Ich möchte diese Serie
von Betrachtungen über verschiedene klassische Mythen mit der Geschichte
von Phaethon beginnen, weil ich in der Darstellung in Ovids Metamorphosen
sowie in der Betrachtung von J.Diggle zu Euripides' Phaethon-Drama einige
interessante Punkte entdeckt habe, die mich auf einige Besonderheiten
aufmerksam gemacht haben, die es bei den alten Mythen zu bedenken gilt.
Phaethon, der Leuchtende. Es gibt drei mythische Gestalten
dieses Namens, was der erste bemerkenswerte Punkt ist. Sind es drei
ver-schiedene Gestalten, die nur denselben Namen tragen, und es handelt
sich bei dem Namen "der Leuchtende" um einen Beinamen, der
eine besondere Charaktereigenschaft beschreibt, der dann den Geburtsnamen
einfach ersetzt hat?
Betrachten wir diese drei Phaethon-Gestalten, wie
sie zum Beispiel im "Kleinen Pauly" heraus gearbeitet werden:
1) ein Beiname des Helios bei Homer. zum Beispiel Od 5,479
2) Sohn des Helios und der Okeanide Klymene. Dieser Phaethon ist der
meist Erwähnte in der Literatur, s. unten. Kurz gefasst, erbittet
er sich von seinem Vater, einmal den Sonnenwagen über den Himmel
lenken zu dürfen, versagt, und stürzt, von Zeus mit einem Blitz
abgeschossen, in den Fluss Eridanos. Laut Wilamowitz, GdH I,257, soll
es sich um einen vorhellenischen Sonnen- und Stern-Kult aus Rhodos handeln.
3) Sohn der Eos (Morgenröte) und des Kephalos, in den sich Aphrodite
verliebte, z.B. Hes.Theog.986ff. Laut Wilamowitz, GdH I, 255 bedeutet
er den Morgenstern. Auch hier scheint es sich um die Erinnerung an einen
vorhellenischen Kult zu handeln (Wilamowitz weist auch auf die Bedeutung
der Götin Morgenröte bei den Indern hin).
Was haben diese drei gemeinsam, was unter-scheidet
sie? Dass Helios, die Sonne, als "Leuchtender" bezeichnet
wird, ist nicht weiter erstaunlich. Ich sehe daher diesen Phaeton nicht
als Eigennamen, sondern wirklich bloß als Eigen-schaftsbezeichnung
an. Und wenn in der späteren Literatur der Sohn des Helios dessen
Eigen-schaftsnamen annimmt, wird man sich wohl auch nicht weiter über
die Namensgebung wundern, vor allem, wo es bei seiner Geschichte doch
vornehmlich darum geht, dass er einmal seines Vaters Aufgabe übernehmen
will, also selbst "Sonne" wird. (Dasselbe Phänomen gibt
es auch beim Namen "Hyperion", der einmal für den Vater
des Helios, dann wieder für Helios selbst verwendet wird).
Der andere, ein Sohn der Morgenröte, die ja auch gerade in den südlichen
Ländern besonders schön anzusehen ist, wird wohl auch leicht
selbst ein "Leuchtender" sein, vor allem wenn seine Schönheit
so groß ist, dass sogar Aphrodite selbst ihm verfällt – und
zu den Sternen versetzt, als Morgen- und Abendstern (den wir ja als Planet
Venus kennen).
Göttliche Gestalten aus dem Bereich "Sonne, Mond und Sterne" alle
beide. Im klassischen Griechenland sah man allerdings diese Gestirngottheiten
nicht mehr als so wesentlich an wie in der Frühzeit, sie waren in
jedem Fall der Zeusfamilie untergeordnet. Diese neue Sichtweise wurde
sicher wesentlich in oder vor der Zeit von Homer und Hesiod entwickelt,
als sich die Griechen offenbar von ihrem Staunen über die offensichtlichen
Naturer-scheinungen und deren Vergöttlichung hingewandt hatten zu
Gottheiten subtiler Persönlichkeit, zu denen man Beziehung haben
konnte.
Kerenyi (GrM I,154f) schreibt über Phaethon, den Sohn des Helios,
also eine "kleinere Sonne", dass der Name ein Attribut für
besonders helle Sterne wäre. Die beiden Varianten des Mythos (1:
Sohn des Eos und des Kephalos, 2: Sohn des Helios und der Klymene) zeigen
auch eine Verbindung mit dem Irdischen, dem Totenreich (Klymene ist auch
ein Name der Persephone).
Diggle
beschreibt in seinem Buch über das fragmentarische Phaethon-Drama
des Euripides verschiedene Unstimmigkeiten in den Darstellungen
des Hyginus (2.Jh.n.Z.), welcher beide Phaethon-Geschichten
in seinen "Sagen" (Nr. 152a und 154)
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erwähnt:
wurde der Sonnenwagen heimlich oder wissentlich genommen? Hat Zeus
seinen Blitz geschleudert, um Phaethon abzuschiessen und dadurch größeren
Schaden zu verhindern, oder um die Menschheit zu vernichten, in dem
er zum Löschen des Feuers eine Sintflut verwendet hat, aus der
dann bloß Deukalion und Pyrrha entkommen durften?
All
diese Fragestellungen zeigen mir nur eines: dass es verschiedene
Varianten von Mythen gibt, weil verschiedene Autoren zu unterschiedlichen
Zeiten aus unterschiedlichen (schriftlichen und mündlichen)
Quellen geschöpft haben – und ihre persönliche Meinung
zum betreffenden Thema auch mit hinein verwoben haben. Dies möchte
ich nun an Hand der Phaethon-Version des Ovid zeigen. Dieser römische
Autor, der um die Zeitenwende lebte, ist sicherlich räumlich
und zeitlich ausreichend weit von der ältesten Erwähnung
des Mythos - in den Argonautika (4.598) des Apollonius Rhodios (3.Jh.v.Z.)
- entfernt, um ein Bild davon zu geben, wie sich ein Mythos entwickelt.
Den lateinischen Text findet man hier und
eine alterthümliche deutsche Übersetzung (Voß) auf dieser
Seite.
Kurzfassung
der Geschichte: Phaethon erfährt, dass er ein Sohn des Helios
ist und möchte von seinem Vater ein Geschenk, um dies beweisen
zu können. Helios stimmt zu und Phaethon erbittet sich eine
Fahrt mit dem Sonnenwagen. Weil Helios sein Versprechen nicht brechen
kann, erklärt er ihm nach anfänglichem Flehen, der Sohn
möge sich etwas anderes erbitten, die Handhabung des Gespanns
und läßt ihn fahren. Phaethon kann den Wagen jedoch nicht
bändigen und kommt der Erde zu nahe, wodurch viele Länder
verdorren. Daher schießt Zeus den Jüngling mit einem Blitz
ab, er stürzt in den Fluss Eridanos.
Drei
Punkte möchte ich hervorheben:
a) das Versprechen: Helios ist an sein Versprechen gebunden. Diese Tatsache
könnte vieles bedeuten: dass Götter doch nicht alles können
bzw dürfen, was sie wollen, dass also auch sie an ein Gesetz gebunden
sind – und wir erinnern uns, dass dieses göttliche Gesetz
sogar eine eigene Göttlichkeit besitzt, sie wird Themis genannt.
Auch Zeus selbst ist ihr unterworfen, wie auch den Moiren. Somit wird
also Helios erst recht die göttlichen Regeln einhalten – und
die Einhaltung gegebener Versprechen ist sicher ein wesentlicher Bestandteil
jedes göttlichen und menschlichen Zusammenlebens.
b) der nächste Punkt ist schon schwieriger: Helios wird (allerdings
erst eher spät, vgl.zB Cicero, de nat.deor.2,68 "..quem Solum
esse volunt") gerne mit Apollon gleich gesetzt, aus eigentlich einleuchtenden
Gründen: wer bringt besser als die Sonne Schönheit, Klarheit
und Reinheit in die Welt, wer bringt besser "alles ans Licht" als
die Sonne, der leuchtende, reine, ist Apollon. Da verwundert auch gleich
das einzuhaltende Versprechen wenig, denn Phoibos ist natürlich
auch als der liebste Sohn seines Vaters den Gesetzen am Treuesten. Und
eine seiner Regeln, "nichts übermäßig", wird
auch von Ovid wunderbar an zwei Stellen in der Unterweisung des Helios
für Phaethon wieder gegeben: er solle weder zu hoch noch zu niedrig
fahren "medio tutissimus ibis"(2:137), weder zu weit nach rechts
oder links: "inter utrumque tene!"(2:140). Durch die Wiederholung
wird m.E. deutlich, wie wichtig Ovid diese apollinische Regel ist.
c) Und der am schwersten verständliche Punkt, auf den ich aufmerksam
machen möchte, ist einer, der auch von den anderen klassischen Erzählern
der Phaethon-Geschichte berichtet wird: die Sintflut, die Zeus schickt.
Mag in manchen Darstellungen der Blitz, der Phaethon abschießt,
nur ein Vorwand sein, um durch das "Löschwasser" die ach
so böse Menschheit zu vernichten, wie es ja auch in den Sintflut-Erzählungen
anderer Völker um diesen Grund geht, Tatsache ist, dass eine Sintflut
auch in der griechischen Mythologie existiert. Und hier scheint es sich
um einen Willkürakt seitens des Göttervaters zu handeln, der
der gerade erst besprochenen Themis so gar nicht entspricht. Doch dies
zu behandeln ist Thema einer anderen Folge unserer Mythen-Serie.
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