| Metis |
Metis, die Titanin, Tochter von Okeanos und Tethys, war (nach Hesiodos) die erste Frau des Zeus. Ihr Name bedeutet "Klugheit, kluger Rat", und in dieser Funktion tritt sie in den Theogonien häufig auf, bei Homer und den Homerischen Hymnen ist das Wort als Beiname von Zeus und Athene gebräuchlich (metieta). Um zu verhindern, dass sie ihm einen Sohn, der nach einer Prophezeiung mächtiger wäre als er selbst, zu gebären, verschluckte Zeus die Metis, als sie schwanger wurde. Athene wurde dann aus Zeus' Kopf (erwachsen und in voller Rüstung) geboren (Athene wird daher manchmal als mutterlose Göttin bezeichnet). Die wenigen Erwähnungen in der Mythologie (nach Nilsson, GgrR 1,438, "primitiv anmutender und zugleich klügelnder Mythos") lassen, wie bei vielen der Titanen und Okeaniden, darauf schließen, dass es sich um die mythologische Bemühung handelt, einer Eigenschaft, hier der "Klugheit an sich", eine Gestalt zu geben, die dann in den Beschreibungen der Athene weiter konkretisiert wird. Welchen Symbolgehalt hat nun die Aussage, dass Zeus Metis verschluckt haben soll? Das Thema des mächtigeren Sohnes und des Verschluckens kennen wir ja bereits aus Zeus' eigener Kindheit, als Kronos dieselben Befürchtungen bezüglich seiner Entmachtung (die ja dann tatsächlich eingetreten ist) hatte. Wenn wir davon ausgehen, dass in diesen Erzählungen gewisse Vorstellungen der antiken Griechen bezüglich kosmologischer Zusam-menhänge symbolhaft dargestellt werden, muss man sich fragen, welche das denn wären. Die Grundaussage ist: Zeus nimmt die Klugheit in sich auf, d.h. er wird selbst klug, ist also nicht mehr vollständig angewiesen auf Ratschläge von außen. Er wird somit zu dem, was man an ihm kennt: nicht nur "Chef" der Götter, sondern auch ein weiser Hauptgott. Man könnte also sagen, dieses In-sich-Aufnehmen der Klugheit macht ihn erst zu einem vollständigen Herrscher (und dies sinnbildhaft für alle idealen Herrscher deuten). Dass diese Klugheit sich sogar noch personifiziert in seiner Tochter Athene, der Schutzgöttin von Athen, dass also die Klugheit des Zeus auch auf all das, wofür Athene steht, ausgeweitet wird, symbolisiert den Wunsch des Zeus, dass seine primärgenerische Macht in eine schützende Wirkung umgewandelt wird, und das unter dem Gesichtspunkt der Klugheit. Metis nimmt im Mythos viele verschiedene Gestalten an, um sich nicht mit Zeus vereinigen zu müssen, also um die Auswirkungen der Prophezeiung zu vermeiden. Oder, anders gesagt: die Klugheit kennt viele Gesichter, doch alle Klugheit nützt nichts gegen die Ordnung des Kosmos, die hier in einer nicht näher bestimmten Prophezeiung dargestellt wird. Und auch später noch wird Zeus, der Kluge, oft mit dem Schicksal, |
gegen das selbst er nicht ankann, konfrontiert. Klugheit (oder, einmal anders ausgedrückt: Intelligenz, also die Fähigkeit der Unterscheidung) ist auch die Gabe, Unvermeidbares als solches zu erkennen und dann einen anderen Weg einzuschlagen. Im Wörterbuch findet man zwar unter "metis" die Übersetzungen "Klugheit, Weisheit, Einsicht, Plan, Rat", aber "Klugheit" wird auch mit "sophia", "phronesis" und "synesis" übersetzt. Man kommt also bald zur Frage, was denn der Unterschied zwischen Weisheit und Klugheit wäre. "Sophia" wird von den Philosophen (Platon, aber viel mehr noch Aristoteles) als eine der Grundtugenden bestimmt, und so fragt man sich, wo Metis geblieben ist. Man hat das Gefühl, dass das archaische Konzept der Metis, der guten Rates, durch ein weitaus komplexeres System ersetzt wurde, das den ausgefeilteren Gedanken der Philosophen (abhängig von den zwischenzeitlichen kulturellen und politischen Veränderungen) mehr entsprach als die alte Funktion der "Beraterin des Zeus". Daher möchte ich kurz bei den Philosophen verharren: Es wird nunmehr unterschieden zwischen Weisheit (sophia) als grundsätzliche Fähigkeit der Einsicht in die Zusammenhänge des Kosmos, und Klugheit (phronesis) als die praktische Anwendung bei konkreten Handlungen, indem man verschiedene Faktoren bedenkt (phronein). Aristoteles (Nik. 1145) vergleicht den Zusammenhang zwischen Weisheit und Klugheit mit dem zwischen Gesundheit und Heilkunde (die zweite ist jeweils darauf gerichtet, die erste herzustellen). Weisheit ist also eine, durch die Fähigkeit der Einsicht in "Höheres", die Klugheit übersteigende Dimension, ein anzustrebendes Ideal. Und wenn man annimmt, dass auch die Okeaninen wie Metis ursprünglich eine Art "personifizierter Ideale" darstellten, wäre Sophia somit so etwas wie die "Nachfolgerin" der Metis, nicht beschränkt auf die Sphäre der Götter (v.a. Zeus und Athene), sondern unmittelbar als Geschenk, als Möglichkeit und Chance für die Menschen. Interessant ist auch, dass Sophia im östlichen Christentum als "Heilige" angesehen und verehrt wird (siehe z.B. die Kirche Hagia Sophia in Konstantinopolis, und viele weitere Kirchen, siehe diverse Einträge zu Sophienkirchen in Wikipedia), und auch im Judentum tritt die Weisheit (Chokhmah) neben der Shekhinah als eine der "weiblichen Eigenschaften" Gottes in Erscheinung, in zwei christichen Evangelien vergleicht sich Jesus mit ihr.
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