| Wozu das Ganze? |
Ich wurde eingeladen, auf einem mittler Weile recht bekannten "heidnischen" Treffen einen Vortrag über den Hellenismos zu halten. Sogleich machte ich mich an die Arbeit, das Wesen unserer Religion heraus zu arbeiten, und das für die Länge von einer Stunde. Worauf sollte ich mich konzentrieren? Auf die antike Kultpraxis? Auf unsere moderne Interpretation? Oder auf das grundsätzliche Wesen oder gar das Ziel des Hellenismos? Was wäre denn das Wesen, das Ziel des Hellenismos? Worauf richten wir uns in unserer Religion denn in Wirklichkeit aus? Da wir ja kein heiliges Buch haben, aus dem man die Antwort ablesen kann, müssen wir diese wohl selbst suchen. (Jetzt könnte man auch gleich als Zwischenergebnis fest stellen, dass die Suche selbst schon ein Teil des Sinns unserer Religion wäre.) Die Griechen der Antike sahen ja wohl, je nach Epoche, mehrere unterschiedliche Sinngebungen: In der archaischen Epoche, in der wohl das Hauptaugenmerk auf dem Umgang mit einer doch ziemlich harten Umwelt lag, mit denen man fertig zu werden versuchte, indem man Naturkräfte deifizierte und rituell beschwichtigte, ging es wohl für heutige Verhältnisser ziemlich "wild" zu, bis dann Homer & Co. durch die Festschreibung der Zeusreligion Ordnung in das Chaos brachten. Die klassische Epoche brachte dann das Polis-Wesen, die staatliche Regelung aller menschlichen Angelegenheiten, auch der Religion. Eine geordnete Staatsreligion entstand, Zeus wurde zum Herrscher der Götter, und seine Familie erhielt Aufgaben zugeteilt, sinnbildlich für die verschiedenen Funktionen und Tätigkeiten auf menschlicher Ebene. Man war sozial, entwickelte die Tugend, die Erziehung, die Gastfreundschaft und fühlte sich in seinem Griechentum den anderen Völkern überlegen. Dann kam die alexandrinische Expansion, und allerhand Einflüsse anderer Religionen strömten auf die Griechen ein. Damit mussten sie einmal fertig werden! Neue Götter, neue soziale Verhaltens-muster, neue religiöse Strömungen: Dualismus, Erlösungsreligionen, Leben nach dem Tod! Die alten religiösen Strukturen wurden aufgeweicht, unterwandert von Mysterienkulten. Und je später die Antike, desto weniger sah man in der Zeusreligion die Erfüllung. Sie wurde weitgehend zur bloßen Orthopraxie degradiert - doch was glaubten die Menschen? Und somit kommt irgendwann die Frage für den hellenischen Rekonstruktionisten: welche dieser Epochen sollen wir uns denn als Leitbild nehmen? Viele versuchen es mit der klassischen Zeit, als alles noch klar und strukturiert war, und auch gut schriftlich und bildnerisch dokumentiert. |
Doch was wäre, wenn wir uns vornehmen würden, einfach dort weiter zu machen, wo man ca. im 4. Jahrhundert (nach dem vergeblichen Wieder-belebungs-Versuch des Ioulianos) aufgehört hat? Wenn wir also davon ausgingen (wie es ja auch einige unsere griechischen Glaubensgenossen tun), dass die hellenische Religion nie aufgehört hat zu existieren? Wie hätte sie sich weiter entwickelt, wie würde sie sich heute darstellen? Fakt ist, dass wir uns in vielen Aspekten "modern" zeigen müssten, und gerade jene Fragen beantworten, die man heute an Religionen und Weltanschauungen stellt (leider stellt, denn viele dieser Fragen haben mit Religion an sich wenig zu tun): wie steht ihr zu vorehelichem Sex, Abtreibung, gleichgeschlechtlichen Partner-schaften, Rüstung, Umweltfragen, ... Klar, man könnte nun sicher Belegstellen aus der Antike suchen und finden, die über diese Themen Auskunft geben, denn die Themen an sich gab es schon immer, doch wäre das Ziel führend? Sollte man nicht eher versuchen, aus dem griechischen Denken (Eusebeia, Arete, ...) heraus Antworten selbst zu finden? Oder vielleicht mal die Götter befragen? Oder ist es denen egal, wie wir hier herunten herumwurschteln? Fragen über Fragen. Aber geht es wirklich um diese Fragen nach dem hier und jetzt, geht es nur um die momentane Lebensbewältigung, oder sollte die Fragestellung nicht viel eher lauten: wie stellt ihr euch die Zukunft der Menschheit vor? Denn mit so einer Zielvorstellung wäre ja die Ausrichtung des persönlichen sowie des gesamt-sozialen Lebens einfacher als mit kurzfristigen Antworten auf die Aufreger aus der Tageszeitung. Denn mit einer Ausrichtung in die Zukunft wäre auch die Gegenwart leichter zu bewältigen: wenn ich weiss, was heraus kommen soll, kann ich leichter sagen, wie ich dies anfange. Ein Hausbau beginnt ja auch mit einem Bauplan und nicht mit dem Kauf der Fenster. Ist
die griechische Religion denn nicht ausschließlich auf das
Diesseits gerichtet? Sind jene Elemente, die nach dem Leben nach
dem Tod fragen, nicht eigentlich "importiert" und in
den Mysterienreligionen individualistisch auf das Nachleben des
Einzelnen ausgerichtet und somit nicht gemäß dem sozialen
Gedanken des Hellenentums? Is sie überhaupt geeignet, etwas
anderes zu tun als das menschliche Leben zu ordnen? Oder ist ihr
Wesen auch in die Zukunft orientiert - etwa zur Wiederkehr des
Goldenen Zeitalters, als Götter und Menschen zusammen lebten
- und wieder zusammen leben werden? Ist die göttliche Weltordnung,
der kosmos, nicht auf gerade dieses Bild hin ausgerichtet? Und
all unsere Bemühungen mit den antiken Schriften, unsere Übungen
im antiken Denken, unsere dankbaren Gebete und Opfergaben der Weg
dort hin? |
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