| Mythologie und die griechische Religion | ||
Viele von uns hatten ihren ersten Kontakt mit der alten griechischen Religion in ihrer Schulzeit, als die "griechischen Sagen" besprochen wurden. Ihre Lektüre war kurzweiliger als manch anderer Unterrichtsstoff, die Erzählungen spannungsgeladen, und dennoch sahen wir sie als erfundene Ge-schichten an, ähnlich unseren heutigen Romanen oder Hollywoodfilmen. Und so scheint die Aussage der Religionswissenschaft, dass Mythen die Grundlage der Religion bilden (1), doch etwas befremdlich. Wenn wir Religion als "tradierte Welterklärung und Anleitung zur Lebensbewältigung" betrachten (zitiert aus Wikipedia), muss man im Falle der griechischen Mythen sicherlich fragen, wo hier "religiöse" Inhalte zu finden sind, denn die Erzählungen der sexuellen Eskapaden des Zeus oder der Zerstörung von Troja dienen sicherlich nicht als "Anleitung zur Lebensbewältigung" – oder etwa doch? "Informationen aus Mythen sind wichtig zur Rekonstruktion religiöser Vorstellungen", meint der Wikipedia-Artikel zur Mythologie. Welche reli-giösen Vorstellungen stecken aber hinter den griechischen Mythen? Sicherlich keine christlichen, soviel ist alleine aus der Entstehungszeit der griechischen Mythen klar. Also keine Vorstellungen einer nahen Endzeit, auf die man sich mit tätiger Nächstenliebe, sexueller Enthaltsamkeit usw. vor-bereiten muss. Daher ist es nicht weiter ver-wunderlich, dass genau jene Mythen, die sich mit dem anscheinenden Gegenteil der christlichen Wertvorstellungen, mit denen wir ja alle auf-gewachsen sind, beschäftigen, im Sinn bleiben (von christlich geprägten Pädagogen als „schlechtes Beispiel“ gebrandmarkt) und das allgemeine Bild von der griechischen Mythologie (und Religion?) prägen. (2) So
könnten wir, um diesem Dilemma zu entgehen, die Mythen als bloße
unterhaltsame Geschichten für das antike abendliche Beisammensein
am häuslichen Herd definieren, wären da nicht die Forscher
verschiedenster Disziplinen, die z.B. betonen, dass Mythen "nicht
von der Art einer Erfindung, welche wir heute in einem Roman lesen,
sondern lebendige Wirklichkeit [sind], von der geglaubt wird, sie sei
in Urzeiten geschehen und beeinflusse die Welt und die Schicksale der
Menschen seitdem fortwährend" (der Soziologe Bronislaw Malinowski,
zitiert nach Kerenyi, AR S.39), oder sogar weiter gehen und von Mythen
als "Kollektivpsychologie" sprechen (Kerenyi, der ja viel
mit C.G.Jung zusammen arbeitete und sich auch mit dessen Archetypenlehre
beschäftigte). Mythen haben außerdem den "Nachteil", dass es kein verbürgtes "Original" gibt, zumindest kein greifbares, denn die Ursprünge jedes Mythos liegen so weit in der Vergangenheit, dass man ihrer nicht habhaft werden kann, somit ist auch die Grund-aussage, die aus dem Zusammenhang der jeweiligen Epoche stammt, nicht erkennbar, sondern nur erahnbar. Hinzu kommt, dass viele verschiedene Dichter im Laufe der Zeit die mythologischen Themen aufgegriffen haben und jeweils anders interpretiert haben, durch Weglassungen, Hinzu-fügungen und sogar direkte Interpretation. Was wären dann die "originalen" Kernaussagen der Mythen, die uns Aufschluss geben können über das zu Grunde liegende religiöse Gefühl der Griechen |
(respektive der Menschen jener Zeit, aus der der Mythos stammt)? Was an den Geschichten wäre die "lebendige Wirklichkeit"- "das, was geglaubt wird" in der alten Religion? Diese Frage zu beantworten ist in einem kurzen Artikel wie diesem nicht möglich, haben sich doch Generationen von Religionswissenschaftlern mit ihr beschäftigt. Man kann jedoch sicher sagen, dass das Verständnis der Mythen nur aus dem Zusammenhang der jeweiligen Zeit zu sehen ist: Homer - der im 8.Jh.v.Z. ältere, mündlich tradierte Stoffe aufgegriffen und schriftlich formuliert hat – wird einen anderen Zugang haben als etwa Aristophanes im 5./4.Jh.v.Z. oder Ovid um die Zeitenwende. Wenn wir versuchen, zumindest die Vorstellung, die die Griechen von ihren Göttern hatten, aus der Mythologie heraus zu arbeiten, müssen wir zunächst fest halten, dass Mythologie zwar grundsätzlich mit "Geschichten sammeln, sprechen, lesen" zu tun hat, aber auch eine andere Art der "Mythologen" existiert: die bildenden Künstler. Woher sonst hätten wir so konkrete Vorstellungen von der Gestalt der griechischen Götter und Helden (3), wenn nicht von Skulpturen und Vasenabbildungen? Und was sieht man da? Auch die Götter sehen wie Menschen aus, zwar schönere, mächtigere Menschen, aber jedenfalls treten kaum Theriomorphismen auf wie z.B. bei den Ägyptern oder Indern. Lediglich die sehr stark in der Natur verwurzelten "panischen" Gottheiten tragen Hörner, Bocksfüße o.ä. Der Grieche sieht also seine Götter erstens als ihm selbst durchaus verwandt an und zweitens, noch viel wesentlicher, nicht als irgendwelche transzendenten, unnahbaren Wesenheiten, gar archetypisch reduziert, sondern als zu Interaktion und Kommunikation fähige Personen, göttliche, mächtige Personen, aber dennoch auf Grund ihrer den menschlichen ähnlichen Eigenschaften, in ihren Handlungen abschätzbar, ansprechbar, nahbar. Und aus dieser Beurteilung und auch persönlicher Begegnung der Götter wird wohl der Kultus entstanden sein: die persönliche, menschliche Interaktion mit den Göttern, durch die Mythologie bestätigt, und umgekehrt: Mythen durch Kult bestätigt. Es bedarf keines Religionsgründers, der Regeln ausgibt, wie mit den Göttern zu verfahren wäre, denn auch dies ist bei den Griechen der Verantwortung des Einzelnen übergeben. So wie jeder Künstler und Schriftsteller die Freiheit hat, eine Gottheit anders darzustellen als sein Kollege, so ist auch der Kultus durch die Freiheit gekennzeichnet. Dass sich aus der Übung in der Gemeinschaft naturgemäß im Lauf der Zeit gewisse feste Formen ergeben, hat mehr praktische als dogmatische Gründe – so wie auch Regeln zum Zusammenleben als Gemeinschaft gerne mit göttlichem Segen bedacht werden, in dem ein Mythos entsteht, der sie begründet, um nicht einfach sagen zu müssen "das machen wir immer schon so, das ist unser Brauch". Menschen leben gerne in der Gewissheit, dass ihre Götter ihr Handeln gut heißen, denn schließlich ist das gute Einvernehmen mit den Göttern eine wesentliche Basis der Gemeinschaft.
(1)
Wobei sich die Experten seit Jahrhunderten streiten, was zuerst da
war, der Mythos oder der Kultus. |
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