Die delphischen Regeln
Bei den so genannten "delfischen Regeln" handelt es sich nicht um ein geschlossenes Regelwerk, eine fest gelegte Sammlung von Lehrsätzen, sondern um ein typisches Beispiel für die Art der Griechen, mit ihren "Weisheiten" umzugehen, so diese nicht von den Schülern eines bestimmten Philosophen aufgeschrieben und so als Ganzes weiter gegeben wurden: die delfischen Regeln existieren also in vielen einzelnen Überlieferungen, oft nur fragmentarisch oder als Zitate bekannt.

Traditionell werden sie den "Sieben Weisen" zugeschrieben, die sich (im frühen 6.Jh. v.Z.?) in Delphi zum Diskutieren getroffen und allgemein gültige Regeln für das Zusammenleben der Menschen auf einer Säule des Tempels eingraviert haben sollen. Im Laufe der Zeit kamen dann aber offenbar noch weitere Sätze hinzu, nach dem derzeitigen Stand sind es 147. Diese wurden dann immer wieder kopiert, um sie in allen Teilen der griechischen Welt zu verbreiten. Philosophen wie Sokrates und Aristoteles (z.B. Rhet.2.12) zitierten die eine oder andere Regel in ihren Lehren - z.B. die bekanntesten gnothi seauton (erkenne dich selbst) und mäden agan (nichts zuviel). Durch die breite Aufnahme der Texte vermehrte sich nicht nur deren Zahl, sondern auch die Zahl der "Weisen", also der Autoren, denen man die Mitwirkung an den delfischen Regeln zuschrieb. Es sind dies: Thales aus Milet, Solon aus Athen, Chilon aus Sparta, Pittakos aus Mytilene, Bias aus Priene, Kleobulos aus Lindos, Periander aus Korinth sowie, später, Sosiades, Anacharsis der Skythe, Myson aus Sparta, Epimenides aus Kreta und Pherekydes aus Syros.

Von der Formulierung her sind die delfischen Regeln einfach gehalten, meist als "Sätze" aus zwei Worten (vermeide X, strebe Y an, ...), um sie so auch leichter lernen zu können, denn sie waren nicht nur für die gebildete Oberschicht, sondern auch für den einfachen Mann bestimmt. Die Sätze sind völlig ungegliedert, und sie umfassen das religiöse Verhalten genau so wie das Leben in Familie und Gesellschaft oder Wege zur Bildung der eigenen Persönlichkeit. Sie bieten auch keine völlig neuen Erkenntnisse, die ein komplettes Umdenken erfordern würden, sondern entstammen durchwegs dem "Hausverstand". Eine direkte "göttliche Eingebung" wird meines Wissens nirgends behauptet, es genügte offenbar schon die Tatsache, dass sich die Inschriften im Tempelbezirk von Delphi befinden, um sie "heilig" zu machen - oder aber, es war für die Bevölkerung gar nicht nötig, eine göttliche Autorität hinter den Sätzen zu sehen, da sie sich selbst Autorität genug waren, schliesslich benötigen sie weder Glauben noch Auslegung, sie sind eben selbsterklärend.

Jedoch, wer weiss? - vielleicht saß Apollon ebenfalls unter den Weisen und diskutierte eifrig mit? Das Ergebnis dieser Denkerrunde ist jedenfalls eine Sammlung, die von allem Menschen, religiös oder nicht, als ethische Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen verwendet werden kann. Und jene Verweise auf das Göttliche, die manchmal, quasi als Erinnerung an Aussermenschliches, hervorscheinen, sind so neutral, dass sie eigentlich mit jeder Religion übereinstimmen.

Mehr zu den delfischen Regeln, sowie den vollständigen Text mit allen bekannten Quellen und deutscher Übersetzung, finden registrierte Mitglieder von Hellenismos:now! in unserer Sammlung von Quelltexten.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
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