| Ökumene - Gemeinsam feiern | ||
„Der Begriff Ökumene (v. griech.: oikeo/oikia wohnen bzw. Haus) bezeichnete ursprünglich den gesamten bewohnten Erdkreis.“ (1) Im gängigen Sprachgebrauch ist damit die Beziehung zwischen christlichen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen gemeint. Ich möchte diesen Begriff hiermit ein wenig ausdehnen indem ich ihn auf die „Beziehung zwischen Angehörigen und Gruppen unterschiedlichster Glaubens-richtungen“ (speziell natürlich auf unsere hellenistische Position bezogen) erweitern. Ökumene ist daher für mich jeder Kontakt zu Gläubigen anderer Religionen und Glaubenssysteme, in dem die Religion und daraus abgeleitete Ansichten eine Rolle spielen. Im Allgemeinen versteht man unter Ökumene eine positive und befruchtende Beziehung im Gegensatz zu aggressiven Auseinandersetzung in Form von Religionskonflikten und Glaubenskriegen. Ist der Begriff einmal geklärt, stellt sich die Frage, weshalb man sich in Sachen Ökumene überhaupt engagieren sollte. Gibt es einen anderen Grund zu einer ökumenischen Anbiederung, als um harten Reibereien vorzubeugen? Die Begründung zur individuellen ökumenischen Bereitschaft kann man grundsätzlich aus den einzelnen Religionen und ihren Leitsätzen (so existent) ablesen und mitunter auch aufgrund gesellschaftlicher Notwendigkeiten ableiten. Wer Nächstenliebe predigt, sollte mit Sicherheit nicht in ihrer gelebten Form vor dem Kontakt zu Fremdartigem und fremder Religion zurück schrecken. Nach hellenischer Sicht gibt es zwar kein direktes Gebot, welches eine Ökumene nahe legt, jedoch gibt es auch keinen Grund eine solche abzulehnen. Ich möchte hier eine Verbindung zur Xenia, der Gastfreundschaft, herstellen, welche für einen Hellenen selbstverständlich ist (bzw. sein sollte). Wenn man den Fremden zuerst einmal mit offenen Armen und freundlich begrüßt, weshalb sollte man dann anders verfahren, wenn es um fremde Religionen und ihre Angehörigen geht? Für eine religiöse Gruppierung die noch so klein ist, wie die hellenistische, macht es aus mehreren Gründen Sinn, sich auf ökumenische Beziehungen einzulassen. Einerseits leben wir angeblich in einer Informationsgesellschaft und andererseits ist jeder auf seine Individualität bedacht. Menschen kapseln sich immer stärker voneinander ab und werden „Fremdem“ gegenüber immer misstrauischer. Eine offene und herzliche Beziehung zu anderen Menschen (insbesondere anderer Glaubenssysteme), kann sich daher positiv auf ihre Akzeptanz auswirken oder vielleicht zumindest dem einen oder anderen Vorurteil entgegen wirken. Vielleicht gabeln wir auf diesem Weg auch den einen oder anderen „Hellenisten in Herz und Geist“ auf, welchen wir durch eine eigenbrödlerische Abkapselung niemals finden würden. Darüber hinaus könnte das gemeinsame Begehen von Festen
zumindest äußerlich mehr Pomp her machen und würde
dann schon eher dem gleich kommen, was ich mir unter ehrenvollen Festlichkeiten
vorstelle, wie sie den Göttern gebühren. Ein Umgang unserer
kleinen lokalen Gruppe sieht trotz aller religiösen Ernsthaftigkeit
und Festlichkeit mitunter ja mehr nach einem Familienspaziergang aus.
Da würde eine größere Gruppe sicher eine buntere und
mehr Aufsehen erregende Prozession ergeben. In unserem engsten Umfeld gibt es jedenfalls nur sehr wenige Personen bekennende Hellenisten. Abgesehen von einer zahlenmäßigen Übermacht an Christen aller Abstufungen zwischen Taufschein-christen und gläubigen Katholiken haben wir auch |
zu Heiden (2) anderer Richtungen Kontakte. Da es sich auch bei den Anhängern anderer heidnischer Glaubensrichtungen selten um große und abgegrenzte Gruppen handelt, bietet es sich an, ab und an über Unterschiede hinweg zu sehen und sich zu gemeinsamen Feierlichkeiten zusammen zu finden. Es spricht nichts dagegen andere Heiden oder auch Christen zu hellenistischen Festen wie zum Beispiel den Thargelien einzuladen. Wir stellen unseren Gästen frei, ob sie sozusagen nur als Zuschauer anwesend sein möchten oder ob sie sich beteiligen, Opfergaben bringen und mit beten möchten. Ob sich persönliches Einbringen in unseren Ritus mit ihren eigenen Glaubensgrundsätzen vereinbaren lässt muss nämlich ein jeder selbst wissen oder notfalls von einem Gelehrten seiner Glaubensrichtung erfragen. So ist es eher unwahrscheinlich, dass ein ernsthaft gläubiger Christ oder Anhänger einer anderen monotheistischen Religion, unsere Götter (auch nur als Respekt vor uns oder unserer Beziehung zu liebe) verehren möchte, ist doch deren Existenz durch seinen Glauben ausgeschlossen. Weniger Probleme dürfte ein moderner Heide haben, welcher Götter ohnehin nur als Archetypen betrachtet und für den es sozusagen egal ist, welchen Namen eine „personifizierte“ Eigenschaft trägt. Umgekehrt setze ich diese Wahlmöglichkeit auch voraus, wenn ich zu Festen anderer Glaubensrichtungen eingeladen bin wie zum Beispiel einem neuheidnischen Beltaine oder einer christlichen Taufe. Es verträgt sich nicht mit meinen religiösen Ansichten auch nur zum Schein in einem katholischen Gottesdienst mit zu beten oder gar ohne nachzudenken das Glaubensbekenntnis mit zu murmeln. Hingegen habe ich kein Problem beim Betreten einer Kirche die rituelle Reinigung mit dem Weihwasser durchzuführen. Ich kann mich problemlos bei einer Wicca-Zeremonie beteiligen (sofern es mir ohne Initiation überhaupt erlaubt ist) und mit Heiden aller Richtungen gemeinsam ein Fest zur Sonnenwende begehen und zum Beispiel über das Feuer hüpfen. Schwierig wird es erst, wenn Götterbilder kollidieren, also zum Beispiel der mütterliche Archetypus mit einem griechischen Götternamen (zum Beispiel Demeter) angerufen oder gar „invoziert“ (3) wird. Am wenigsten Probleme gibt es bei Festlichkeiten anderer Rekonstruktionisten, die genauso wie ich zu den strenge Polytheisten zählen und Götter als eigenständige personale Wesen begreifen ohne das Bedürfnis einer Gleichsetzung zu haben. Die von mir bisher beschriebene Form von ökumenischen Feiern, hat aber mit Sicherheit nicht viel mit „gemeinsamen“ Festen zu tun. Eher ist es eine Form von Informationsaustausch, um dem Gegenüber die eigene Religion zu zeigen. Je größer die Unterschiede zwischen den Glaubensrichtungen sind, umso stärker wird sich eine solche Festgesellschaft in Gäste und eigentliche Anhänger aufteilen. Dies muss nicht schlecht sein und hat auch seine Vorteile, ob es allerdings der gängigen Vorstellung von konstruktiver und befruchtender Ökumene gleich kommt, sei dahin gestellt.
(1) siehe Wikipedia-Eintrag |
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