Warum wir den Dichtern vertrauen können

Der bekannte Satz Herodots, dass Homer und Hesiod den Hellenen ihre Götter gegeben haben, wurde schon früh gegen sie verwendet. Bis heute muss er als Beleg dafür herhalten, dass die Hellenen an ihre Götter nicht wirklich geglaubt, sondern sie „nur“ als Figuren der Dichtung betrachtet hätten - einer hoch angesehenen, monumentalen und gehaltvollen Dichtung, doch eben „nur“ Dichtung. Man gesteht ihr gern literarische Qualität und gedankliche Tiefe, vielleicht sogar Weisheit zu, aber Wahrheit? Nein, das ist Dichtung nicht. Sie ist Fiktion, Fantasie, Fabelei. Schon bei den griechischen Philosophen war es Mode, sich über die unglaublichen Geschichten der Dichter das Maul zu zerreißen, aber sie zogen zunächst nur die Kompetenz der Poeten in Fragen der Götter in Zweifel, nicht jedoch die Götter selbst. Erst die Christen, denen sie ursprünglich als sehr reale Dämonen galten, die den „wahren Glauben“ bedrohten, haben nach und nach auch die Götter ins Reich der poetischen Fantasie verwiesen.

So war es von Herodot nicht gemeint. Er gab wieder, was Tatsache war: dass die klassische hellenische Religion, jedenfalls in ihrem Mainstream, der die Riten und Heiligtümer der Polis, aber auch den größten Teil des privaten Lebens bestimmte, durch und durch von den Bildern und Auffassungen über die Götter geprägt war, die ihr die Werke von Homer und Hesiod lieferten. Sie wurden eben zu diesem Zweck – denn die paideia, der Dichtung und Kunst dienen sollten, umfasste die eusebeia als Grundelement – öffentlich vorgetragen, jeder kannte sie und jeder, nicht nur die Philosophen und Literaten, bei denen es von Zitaten aus ihnen wimmelte, berief sich auf sie, wenn die Rede auf Götter und Helden, den Kult und das rechte soziale Verhalten und seine geheiligten Grundlagen, themis und dike, kam. Den Hellenen war dadurch stets bewusst, dass sie in ihrer Religion den Worten von Dichtern folgten. Und abgesehen von den paar, die das Querdenken zu ihrem Beruf machten, hat in tausend und mehr Jahren kaum jemand daran gezweifelt, dass das auch richtig war.

Wie konnten sie nur? Dichtung und religiöse Verkündigung sind heute, nachdem sie das Christentum 1600 Jahre getrennt hat, verschiedene Dinge, die man nicht verwechseln darf. Dichter sind allenfalls literarische, doch keine richtigen Gurus. Sie können religiöse Vorstellungen wiedergeben, aber nicht begründen. Auch von Homer und Hesiod nimmt man lieber an, dass sie Reporter des Volksglaubens waren und nicht seine Schöpfer, als die sie Herodot sieht. Waren sie denn Propheten, Erleuchtete oder Eingeweihte, wenigstens Diener der Götter - Priester, Seher oder dergleichen? Nicht direkt: Homer war Rhapsode, Hesiod Bauer. Aber der Bauer erzählte später, wie er beim Hüten seiner Schafe den Musen begegnete und von ihnen zum Dichter berufen wurde, und er nahm das so ernst, dass er ihnen dafür seinen ersten Siegespreis in einem Dichterwettstreit, einen verdammt teuren bronzenen Dreifuß, opferte. Und der Rhapsode? Er begann die Ilias bekanntlich mit den Worten „Singe, o Muse...“ und die Odyssee mit „Nenne mir, Muse, den Mann...“

So haben die Männer, die den Hellenen ihre Götter gaben, klar deutlich gemacht, wem sie das verdankten: nicht dem eigenen Genie, sondern einer Göttin, der Muse, die man auch als die neun Musen kennt, weil ihre Kunst vielfältig ist und die Vollkommenheit erst im Chor erreicht, in der Symphonie, die das Leben, der Kosmos, die Wahrheit ist. Denn die Musen sind Wahr-Sängerinnen. Geführt von Apollon, sind sie ursprünglich Orakel-Göttinnen, die an den „redenden Wassern“, etwa der Kassotis in Delphi, die Wahrheit der Götter verkünden, genau wie auch er selbst der Seher und Dichter ist, in seiner Wahrheit ferntreffend wie sein Bogen und musisch-poetisch wie seine Leier. Apollon und die Musen, das Orakel und die Poesie – sie gehören untrennbar zusammen. Die Musen sind nicht nur die Göttinnen eines Sprechens und Singens, das schön ist. Es ist auch ein Sprechen und Singen, das wahr ist. Einfach deshalb, weil es nicht Hellenen gewesen wären, hätten sie im Schönen nicht auch das Wahre gesehen? Ja, auch.

Sie stehen damit aber nicht allein. Auch bei Ger-

manen und Kelten sind die Götter des Sehertums zugleich die Götter der Dichtkunst, beide übrigens mit dem Raben als Begleiter, der auch bei Apollon ist: Lugus/Lugh in Gallien und Irland, bei dem das freilich weniger auffällt, weil er ein Meister aller Künste ist, und bei Germanen und Wikingern Wodan/Odin, der für die Erlangung der Seherkraft ein Auge opferte und von der Hüterin Odrörirs, des Dichtermets, den inspirierenden Trank gewann, den er den Dichtern weiterschenkt. Auch Odrörir gibt ihren Worten nicht nur Schönheit, sondern auch Wahrheit: Er ist aus dem Blut Kwasirs gebraut, eines Wesens, dem alle Götter ihr Wissen und ihre Weisheit gaben. Und sein letztendlicher Besitzer, für den er bestimmt ist, Wodan, hat seinen Namen von woð, einem Wort für einen besonderen geistigen Zustand, der sich ganz verschieden äußern kann, aber insgesamt am ehesten dem entspricht, was man auf Griechisch enthousiasmos nennt – das Erfülltsein von einer Gottheit.

Darüber schreibt sogar Platon, der eigentlich nicht viel von der Wahrheit der Dichtung hielt und gerade deshalb ein unverdächtiger Zeuge ist. In einer seiner Dialoge lässt er Sokrates mit einem jungen Rhapsoden namens Ion darüber diskutieren, woher er denn seine Verse hätte. Dieser Ion ist ein Wunderknabe als Interpret und Bearbeiter Homers, aber ein Versager in jeder anderen Art von Dichtung. Sokrates schließt daraus, dass er nicht aus eigener Kraft und Fertigkeit dichten kann, sondern dass ihm seine Kunst widerfährt oder, wie wir heute sagen würden, dass „es in ihm dichtet.“ Er erinnert daran, dass viele Dichter sagen, sie würden gleichsam wie Bienen in den Gärten der Musen ihre Verse aufsaugen, und er vergleicht sie nun wörtlich mit den Sehern, die ihre Wahrheiten nicht aus eigener Vernunft wissen, sondern „als Sprachrohre der Gottheit Worte verkünden, die nicht ihre, sondern die Worte der Gottheit sind.“ Wie die Orakelsprüche der Seher beruhe daher auch die Dichtkunst nicht auf Wissen, Vernunft und erlernter Fertigkeit (techne), sondern auf einem Außer-sich-Sein und Erfülltsein von der Gottheit – eben enthousiasmos.

Dass Platon, der hierin den Unterschied zwischen techne und poiesis – handwerklicher Fertigkeit und künstlerischem Schaffen, man kann auch sagen: Können und Kunst – festmacht, letztlich der techne den Vorzug gibt, weil sie vernunftgesteuert ist, spielt hier keine Rolle. Er bewertet die Dinge anders, aber er beschreibt sie so, wie sie die hellenische Tradition immer sah: Ion erkennt sich unter Anleitung des Sokrates genauso als Sprachrohr der Muse, wie sich schon Homer fühlte. Und da Sokrates, anders als sonst, keine detaillierte Begründung liefert, sondern die Ansichten über Dichter und Seher wie allgemein bekannte Tatsachen referiert, muss man davon ausgehen, dass auch die Mehrheit seiner Zeitgenossen so dachte. Auch für sie, wie für Homer, Hesiod und ihre Zeit, war die Dichtung kein Produkt von Wissen, Vernunft oder Fantasie des Dichters, sondern eines „Erfülltseins von der Gottheit“, einer Art Sehergabe, die nicht Kreation, sondern Wahrnehmung ist. Der Dichter schafft seine Werke nicht selbst. Er vermag zu hören, was die Muse zu singen weiß, und gibt es lediglich wieder: „Singe, o Muse...“

Deshalb ist die Dichtung wahr. Es ist die Stimme der Götter, die aus ihr spricht und singt, denn Gesang, Musik, Dichtung sind ihre Sprache. Das müssen nicht immer Hexameter sein. Dichtung ist auch schon der Mythos an sich, im homerischen Griechisch zum Unterschied vom gewöhnlichen Logos, der auch nur Gerede sein kann, jene Sorte von Rede, die wahr und wesentlich ist. Auch in Prosa gesprochen, ist der Inhalt des Mythos poetisch. Man kann ihn daher nur aus seiner Poesie heraus, als ein Sprechen im Geist der Musik und der Dichtung, verstehen. Das haben zur Zeit Herodots nicht mehr alle gekonnt, und so wurde es vielleicht damals schon hier und dort missverstanden, wenn er schrieb, dass Homer und Hesiod den Hellenen ihre Götter gaben. Aber es gab – wie den enthusiastischen Ion – auch viele, die es verstanden: Wer die Sprache der Götter spricht, noch dazu so erhaben und unübertrefflich wie diese beiden, beweist damit auch, dass er wahr spricht. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie große Dichter waren, können wir ihnen vertrauen.

Copyright by Fritz Steinbock

 
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