Restriktion oder Auflösung?

Ich greife wieder mal ein Thema von einem Forum, diesmal von unserem eigenen Hellenismos-Forum auf. Da geht es um die Frage, wie ein "klassischer" Grieche wohl mit der Tatsache umgegangen ist, dass es neben der Zeusfamilie noch viele andere, "importierte" Gottheiten in Griechenland gibt.

Zunächst mal könnte man die Thematik ja historisch angehen und fragen, von welcher Epoche der griechischen Antike man denn eigentlich sprechen möchte: der archaischen, in der es wohl primär um Gottheiten der Fruchtbarkeit (sowohl der Menschen, als auch des Landes) gegangen ist, oder der klassischen Zeit, als sich die (wohl mehr oder weniger indoeuropäisch dominierte) Zeusreligion auszubreiten begann, oder interessiert uns mehr die hellenistische Zeig mit der alexandrinischen Globalisierung, als jede Menge "fremde" Gottheiten von Kriegs- und Handelszügen mitgebracht wurden? Oder gar die Spätantike, als die Religion zunehmend von philosophische Richtungen dominiert wurde?

Ich persönlich verstehe unter Rekonstruktionismus in unserer hellenischen Religion ganz sicher nicht, sich an einer bestimmten, womöglich noch "von oben" festgelegten Epoche fest zu krallen, sondern viel mehr, die Möglichkeiten für uns zu nutzen, die uns geschenkt wurden, weil wir eben gerade kein heiliges Buch oder dogmatischen Leitfiguren haben.

Wir können ja eigentlich gar nicht sicher sagen, wie sich die Menschen im 10., 8. oder 5. Jahrhundert vor oder im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bezüglich ihrer Religion gefühlt, oder was sie gedacht haben. Denn alles, was wir zur Verfügung haben, sind schriftliche Aufzeichnungen von Mythologen, Philosophen, Dramatikern, Poeten oder Historikern/Geografen, weiters Vasenbilder und andere Kunstwerke, und von der "breiten Masse" besten Falls Votivgaben. Alle diese sagen eigentlich nur aus, dass geglaubt wurde, aber nicht, was geglaubt wurde. Denn was wir kennen, ist primär Kunst, nicht Religion. Darstellungen von Gottheiten und ihrer Taten sind natürlich immer Interpretationen, Spiegel der jeweiligen kulturellen Strömungen, ja Mode-Erscheinungen.

Was wurde nun aber wirklich "geglaubt" von den Mythen, was nur als unterhaltsame Geschichte gesehen so wie heute etwa ein Action-Film? Welche Mythen kann/darf/soll man allegorisch deuten? Und: noch faszinierender: was an den Mythen kann man tatsächlich historisch interpretieren? Ist die Tatsache, dass Zeus und Hera verheiratet sind - und Hera nicht des Zeus erste Frau ist! - nicht einfach eine Aufbereitung der Tatsache, dass Hera, die (oberste Mutter?-)Göttin der Argoler und Arkadier, dem Zeus (ie. Dieus Pater, der "hell aufleuchtende Vater"), dem obersten Gott der eingewanderten Ionier/Dorer, an die Seite gestellt wurde (anstatt sie einfach "auszumerzen", wie es vielleicht andere Eroberer gemacht hätten).

Viele Gottheiten des "griechischen" Pantheon sind "eingewandert", "importiert" und dann "assimiliert", und welche sollte man nun als "typisch" hellenisch bezeichnen? Was wäre denn "hellenisch"? Genau so wenig wie die "Griechen" (nämlich jene Menschen, die dann letztendlich das Gros der "klassischen Hellenen" ausmachten) aus griechischen Gebieten stammen, sondern ionische, dorische, ... Einwanderer aus dem Norden sind, genau so wenig

sind griechische Götter griechisch.
Die griechische Kultur und somit auch Religion ist Multi-Kulti. Alle Versuche, sie zu einer "ethnischen" Religion zu machen, bezweifle ich stark, denn eigentlich wird durch die Mythen gerade das Gegenteil bewiesen: "die" Griechen gibt es genau so wenig wie "die" Kelten, Germanen, Römer, Slawen, ... Engländer, Franzosen, Österreicher, Deutschen.

Nun wäre es ja einfach, würde man sagen: wenn es also eigentlich keine "wirkliche" griechische Religion gibt, könnte man dann nicht also genauso gut auch heute noch einfach verschiedene Gottheiten aus verschiedenen Kulturkreisen mit einander vermischen, sich also seinen "eigenen" Pantheon zusammen stellen?

Dagegen sprechen zwei Dinge: erstens haben sich die Griechen nicht willkürlich irgendwelche Gottheiten zusammen gesucht, sondern dies nur im kulturellen, also soziopolitisch bedingten Hintergrund getan, und somit immer als Gemeinschaft, und auch nicht "von heute auf morgen", sondern als lange dauernder Prozess, der aber immer um eines zentriert war: um die sich langsam verwirklichende Identität der verschiedenen griechischen Stämme als Hellenen. Denn wenn es auch viele Kleinkriege zwischen den Stadtstaaten (poleis) gab, in ihrer Religion waren sie sich mindestens seit homerischer Zeit einig, und alle, die zu den verschiedenen Festen zu den diversen panhellenischen Heiligtümern pilgerten, waren unantastbar.

Und zweitens darf man nie aus den Augen verlieren, dass es sich bei der griechischen Religion in ihrer Ausformung der Zeusfamilie, die es ja doch mindestens zwischen dem 8.Jh. v.Z. bis zum 6. Jh. n.Z. gab, um ein letztendlich homogenes Gebilde handelt, das vor allem eine grossartige Eigenschaft besitzt: sie bildet den Kosmos ab, weil sie alle Elemente unserer Welt, ihrer Schönheit und Ordnung in ihrem Pantheon beinhaltet. Und diese Abbildung des Kosmos wurde von den Griechen der Antike in genau diesem und keinem anderen Pantheon gesehen, und diese Sicht ist wohl der Klebstoff, der die Hellenen im Geiste zusammen hielt. Somit entscheidet man sich bei willkürlichen Veränderungen dieser Homogenität gegen die hellenische Sichtweise vom Kosmos. (Dasselbe gilt natürlich auch für die Göttersippen anderer Völker, denn alle bilden sie, aus dem jeweiligen Kulturkreis heraus, den Kosmos auf ihre Weise und im Verständnis der jeweiligen Gläubigen ab.)

Wenn man also hellenischen Rekonstruktionismus betreibt, verpflichtet man sich nicht nur den Göttern des Olymp, sondern auch dem hellenischen Geist, jener Gemeinschaft, die in politischer, künstlerischer und geistiger Hinsicht die Basis der europäischen Kultur gebildet hat. Jedoch gilt es, nicht in der klassischen Antike stehen zu bleiben, sondern diesen einmaligen hellenischen Geist in die heutige Zeit zu tragen, sich nicht an irgendwelche (angeblich) antiken Riten zu klammern, sondern die Götter heute zu uns sprechen zu lassen, so wie es die großen Frauen und Männer der Antike ja auch taten. Rekonstruktion im hellenischen Geist bedeutet nicht Beschränkung, sondern Auflösung der Beschränkungen! Und dies wird erreicht, indem man versucht, sich in die kosmische Ordnung hinein spüren und die Gemeinschaft der Götter und Menschen wieder erstehen zu lassen - zuerst in sich selbst und sie dann nach außen zu tragen.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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