| Das unblutige Opfer |
Einst sprach das Orakel von Delphi zu einem reichen Mann, der sich auf Grund seiner vielen Opfergaben für sehr Gott gefällig hielt: „Aber mir ist die Handvoll Körner wohlgefälliger, die mir der wackere Mann aus Hermione dar bringt.“ (s.Parke/Wormell: The Delphic Oracle, Vol II, Nr. 242) Wir haben in dem früheren Newsletter-Artikel „Oh Götter, nehmt unsere Opfer an!“ bereits über die griechischen Opferpraktiken und mögliche Alternativen zur klassischen Blutopferpraxis ge-sprochen. Auch in „Lebenshauch der Kultpraxis“ wurden einige Überlegungen zur Praxis des Kultes angestellt. Ohne im Detail nochmals auf diese Beiträge näher eingehen zu wollen, möchte ich einen weiteren Impuls zur modernen Praxis unserer Religion anbieten, der an sich eigentlich aus der Zeit der ersten christlichen Kaiser stammt. Zur Zeit des Kaisers Julian, so meint Marion Giebel in ihrem Buch über diesen Kaiser (S.153), hatte sich das Volk längst von den blutigen Opfern abgewandt und an eine Religiosität ohne Opferpraxis gewöhnt, ähnlich dem Judentum nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Wie
konnte das geschehen? Die blutigen Opfer sollten doch eigentlich
der Inbegriff der griechischen Religionsausübung sein! Waren
es nicht die bluttriefenden Altäre, die den Göttern so
besonders gut gefielen? War es also bloß "Brauch", Sitte,
Tradition aus alter Zeit, die durch verschiedene mythologische Verweise
auf die Einsetzung der Opfer zum "göttlichen Gebot" verfestigt
wurden? Wenn man bedenkt, dass sich die Erzählungen der göttlichen
Einsetzung von Schlachtopfern bei Homer und Hesiod finden, die späteren
Autoren diese dann nur mehr als gegeben hin nehmen, ohne weitere theologische
Spekulationen zu betreiben (es wurde sogar von mehreren Autoren als
Ausrede zur hemmunglosen Völlerei kritisiert) liegt die Ver-mutung
nahe, dass es sich um altes, möglicher Weise sogar vorgriechisches
Brauchtum aus einer Jäger- oder frühen Viehzüchter-Kultur
handelt und von den späteren Griechen nur mehr beibehalten wurde,
weil es ihnen die Möglichkeit des Fleischgenusses bot. Auch die
gesamte "Blut ist Leben"-Symbolik deutet darauf hin. |
Durch
die Verlagerung der Lebenshaltung in die Städte, die Entwicklung
der spezialisierten Hand-werke usw. ergibt sich aber dann, dass nicht
mehr jede Familie Vieh besitzt (höchstens einige Hühner und
Ziegen), somit muss das Vieh für die Opfer zugekauft werden und
verliert dadurch auch noch die persönliche Beziehung, denn gekauft
ist eben nicht selbst aufgezogen. Somit verliert doch das Opfer viel
von seiner Bedeutung und wird im Laufe der Zeit zum bloßen Brauchtum
degradiert. Als "Kontrast" hierzu könnte man z.B. die Feier der Diasia (zu Ehren des Zeus Meilikhios) sehen, die durch unblutige Opfer (Thuc.I,126,6 hagna thymata, was sogar von der Wortbedeutung her eine besondere Heiligkeit dieser Opfer ausdrückt!) gekennzeichnet war. Wenn also sogar der Vater der Götter selbst ohne vergossenes Blut gefeiert werden konnte, stellt sich mir die Frage, ob die klassischen Griechen nicht generell ohne Tieropfer ausgekommen wären, hätten sie nicht die "Altlast" der durch die Mythologie "vorgeschriebenen" Schlachtungen beibehalten "müssen". Viele der klassischen Religionskritiker, nämlich Philosophen, hatten ja auch zu einer einfachen, vegetarischen Lebensweise aufgerufen, in welcher wohl auch Tieropfer keinen Platz mehr hatten. Durch diese Gedanken stoßen wir erneut auf Grenzen
des Rekonstruktionismus. Wenn wir dem klassischen Weg authentisch folgen
möchten, müssten wir auch Tiere opfern, dies würde sich
im selben Rahmen wie die rituellen Schlachtungen in Judentum und Islam
sicherlich durchführen lassen. Doch vermutlich opfert sowieso
keiner der heutigen Hellenisten wirklich Tiere, sondern grillt mitgebrachte
Fleischstücke aus dem Supermarkt, wodurch sich die Frage nach
einer Alternative nur theoretisch stellt. |
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