| Arete - Die Tüchtigkeit der Griechen |
Das Wort arete ist nicht leicht aus dem Griechischen zu übersetzen. Zumeist wird es lapidar mit Tugend übersetzt, jedoch ist dieser deutsche Begriff sehr stark mit Bedeutungen überfrachtet, die einerseits aus dem christlichen Bereich (z.B. den sieben „Kardinaltugenden“), andererseits aus einem daraus - über die mittelalterlichen „Rittertugenden“ - abgeleiteten System von unzeitgemäß anmutenden Eigenschaften, die sich letztlich auf Gehorsam und Sittsamkeit reduzieren lassen, stammen. Da sich auch hier das „antike Denken“ in ganz anderen Bahnen bewegt, möchte ich nun den antiken Begriff der arete beleuchten. Und wir werden erkennen, dass es sich eigentlich nicht um einen einzelnen Begriff, sondern vielmehr um ein Konzept handelt. Laut „Gemoll“ bedeutet das Wort arete “Tüchtigkeit, Tugend, überhaupt jede wertvolle Eigenschaft“, sowohl “an Gestalt und Charakter, Verstand und Können“, als auch an „Gesundheit, Besitz usw.“. Verwandte Worte deuten ebenfalls auf Superlative im Bereich des Könnens sowie des Charakters hin. Gehen wir also weg vom missverständlichen Begriff „Tugend“ und auch von der „Tüchtigkeit“, die ja meist auch nur als strebsame Anwendung erlernten Könnens, oder kurz „Brauchbarkeit“, interpretiert wird, obwohl ja die Herleitung von tucht (nhd. Zucht) auch grundsätzlich jede Art von aus Er-ziehung gewonnenen Fertigkeiten, also auch als positiv empfundene Charaktereigenschaften, mit einbe-ziehen würde. Vielleicht ist es ja die Sicht der Leistungsgesellschaft der letzten 50 Jahre, die hier noch fort wirkt, für mich wirkt das Wort „tüchtig“ jedenfalls ziemlich zweckorientiert - und der Zweck wäre hier wohl rein der Erfolg im Berufsleben, keines Falls aber eine ganzheitliche Sicht vom Menschen und somit auch kein „Rezept“ für ein erfülltes Leben (und zu einem solchen möchte ich, im Sinne der griechischen Philosphen, eigentlich gelangen!) Betrachten wir also die dritte Übersetzung: die „wertvollen Eigenschaften“ des Menschen. Natürlich sind diese sehr stark von der jeweiligen Kultur und auch vom persönlichen Umfeld des Menschen abhängig. Ein „Krieger“ wird wohl andere Eigenschaften für günstig erachten als ein „Künstler“ oder „Denker“. Jedoch wird es wohl etwas Grundsätzliches geben, das für alle gleich wertvoll erscheint. „Tugend nennt man dasjenige Bestreben des menschlichen Charakters, welches unaufhörlich dahin gerichtet ist, das Gute und Rechte, […] wie es ursprünglich in dem Menschen liegt [..], zu wollen und zu thun.“ meint die „Oekonomische Encyklopädie von J. G. Krünitz“ aus dem 19.Jh. Dieses genannte Bestreben findet sich natürlich an vielen Stellen in der antiken Literatur: zB.
bei Aiskhulos (Sept.592-3) über Amphiaraos: Der Held und Seher Amphiaraos war eines der viel zitierten Beispiele der Literatur für den „Besten“, den Mann, der nach seiner arete lebt. Er hatte seit dem 5.Jh. v.Z. auch eine eigene Kultstätte, siehe Kult des Amphiaraos. Ploutarkhos
beschreibt z.B. in seiner Biografie des Aristeides (3.4), dass
die Theaterbesucher, als das o.a. Stück des Aiskhulos aufgeführt
wurden, bei jenen Worten über Amphiaraos auf Aristeides blickten
(allerdings schreibt Ploutarkhos dikaios (gerecht) anstatt aristos (der
Beste), was uns einen zusätzlichen Aspekt beschert: auch der
Sinn für Gerechtigkeit ist einer der Bestandteile der arete
(man vergleiche mit dem hebräischen zaddiq - dem „Gerechten“ als
Inbegriff des „guten Menschen“). Herodotos schreibt
sogar (Hist.8.79.1), dass |
Aristeides, obwohl er ostrakisiert worden war, von den Athenern als „bester Mann“ geschätzt wurde. Wie also wird man „der Beste“, wie wird man „gerecht“, wie lebt man aus seiner arete? Ein wichtiger Punkt für die Griechen war natürlich das Gefühl der Gemeinschaft, oder genauer, das Gefühl, mitverantwortlicher Teil der Gemeinschaft zu sein. Es handelt sich nicht nur um das meisterhafte Beherrschen einer bestimmten Tätigkeit (wie man bei der Übersetzung mit „Tüchtigkeit“ vielleicht implizieren will), nicht um einen oberflächlichen Heldenkult wie man ihn heute etwa bei Sportstars, Schauspielern oder Musikern findet (was aber auch durchaus in der Antike schon in ähnlicher Weise praktiziert wurde), sondern um ein tief greifendes persönliches Bedürfnis, all seine Fähigkeiten in den Dienst des Staates, in das Wohl der Mitmenschen zu stellen. Ein Wort, das die Dimensionen einseitiger Konzentration auf Nützlichkeit sprengt und von den Griechen sehr gerne im Bereich des Komplexes arete, bei der Beschreibung von Helden, aber auch als Eigenschaft der Götter, verwendet wurde, ist agathos. Auch bei diesem Wort, ebenso wie bei arete selbst, umspannen die Bedeut-ungsmöglichkeiten der deutschen Übersetzung „gut“ viel zu viele Variationen der Güte, von der Bewertung einer Tätigkeit oder eines Produkts, bis zu einer weit gehend als positiv empfundenen Charaktereigenschaft. Xenophon
schreibt (Mem.2.6.39), dass Sokrates den Kritoboulos belehrte: Hieraus lernen wir zweierlei: einerseits, dass es weder darum geht, „mehr zu scheinen als zu sein“, oder auch umgekehrt, sondern genau das zu sein, was man in der Einschätzung der Mitmenschen sein will, hier zum Beispiel „gut“ (agathos), es könnte im Text aber genauso gut „gerecht“, „edel“, „großzügig“ usw. stehen. Und, zweitens, dass jede dieser „wertvollen Eigenschaften“ erlernt und durch ständiges Bemühen vermehrt werden kann. Dies war wohl auch der Sinn der paideia der Griechen, die ihrer Jugend durch Studium der „Klassiker“ und der Taten der Helden anhand von Beispielen diese Eigenschaften zu vermitteln versuchten. Ein weiteres Wort, das neben dem „Guten“ (agathos) im Zusammenhang mit den griechischen Werten immer wieder genannt wird, ist der Begriff des „Schönen“ (kalos). Den Griechen wird zu Recht nachgesagt, dass sie besonderes Augenmerk auf die Schönheit legten, und das kann besonders im Bereich der Kunst auch heute noch gesehen werden. Darstellungen schöner Götter und Menschen, kunstvolle Bauwerke und auch stilistisch und bezüglich der Wortwahl ausgefeilte Werke der Dichtkunst zeigen, dass sowohl körperliche als auch geistige Schönheit für die Griechen zu ihrem Streben nach Vollkommenheit gehörten. Unter den Philosophen gibt es keine wirkliche Übereinstimmung, was die „Haupttugenden“ betrifft. Platon sieht z.B. als Hauptbestandteile der arete folgende an: Weisheit (sophia), Gerechtigkeit (dikaiosune), Tapferkeit (andreia) und Mäßigung (sophrosune), bei anderen variieren diese aber, je nach den Schwerpunkten der jeweiligen Richtung. Man erkennt daher erneut, dass „Tüchtigkeit“ ein kulturelles Phänomen ist. Aber
einer dieser Werte allein, also nur z.B. der Sinn für Gerechtigkeit,
oder Gemeinschaftlichkeit, oder Schönheit ist zu wenig: zum
ganzen Menschen gehören alle diese Eigenschaften, sie alle
müssen erworben und gepflegt werden - das bedeutet arete. |
| Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios) |