Was ist so besonders am Hellenismos

Die Frage könnte auch lauten: Warum bist du gerade Hellenist, was fasziniert dich daran so?
Nun, die Antwort ist eigentlich einfach: die antike griechische Weltsicht beinhaltet viele Elemente, die genau meiner Art zu denken und zu empfinden, entsprechen, und zwar nicht nur in Bezug auf Religion (also die Beziehung zu den Göttern), sondern auch auf die allgemeinen Werthaltungen, wie Familiensinn, Gastfreundschaft, Solidarität, usw.
Aber natürlich ist die Religion das Element, nach dem hier gefragt wird, und somit werde ich hierauf näher eingehen. Und nochmal: es geht bei Religion um die Beziehung zu den Göttern, nicht um die Befolgung der von Priestern aufgestellten Regeln, wie in anderen Religionen, und wie Unwissende auch gerne von der griechischen behaupten, es wäre nur die richtige Art zu opfern wichtig.

Thales von Milet, so behauptet Aristoteles, war der Meinung, die Welt wäre erfüllt von Göttern. Wie das? War nicht gerade Thales einer der ersten jener Zweifler, genannt Philosophen, die begannen, der Welt Fragen zu stellen, sie in Frage zu stellen? Und doch schien er ein "religiöser" Mensch zu sein, der alles voll der Götter sah. Oder ist hinter der Aussage mehr verborgen als bloße Frömmigkeit oder gar nur Ausdruck einer Tradition?
Wie steht es also um die "Nähe" der griechischen Götter? Sind sie nahe im Sinn eines kanaanitisch-israelitischen Gottes "Ich-bin-da", der allerdings nie in vertraut-menschlicher Gestalt erscheint, und dessen Da-Sein sich vor allem in Regeln zeigt?
Oder meint Thales etwa ganz global "das Göttliche", eine alles durchdringende Energie, die nicht näher definierbar ist (was es anscheinend einfach macht, über sie zu philosophieren, denn diese Theorie ist heute bei Alternativ-Religiösen sehr beliebt)?
Sind alle Göttinnen und Götter nur Archetypen (1), stellvertretend für Naturgewalten, entstanden aus einer ursprünglichen Sicht des ersten Menschen, der staunend und furchtsam, gerade aus dem Tierreich in die Welt der bewussten Erkenntnis eingetreten, wie ein armes Opfer dasteht und sich allmächtigen Kräften gegenüber sieht, wie später Herakles der Hydra?

O nein, die Griechen sahen ihre Götter weder als alles umgebende Energiefelder noch als person-ifizierte Naturkräfte, sondern als Wesenheiten mit ähnlichen Eigenschaften, wie sie sie selbst hatten, mit dem Unterschied, dass das Göttliche in ihnen natürlich das Menschliche weitaus überragt. Und diese Götter standen für die Ordnung in der Welt.
Der altgriechische Geist zeichnet sich vor allem durch eines aus: den Sinn für Schönheit und Harmonie. Das Wort Kosmos bezeichnet ja nicht nur banal das Weltall, wie wir heute übersetzen, sondern in erster Linie Einteilung, Ordnung,
Weltordnung, politisch die Verfassung, aber auch den Schmuck, und übertragen dann Glanz und Ehre (2). Was sagt uns das über das Verhältnis der

 

Griechen zu diesen Dingen? Wer antike Kunstwerke sieht, Statuen, Vasen oder Bauwerke, sieht hier keine schamanischen Jagdszenen, kein verzierendes Gekritzel oder krude Darstellungen von adipösen Fruchtbarkeitsgöttinnen, keine Darstellungen riesiger Gottheiten und winziger Menschen, sondern die harmonische Gestaltung einer realen Welt, in der aber das Göttliche gegenwärtig ist. Ebenso verhält es sich mit den Dramen und sonstigen literarischen Werken:
Götter und Menschen, verkehren zwanglos miteinander, feiern, lieben, leben. Und da man annehmen muss, dass die künstlerischen Darstellungen wohl kaum zum Jux gemacht wurden, um die Nachwelt zu verwirren, sondern um mythologische und religiöse Inhalte darzustellen, sollten wir also nun sicher sein, dass die Beziehung der Griechen zu ihren Göttern wohl kaum von Furcht und Unterordnung geprägt war, sondern von Gegenseitigkeit und Freundschaft, davon, was wir oben als Kosmos befunden haben: die Ordnung und All-Harmonie.

Und selbst jene Dinge, die auch oft beschrieben und abgebildet wurden, die man aber heute nicht als so positiv sieht, die Beschreibungen von Schlacht und Kampf, gehörten zu dieser Ordnung. Der antike Grieche, selbst gerade erst in "seinem" neuen Land sesshaft geworden, muss es verteidigen, und die einzelnen Stämme, später Stadtstaaten, hatten mehr Streitereien als Bündnisse – dies anscheinend als Erbe ihrer protoindoeuropäischen Wanderungszeit. Und dennoch – die heiligen Stätten waren sicher vor Krieg, Raub und Plünderung, bis die Perser und später der Imperalismus eines Alexander sogar diese letzte Grenze zerstörten. Die Orte, an denen man den Göttern noch näher war als sonst, die Orte der Weissagung wie Delphi, der Heilung wie Epidauros, der fairen sportlichen Wettkämpfe wie Olympia – sie waren die Bastionen dieses griechischen Kosmos und Sinnbilder der Schönheit und Harmonie, die die Griechen anstrebten.
Dieses Gefühl einer Welt, die in sich schön ist, die an sich perfekt ausgebildet und "in Ordnung" ist, ist ein wesentlich anderes als das der späteren Erlösungsreligionen, die die Welt, und in weiterer Folge "das Fleisch", als schlecht ansahen und nur nach geistiger Entwicklung und Erlösung von allen Übeln dieser Welt strebten.

 

 

(1) Nach Platon metaphysische Wesenheiten, die den Dingen innewohnen, nach Descartes und Locke Grundlage für Vorstellungen, nach Kant die urbildliche Natur, die der Mensch bloß in der Vernunft erkennt
(2) Im Gemoll steht dann auch noch: NT Erde, Gesamtheit der Erdbewohner, Heiden (sic!)

Copyright by Ewald K Strohmar (Akesios)

 
zum
Newsletter
 
Fenster
schließen