| Ritual-Rückkreuzung |
Ich habe mir einmal mehr Gedanken über die Gestaltung unserer Rituale gemacht, weil die Durchführung von Ritualen offenbar etwas ist, was gerade von "neuheidnischen" Religionen erwartet wird - im Gegensatz zu z.B. christlichen Religionen, wo man (nicht nur, aber auch) soziales Engagement, "unreligiöse" Veranstaltungen, Vorträge usw. erwartet und eigentlich außerhalb des Sonntags-Gottesdienstes nicht von all zuviel "Religiösem" hören will. Doch im Bereich des "Heidentums" hört man kaum den Ruf nach etwas anderem als nach "Ritualen", und es gibt nur selten "Religiöses" außerhalb von Ritualen, die sich noch dazu an einem ohne weiteres Hinterfragen großteils akzeptierten "Jahreskreis" orientieren. Ich kann in diesem Rahmen nicht näher auf die Ritualtheorie eingehen (und leider ist in diesem Bereich die "Forschung" meines Erachtens sehr einseitig auf Rites de passage und Alltags- sowie "Ersatz"rituale wie z.B. im Sport beschränkt), möchte jedoch meinen Ausführungen einen Gedanken voran stellen: das religiöse Ritual ist die Nachbildung der Kosmischen Ordnung (Kosmos). Unter diesem Gesichtspunkt (das Wort "Ritual" leitet sich vielleicht vom ie. wrti, sanskr. rta ab, die beide mit der kosmischen Ordnung verbunden sind) möchte ich einige Gedanken zur Gestaltung von "Feiern mit rituellem Charakter" (Eortai) im rekonstruierten hellenischen Poly-theismus wagen. Wenn man die Form der antiken griechischen Rituale betrachtet, fällt auf, dass es offenbar keine gibt - zumindest keine genau überlieferte. Es wurde von antiken und modernen Autoren sehr viel über das Opfer (hier dann zumeist das Tieropfer) ge-schrieben, aber darüber hinaus eher wenig, vor allem kaum etwas über die religiösen Hintergründe von Kulthandlungen (es wird zum Beispiel von Homer beschrieben, dass Odysseus seine Halle mit Schwefel ausräuchert, nachdem er die Freier seiner Gattin dort getötet hatte - aber warum? Um die rachsüchtigen Geister der Getöteten zu vertreiben? Oder empfindet er die Halle nun als unrein (miaros), obwohl er seine Tat ja wohl als gerechtfertigt ansieht? Was macht sie dann aber unrein? Wenn es das Morden war, müsste er sich dann nicht vordringlich selbst reinigen? (Was er aber nicht tut!) Oder war die Halle durch das frevlerische Handeln der Freier vorher schon unrein, und das Räuchern hat gar nichts mit dem Gemetzel zu tun?) Beschrieben wird gern ein mythologischer Hintergrund ("Be-gründung") von Kulten, vor allem. von der Stiftung eines Kultes oder bestimmter Bestandteile, wobei natürlich mythologische Be-gründungen sich historisch nicht nachvollziehen lassen und somit oftmals "uraltes" Brauchtum in einer Feier damit ratifiziert werden soll. Impliziert wird hier auch die allgemeine Annahme, dass die Götter die Kosmische Ordnung repräsentieren (siehe zum Beispiel Saloustios, „Peri Theon kai Kosmou“ 11), da alles im Kultus göttlicher Herkunft sein muss. War es aber den Menschen der Antike egal, warum sie eine Handlung durchführen oder einen Text sprechen sollen? Genügt als Begründung wirklich, dass es diese oder jene Gottheit so eingerichtet habe? Dies bedingt natürlich in weiterer Folge auch die Notwendigkeit der genauen Befolgung der Handlungen und führt zur oft gehörten Aussage, dass es für die antiken Menschen nur wichtig war, die richtigen Hand-lungen im Kult auszuführen, mit dem Herzen (oder wie auch immer) brauchte man nicht dabei sein, man musste auch nicht "glauben" (wie wir das Wort verstehen) usw. Die weitere Konsequenz wäre dann natürlich auch die Zuwendung der Menschen, denen diese reine Orthopraxie zu wenig war, zu Mysterienkulten, bei denen es ja offenbar auch um metaphysische Inhalte geht. Die
antike Kultfeier scheint sich primär um das Tieropfer herum
aufgebaut zu haben. Walter Burkert („Homo Necans“, „Greek
Religion“) sieht den Ursprung des Tieropfers in der Jagd
- und somit das Abbild des (erfolgreichen) Jagdzugs und des daran
anschließenden Festmahls im klassischen Ritus: Vorbereitung
des Sakralen Raumes - aggressiver Akt - danach das gemeinsame Fest
als Bestätigung des Lebens - und zum Abschluss das agon,
die Wettkämpfe (die vielleicht ursprünglich als "Eheanbahnung" gedient
haben, wenn sich die jungen Männer zur Schau stellten - darum
durften auch bei den Olympischen Spielen keine ver-heirateten Frauen
Teil nehmen, denn die brauchten sich ja keinen Mann mehr auswählen).
Man kann sich hier eine Entwicklung vorstellen: der archaische
Jäger, der ein Tier erlegt hatte, war zuerst einmal stolz
auf sich selbst, seine Fähigkeiten als Jäger, und dankbar
den Geistern/Göttern, die ihm dieses Tier zu erlegen ermöglicht
hatten (die auch vor der Jagd kultisch darum gebeten worden waren,
wie man vermuten kann, wenn mit neueren indigenen Völkern
und deren Riten vergleicht), sowie gegenüber der Jagdgruppe,
die ja gemeinsam den Erfolg herbei geführt hat, wenn auch
nur ein Einzelner den tödlichen Schuss abgegeben hat. |
immer schon wesentlich für das Überleben des Einzelnen - und daraus resultieren die diversen ethischen Regeln, die von vielen Völkern auch durch ihre Einsetzung von einer Gottheit religiös authentisiert werden. Diese Betrachtungsweise wäre aber zu erweitern um das beide genannten Konzepte umspannende Prinzip des wrti - für das es kein etymologisch entsprechendes Wort im Griechischen gibt (wobei meiner Meinung nach sowohl Arete als auch Eorte damit zusammen hängen, sowie vermutlich Kairos, der Begriff für das rechte Maß, den rechten Zeitpunkt oder Ort) - also des umfassenden, vielschichtigen Kosmos-Begriffs der Griechen. Sollte man daher nicht im Rahmen der "Rekonstruktion" von antiken Kulten versuchen, den ursprünglichen Begründungen für die Kulthandlungen, also dem "Nachbilden der Kosmischen Ordnung" auf die Spur zu kommen und daraus neue und gleichzeitig sinnvollere Modelle für "unseren" Kultus zu entwerfen anstatt sich aus den Quellen mühsam angeblich "authentische" - aber dann auch durchwegs "orthopraktische" - Ritualschemata zusammen zu stellen, wie dies ja leider derzeit üblich ist? Betrachtet
man z.B. die Vorgaben für "klassisch-griechische" Rituale,
die auf modernen Internet-Seiten (1) zu finden sind, zeigt sich
folgendes Bild: Hieraus ist auch erkennbar, dass es nicht der Tieropfer bedarf, um die Verbindung der einzelnen Elemente der Feier (sakraler Raum/Zeit, Götter, Menschen, Worte, Opfergaben,…) herzustellen. Diese Standardstruktur sollte aber nur als Rahmen dienen: ihre Elemente müssen vorhanden sein, wenn man die traditionelle Abbildung des Kosmos durchführen will (und wird auch in dieser Form von allen Religionen der indoeuropäischen Linie so durchgeführt). Zusätzliche, ergänzende (oder ersetzende) Elemente sollten allerdings durch die Vorgabe des "Anlasses" der einzelnen Feiern oder generell für eine Gemeinschaft hinzugenommen werden, wie zum Beispiel tänzerische Elemente oder theatralische Darbietungen von mythologischen Szenen. So wäre auch die von einigen Gruppen praktizierte Anrufung/Aufstellung der vier Elemente in den vier Himmelsrichtungen zu sehen als eine zusätzliche Bekräftigung der Stabilität des Kosmos durch jene Energien, die ihn bilden und zusammen halten. Mögliche
weitere Elemente wären: ------------------ |
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