| Hellenismos: Uninteressant? |
Unseren
Newsletter gibt es jetzt also seit einem Jahr. Einerseits sicher
ein Grund zum Feiern, andererseits aber auch, um Nachschau zu halten. Dabei
gab es genug Kontakte und auch Interesse, sowohl im Internet als
auch im wirklichen Leben, aber das Interesse war das von aussen
stehenden Beobachtern, die selbst ihren eigenen Weg gehen möchten,
und nicht das von Menschen, die im Hellenismos ihren Weg zu finden
hofften. Das Treffen in Innsbruck im September, oder auch unsere
Teilnahme an, nennen wir es mal "allgemein heidnischen" Veranstaltungen,
waren zwar hoch interessant, aber nicht das, was wir uns erhofft
hatten. Vor einigen Tagen war ich in Innsbruck bei einer Info-Veranstaltung eines Kulturvereins, der sich "praktische Philosophie" auf die Fahnen geschrieben hat. Primär wollte ich mal wissen, wie viele Leute denn zu so einem Thema auftauchen würden, und wie sie dazu gekommen sind. Es waren 10 Personen, Alter zwischen 25 und 60, weiblich und männlich gleicher Maßen, und die meisten hatten wohl Flugzettel bekommen. Warum
erzähle ich das? Nicht wegen der Flugzettel, die haben wir
auch schon geplant, entworfen und ausgedruckt, sondern wegen der
Tatsache, dass man doch mit Philosophie fast automatisch Namen
wie Platon, Sokrates, Epikur, Marc Aurel verbindet (neben Kant,
Hegel, Nietzsche & Co.), also die Antike aus der Riege der "Freunde
der Weisheit" nicht weg zu denken ist. |
Mythologieseiten hervor zu rufen. Im Schulunterricht haben wir alle ein wenig in die Mythologie hinein geschnuppert, kennen die Irrfahrten des Odysseus und die Taten des Herakles, die bluttriefenden Dramen des Sophokles und Euripides, wir haben auch von griechischer Geschichte ein paar Schlachten kennen gelernt, in der Mathematik ein wenig von Pythagoras' Überlegungen, in der Kunst von verschiedenen Säulentypen gehört, und natürlich von den Philosophen, die ja anscheinend atheistische Naturwissenschaftler waren. Ja, letztlich reduziert sich unser Schulwissen über die Antike auf Mythologie und Philosophie, gewürzt mit ein wenig Kunst und Kultur. Was wir aber nicht gelernt haben, und worin ich ein wichtiges Problem mit dem mangelnden Interesse am Hellenismos sehe: das antike Denken, das um so vieles anders ist als unsere heutige Weltsicht. Und nichts anderes sagen aber Mythologie und Philosophie aus, die Quintessenz des antiken Weltbildes. Und dieses ist immerhin die Wurzel unserer europäischen Zivilisation und sollte nicht einfach auf "seltsame Geschichten von Göttern und Helden" sowie "seltsame Gedanken über die Natur" reduziert werden. Denn obwohl wir uns "Religion" nennen, sind wir zugleich weniger und mehr als das. Unser religiöses Gefühl geht nicht von der Bindung an einen oder mehrere Gottheiten aus und wird nicht unterstützt von einem oder mehreren heiligen Büchern, sondern ist Spiegel unserer Weltsicht, unserer Beziehung zum Kosmos, in der wahren Bedeutung des Wortes als Weltordnung, zu welcher die Götter genau so gehören wie wir Menschen und alle anderen Lebewesen, und auch die "unbelebte" Materie. Pythagoras hat sein Verständnis vom Kosmos in Zahlen ausgedrückt, Homer im Epos, Kaiser Iulianos durch seine Bemühungen, die alte Religion weiter zu führen, und Philippos Normalgrieche eben in seiner täglichen Religiosität und der Wahr-nehmung seines Platzes in der Gesellschaft. Für mich persönlich bedeutet Hellenist zu sein vor allem das antike Denken, das ich für einen guten Weg für diese Welt und vor allem diese Zeit halte, wieder zu beleben, im eine neue Chance zu geben, auch wenn es mit schwerer Arbeit verbunden ist und vieles nicht aus der Literatur, sondern wirklich nur aus der antiken Weltsicht zu begründen ist, deren Verständnis man sich mit viel Gefühl erarbeiten muss. Und
das soll auch Motto und Anregung für das nächste Jahr
sein, und wird auch immer wieder im Newsletter und den Artikeln
auf den Webseiten thematisiert werden. Und zwar nicht als Strick-muster
und "Hellenismos for Dummies", sondern als Anregung zum
Selber-Denken. |
| Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios) |