| Der Schüler auf der Suche nach den Göttern |
Das Einstiegskapitel bei Saloustios' “peri Theon kai Kosmou” (d.h. Über die Götter und den Kosmos) beschreibt seine Anforderungen an jene Menschen, die sich dafür interessieren, mehr "über die Götter" zu lernen. Diesen Wunsch könnte man sicherlich bei uns allen fest stellen, die wir uns mit der antiken griechischen Religion beschäftigen, um so mehr, als uns ja auch die zeitliche Distanz von einem originalen Wissen über diese Religion, das in der Antike bereits die Kinder innerhalb ihrer Erziehung erfahren haben, trennt. Nun
denke ich, dass auch seine Anforderungen uns allen gelten, wenn
wir uns mit den Themen des umfangreichen Gebietes der antiken griechischen
Religion beschäftigen: Was bedeutet das aber in der Praxis? Aus der Erziehung, aus den verschütteten Tiefen unserer (Schul)bildung sollten wir also "das Gute" verwenden? Nun, das, was wir über Religion gelernt haben, ist wohl in den wenigsten Fällen ein Quell der Begeisterung für die weitere Beschäftigung damit. Was wir aber (bewusst oder unbewusst) von Eltern und Lehrern mitbekommen haben, ist der grundlegende Gedanke, dass es etwas Göttliches gibt - dass da offensichtlich mehr ist als nur das, was wir mit unseren normalen Sinnen erfahren können. Und hierbei ist es auch erst mal gleichgültig, wie wir zu diesem Gedanken oder Gefühl des Göttlichen gekommen sind - ob den Glauben an einen Gott in der Kirche, die alten griechische Götter und Helden im Schulunterricht oder einfach die Erfahrung eines Sonnenaufgangs auf der Alm bei einem Familienausflug. Und was wären dann die "unvernünftigen Vor-stellungen"? Gilbert Murray (Five Stages of Greek Religion) meint, dass Saloustios hier auf die Mythologie der Griechen anspielt, die ja von ihm und anderen Neuplatonikern gerne allegorisch gesehen wurden. "Unvernünftig" wäre dann, wenn die Mythen wörtlich gedeutet würden. Wenn wir uns also den Göttern nähern wollen, sollten wir demnach nur das von der Mythologie annehmen, was sowohl von mehreren verschied-enen klassischen Autoren, also auch von der Wissenschaft und unserem persönlichen Gefühl her als "stimmig" erachtet wird. Saloustios schreibt im 7.Kapitel: "Aber warum wurden Ehebruch, Diebstahl, Fesselung des Vaters, und andere Sonderbarkeiten in die Mythen eingebracht? Ist es nicht erstaunenswert, dass wegen der Offenkundigkeit der Absurdität die Seele diese Worte sofort als Vorhang erkennt und glaubt, dass die Wahrheit ihn zerreissen kann?" Der |
verständige Mensch sollte seiner Meinung nach selbst in der Lage sein, zu erkennen, was die wahre Bedeutung der "Seltsamkeiten" in den Mythen ist. Dies ist für uns heute vielleicht schwieriger als für den antiken Menschen, der mit diesen Mythen aufgewachsen ist und möglicher Weise auch verschiedene Deutungen kennen gelernt hat. Für viele Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Mythologie beschäftigen, stellen sich aber offenbar mehr Fragen, als sie Antworten finden können, z.B. die alte Streitfrage, ob zuerst der Mythos oder der Ritus da war. Wie also an die Mythen heran gehen? Oder sind die Götter unabhängig von den Mythen? Ist Religion auch ohne Götter möglich - und Götter ohne Religion? Brauchen uns die Götter - und wir sie? Liest man die Diskussionen über Religion im Internet, kommt man zum Ergebnis, dass diese Fragen nach wie vor aktuell sind, denn man ortet eine ziemlich umfassende Verwirrung zum Thema Religion oder auch Mythologie. Diese Verwirrung ist wohl der Grund, warum Saloustios meint, dass der Schüler in guter Verfassung und verständig sein soll - damit sich eben die Verwirrung in Grenzen hält, weil er in der Lage wäre, mit der Kraft seiner Vernunft die verschiedenen Standpunkte abzuwägen und selbständig zu einer Lösung zu kommen - und nicht nur die Meinung des Lehrers (oder des Internet) wiederzukäuen. Selbständig sollte er auch die "gemeinsamen Vorstellungen" abwägen können, also, nach Saloustios, Ansichten wie Dass all das Göttliche gut, frei von Leid und unveränderlich ist. Nun könnte man einwenden, dass das eine Hypothese ist, keine allgemein anerkannte Tatsache. Für uns heute wäre das z.B. die Energie eines Systems bleibt ohne Einwirkung von außen konstant, doch in der Antike scheint es sich auch bei Saloustios' Aussage um eine allgemein anerkannte Tatsache gehandelt zu haben (und den "Beweis" liefert er auch). Generell war "das Gute" für die alten Philosophen ebenso ungreifbar wie wesentlich und wurde von ziemlich allen thematisiert, wie auch etwa die "Tugend" (arete). Was also "gemeinsame Vorstellungen" sind, ist wohl auch Frage des jeweiligen kulturellen Erbes. Und somit haben wir den perfekten Schüler: er kennt das Alte, ist offen für Neues, kann logisch denken, klammert sich nicht an Gemeinplätze und die Meinung der "breiten Masse" - oder auch das so genannte Allgemeinwissen (oder auch "offene" Online-Lexika, bei denen jeder seine eigene "Weisheit" verbreiten kann), sondern bildet sich seine eigene Meinung auf Basis seines Verstandes. Mit diesem Rüstzeug kann man sich an das Studium der antiken Werke heran wagen, um das Wesen der Götter verstehen zu lernen - was ja für uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz um vieles schwieriger ist als für einen damaligen Schüler, der z.B. den "christlichen" Überbau unseres "Wissens" nicht erst vorher zusätzlich abzutragen hatte. |
| Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios) |