Kronos

Kronos

Mit ihm schließen wir unseren Zyklus zu den Titanen ab: Kronos, jüngster Sohn des Himmels (Ouranos) und der Erde (Gaia).
Zu den wichtigsten Attributen des Kronos zählt die Sichel, einerseits Symbol für seinen Ursprung als bedeutende Fruchtbarkeits- und Erntegottheit in vorgriechischer Zeit, andererseits auch myth
olog-isch begründet als jenes Werkzeug, mit welchem er seinen eigenen Vater entmannte um dessen Platz an der Spitze des Kosmos einzunehmen. Kronos steht in all seinen Aspekten für eine frühe Zeit der Menschheitsentwicklung, in der Landwirtschaft und die Fruchtbarkeit der Felder eine bedeutendere Rolle gespielt haben als z.B. Handel oder Kriegführung. Er wurde übrigens, nachdem er von Zeus überwältigt worden war, auf die Elysischen Felder verbracht, wo er den Zustand des Goldenen Zeitalters aufrecht erhält – eine der Jenseitsvorstell-

ungen der Griechen (genauer gesagt, der Orphiker) ist es, dass Helden ebenfalls nach ihrem Tod dorthin ge-langen.
Die Gattin des Kronos ist Rhea, die Große Mutter. Rhea lässt das Korn wachsen, und Kronos erntet es. Der Name Kronos kann von unter anderem von kraino (= vollenden, aber auch herrschen, gebieten), abgeleitet werden, Kronos wäre also der "Vollender". Wenn man diese Beziehung mit der Beziehung der Eltern Ouranos und Gaia (also Himmel und Erde als Urprinzipien) vergleicht, gelangt man auf eine Ebene, in der sich die Welt schon weiter "verdichtet" hat, zu ihrer endgültigen Ausformung in der Glaubenswelt der Griechen gelangt sie dann mit den Olympiern unter Zeus – die Aufgabe der Fruchtbarkeitsgöttin hat dann die Kronostochter Demeter übernommen, und die Welt ist fest gefügt unter der Herrschaft des Zeus.

Die Meisten kennen Kronos aus den Mythen als eine überaus brutale Persönlichkeit, die ohne große Bedenken auf Anraten der eigenen Mutter seine Brüder und Schwestern dazu anstiftet den Vater zu entmachten. Um die gewonnene Macht nicht zu verlieren, versucht er sogar das Schicksal zu betrügen. Nach einem Orakelspruch, der ihm voraus sagt, dass sein eigener Sohn ihn wiederum stürzen wird, verschlingt er jedes Kind, welches seine Schwesterngattin gebiert, bis diese sich einer List bedient und das Orakel Erfüllung findet.

Kronos ist auch der Ankylometes, der "krummen Sinnes" (wie sein Enkel Prometheus), und wenn man von der Annahme ausgeht, dass das "gerade" Denken dem geordneten System, das Zeus repräsentiert, entspricht, wäre eine andere Denkweise natürlich kontraproduktiv. Aber auch das ist eine Eigenschaft der Griechen – sie lassen auch dem Andersartigen Raum, wenn auch nur für wenige Tage im Jahr. Dieses findet an den Kronia, diesem außergewöhnlichen Fest zu Ehren des Kronos, im attischen Monat Hekatombaion statt. Für die Dauer dieses Festes wird das goldene Zeitalter herauf beschworen und die gültige soziale Ordnung außer Kraft gesetzt, so tafeln Sklaven beispielsweise mit ihren Herren oder werden von diesen gar bedient. Ganz ähnlich verfuhr man an den römischen Saturnalien, welche zwar im Jahresrad den Kronia gegenüber liegen, aber dennoch häufig mit diesen verglichen werden. Dies ist auch einer der Hauptgründe weshalb der Gott Saturn als das römische Gegenstück zu Kronos betrachtet wird. Etymologisch wird häufig eine Entsprechung zu Chronos, dem griechischen Begriff und Gott der Zeit gesucht, was allerdings nur scheinbar schlüssig ist. Als ihm entsprechend wird mitunter auch der phönizische Gott Baal-Hammon, oder der semitische El genannt. Viele weitere Gottheiten könnten aufgrund einzelner Übereinstimmung in Kult oder Mythos mit Kronos verglichen werden, was allerdings meines Erachtens nur bedingt Sinn macht und für uns höchstens zweitrangig ist.

Mit Kronos wird übrigens ein Steinkult verbunden. In Delphi soll eben jener Stein verehrt, täglich geölt und regelmäßig in frische Leinenbinden gewickelt worden sein, welchen Rheia ihrem Gatten Kronos anstelle des gemeinsamen Sohnes Zeus reichte. Dieser ist aber bitte nicht mit dem Omphalos, dem so genannten Nabelstein zu verwechseln. Bei diesem verehrten Bätyl könnte es sich um eine Meteoriten handeln, der tatsächlich vom Himmel kam, als eben das von Kronos ausgespuckte „falsche Kind“.

Da Kronos einer der wenigen Titanen ist, dem kultische Verehrung entgegen gebracht wird, ist es auch interessant seinen Kult zu begutachten und evt. wieder zu beleben. Wir können zum Beispiel Anleihen am bereits erwähnten delphischen Steinkult nehmen. Als Opfergaben für Kronos eignet sich besonders, worüber eine frühe Ackerbaugesellschaft eben verfügte: Getreideprodukte, Beeren, u.ä. und auch kein Wein, sondern höchstens "echter" Met - aus Honig, Wasser und Hefe vergoren, also kein (Trauben-)Wein mit Honigbeimengung. Honig spielt mythologisch im Zusammenhang mit Kronos außerdem auch immer wieder eine Rolle und in manchen Erzählungen war es (vergorener) Honig, welchen sein Sohn Zeus nutzte um Kronos zu betäuben um ihn fesseln zu können. Als Rauchopfer empfehlen die Orphiker - wie wir von der Hymne an Kronos wissen – Styrax, ein sehr schweres, süßlich duftendes Räucherharz, welches neben Weihrauch auch heute noch in der griechisch-orthodoxen Kirche häufig verwendet wird.


  Orphische Hymne an Kronos
(Übersetzung von Ewald K Strohmar)

Entflammter, Vater der seligen Götter
und der Menschen,
listiger Ratgeber, Unbefleckter,
Mächtiger, streitbarer Titan,
du verzehrst alles und vermehrst es dennoch selbst,
mit unzerstörbaren Bändern
hältst du den unendlichen Kosmos zusammen,
Kronos, Erzeuger der Zeit,
Kronos von den kunstvollen Geschichten,
aus der Erde entsprossen und inmitten des Himmels,
erzeugt, gewachsen, verkleinert
Gemahl der Rhea, heiliger Prometheus,
der du wohnst in allen Bereichen des Kosmos,
Beherrscher alles Gewordenen,
Verschlagener, Bester!
Höre meine bittende Stimme
und gewähre ein glückliches Leben und ein zufriedenes Ende.

Copyright by Sandra Mauler (Sassa) 

 
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