göttern, die voneinander unabhängige Persönlichkeiten mit je eigenen Wirkkräften sind, ist sicherlich größer als der zum Monotheismus des Judentums oder Christentums, wo ja auch die ganze Natur auf eine einzige Ursache zurückgeführt wird. Die christlichen Apologeten ignorierten diese Bemühungen in ihrem Eifer aber völlig und entwickelten eine solare Terminologie in Bezug auf Christus (3). Dabei übernahmen sie teilweise Elemente des neuplatonischen Sonnenverständnisses, um gezielt auch den weltlichen Reichsgott Sol Invictus (über die Kaiserideologie v.a. des Constantinus) nach und nach durch ihren König des Gottesreiches zu ersetzen, mit der den Menschen bereits ja bekannten Sonnensymbolik (so ging z.B. der Strahlenkranz, der „Heiligenschein“, auf Christus über) und der Interpretation als gleichzeitig weltlichem und transzendenten Herrscher, angepasst also an ihre Vorstellungen vom bevor stehenden Gottesreich. Wie wir gesehen haben, war die grundsätzliche Tendenz zum Monotheismus in der Spätantike nach Ansicht vieler Forscher tatsächlich vorhanden, und es sind letztlich eher politische als religiöse Gründe, die dem Alleinvertretungsanspruch des Christentums zum Sieg über das Heidentum verholfen haben. In dieser Zeit des Hinterfragens religiöser Grundsätze wäre es vielleicht auch interessant, sich auch die Frage nach der möglichen Bedeutung einer Sonnentheologie für unsere Zeit zu stellen. Dass gerade die Sonne als Allerschaffer - Helios Pantokrator - angerufen wurde (4), hat vielleicht auch eine mögliche Begründung in der Tatsache, dass sie es ja tatsächlich ist. Ohne Sonne gäbe es kein Leben auf dieser Erde. Dies wissen moderne Physiker genau, und wer die Erklärungen von Prof. Lesch über die Kräfte der Sonne im Fernsehen gesehen hat, hat vielleicht ein Gefühl dafür bekommen, wie Menschen der Antike intuitiv das als göttlich empfunden haben, was heute wissenschaftlich als Ursprung allen Lebens beschrieben werden kann. -------------------- -------------------- |
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