Lebenshauch der Kultpraxis

Wenn man eine antike Religion "rekonstruieren" will, gelangt man sicher irgendwann zur Frage: "Ich habe Ahnung von der Durchführung der Riten, habe Texte usw. studiert - wie aber kann ich das Gefühl nachempfinden, das die damals lebenden Menschen bei einer Zeremonie hatten?" Die logische nächste Frage ist aber dann auch die nach der Qualität dieses Gefühls - muss man nicht annehmen, dass ein antiker Mensch einen ganz anderen Zugang zu und eine ganz andere Kommunikation mit den Göttern hatte als wir heute? Die Quellen berichten zum Beispiel von fast respektlosen Worten, die an Gottheiten gerichtet wurden beziehungsweise über sie ausgesagt wurden, von einer selbstverständlichen Annahme der Gegenwart der Götter, ganz anders als die jüdisch-christliche Sicht eines "fernen" Gottes, den man "fürchten" muss. Der Grieche steht auch aufrecht vor seinen Göttern und singt und betet laut, damit sie ihn hören und nichts liegt ihm ferner als ein leise gemurmeltes Gebet im stillen Kämmerlein.
Wenn wir den Charakter der griechischen Feste untersuchen, zeigt sich diese zwanglose Art dann auch in den Zeremonien, die durchaus den Namen "Fest" verdienen, weil sie eben nicht - wie oft von "antiheidnischen" Autoren festgestellt - eine bloße Orthopraxie sind (und nebenbei gesagt, auch keine bloße Orthodoxie), bei der es hauptsächlich um die richtige Abfolge von Handlungen und Texten geht, als ob sich man wie bei einem Computerprogramm dadurch das richtige Ergebnis erwarten könnte, sondern ein zutiefst im Menschlichen verankertes Grundritual mit seinen im Lauf der Zeit entwickelten Ausschmückungen. Der Ablauf "Lobpreis - Bitte - Dank" ist ja schon beim Kind festzustellen, das von der liebsten Mama der Welt etwas erbetteln will und dafür verspricht, ganz gleich das Zimmer aufzuräumen.

Der Grieche tritt in seinen Festen aus seinem Alltag heraus und in den Bereich des Heiligen hinein, wird hinein genommen in die Gegenwart der Götter. Das bedeutet quasi automatisch ein "Anders-werden", eine andere Art der Existenz, wenn auch nur für kurze Zeit. Doch diese Zeiten nähren den Glauben, das Gefühl der Gemeinschaft mit den Göttern und der Menschen untereinander.
Es ist ja leider so, dass gerade die Erkenntnisse der modernen Ritualtheorie noch viel zu wenig auf das Thema "antike Religionen" angewandt worden sind und viele noch die Ideen der "vergleichenden Anthropologie" des vorvergangenen Jahrhunderts auf sie anwenden.
Rituale sind ja durch ihre Wiederholbarkeit gekennzeichnet - doch wird man umso lieber etwas wiederholen, wenn man etwas mehr damit verbindet als vielleicht reines Pflichtgefühl (erwachsen aus bloßer Tradition). So sind es die regelrecht festlichen Rituale, die wohl die eheste Aussicht auf Wiederholung haben und die antike griechische Religion in ihrer häufigsten Ausprägung ist hierbei wohl zu den besonders festlichen Religionen zu zählen. Dies bedeutet weder dass sie stets durch übermäßige Ausgelassenheit und Ausschweifungen glänzt, noch beschreibt es ausschließlich die große Anzahl verschiedenster Festtage im Jahreslauf (etwa 33 größere, alljährlich stattfindende Feste nach athenischem Kalender, wobei die meisten davon mehrtägig sind), wenn dies auch ein Bestandteil des Gemeinten ist.
Festlichkeit ist in diesem Rahmen einfach das entsprechende Gefühl, welches kultische Handlungen begleitet und diese aus dem Alltag heraus in den Bereich des Heiligen erhebt, egal ob dies in einem einfachen Gebet oder bei einem großartigen Opferfest stattfindet. Es kann der Ernst und die Hingabe sein, mit dem man ein Ritual durchführt, es kann aber auch die fröhliche Ausgelassenheit sein, mit der man die Gegenwart

 

der Götter feiert. Tendenziell haftet der Festlichkeit eher eine Fröhlichkeit, das Empfinden von Schönheit und etwas Besonderem an.

Den religiösen Hintergrund für den Kult bilden natürlich die Mythen, die auch mit verantwortlich sind für viele kultische Handlungen, die ohne den dahinter stehenden Mythos nicht erklärbar sind. Andere sind aus einem alten agrarischen Kontext erklärbar, was es für uns noch schwieriger macht, da wir in Mitteleuropa ganz andere Saat- und Erntezeiten haben und auch hier und heute andere Getreide- und Fruchtsorten gängig sind als im antiken Griechenland. Somit wird es ohne Kenntnis der Quellen (und wem fällt schon eine kleine Randbemerkung in einem Stück von Aristophanes als kultisch wichtiges Element auf?) äußerst schwierig, die Hintergründe ganz zu kennen.

Was wir aber auf jeden Fall können: die griechische Lebensfreude, die sich in den Feiern ausdrückt, nachzuempfinden versuchen, und auch das Gefühl, dem Heiligen in den Festen nahe zu sein, im Heiligen eingebettet zu sein – und zu bleiben. Dieses Gefühl von Lebensfreude, welches ich im kultischen Rahmen im Festlichkeitsgefühl ausgedrückt sehe, ergänzt jeden Festanlass, egal ob es sich dabei um einen bestimmten Ort, einen herausragenden Zeitpunkt, oder eine besondere Veränderung (einmalig oder zyklisch wieder kehrend) zu seiner endgültigen Heiligkeit.
Nichts ist heilig, wenn es nicht mit festlichem Gefühl als solches wahrgenommen wird. Nachgeahmte Handlungen und aufgesagte Texte werden erst durch die Bereitschaft zur Festlichkeit und ihrer Wahrnehmung zu lebendigen kultischen Riten. Das Ausstreuen von Gerste zum Beispiel ist grundsätzlich eine profane Handlung, wenn es um die Aussaat geht. In Begleitung der Festlichkeit wird dies in der Zeremonie jedoch zu einer höchst heiligen Handlung. Und selbst ansonsten eigenartige, ja regelrecht groteske Handlungen können durch das begleitende Gefühl der Festlichkeit absolut sinnvoll im Kult sein.
Kerenyi führt als Vergleich den Zusammenhang von Tanz und Musik an. Eigenartig wirkt der Tanz auf denjenigen, der keine Musik wahrnimmt und so wird er auch nicht in Versuchung kommen mit zu tanzen. Gleiches gilt auch für die Wahrnehmung eines Rituals welches scheinbar nur auf die Durchführung bestimmter Handlungen beruht (deren Ursachen einem unbekannt sind), wenn man nicht in die begleitende Festlichkeit eintauchen kann. Solche Zeremonien wirken oft eigenartig, fremd ja sogar sinnlos.

Mit der Festlichkeit zieht auch ein wesentliches Element des Schöpferischen und Lebendigen in den Kult ein. Es wird zum direkten Erleben des Heiligen, dieser schöpferischen Kraft, an dem man einen Anteil gewinnt und sogar mit zu wirken scheint. Die Gemeinschaft mit den Göttern wird ursprünglich wie beim aller ersten Mal, so wie es in der Mythologie erzählt wird. Selten sind uns die Götter so nah wie in der Gemeinschaft im Fest, und im festlichen Rahmen, der über die bloße Wiederholung hinaus geht, bleibt dieses Empfinden lebendig und ursprünglich auch über Jahrhunderte von Tradition hinweg. Die Festlichkeit führt auch die millionste Wiederholung eines Kultes an seine ursprüngliche, die allererste Kulthandlung zurück. Das Fest, auch schon häufiger erlebt, entsteht bei jedem Mal neu und weckt durch seine Besonderheit immer wieder das Gefühl, als sei es das erste Mal. So verschwimmen die Bedeutungen von Ursache und Folge im Fest, von Wiederholtem und neu Geschaffenem, von Mythos und direkt Erlebtem zu einem immer wieder außergewöhnlichen und heiligen Ereignis.

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios) und Sandra Mauler

 
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