Die Göttin Hera

Hera gehört meines Erachtens zu den verkannten griechischen Gottheiten. Den meisten Leuten fällt - einige mythologische Erzählungen im Hinterkopf - zu Hera nur ein, dass sie zornig und eifersüchtig ist. Meines Meinung nach handelt es sich dabei um eine viel zu einseitige und herabwürdigende Inter-pretation jenes Bildes, welches eben die bekannten Mythen anzubieten haben.

Hera steht für alles im Leben, das uns ganz werden lässt. Wenn wir auf diese Welt kommen, sind wir kaum mehr als einige Puzzleteile, die erst noch geordnet und mit anderen Teilen zu dem fertigen Bild unseres vollständigen und wahren Ich bzw. Wir verschmolzen werden muss. Hera ist jene Göttin, die uns zu diesem Ziel hin durch das Leben geleitet. Mit jedem Lebensabschnitt kommen wir oder sollten dies zumindest dieser Ganzheit ein wenig näher.

Die Griechen kannten vier Lebensabschnitte. Zuerst die Zeit als Kind, worauf die Jugend folgt, dann die Zeit des Erwachsenseins (meist verbunden mit der Gründung und Erhaltung einer Familie) sowie zuletzt das Alter. Hera steht für alle diese Abschnitte im Leben einer Frau und wird daher auch mit den Beinamen Pais (=Mädchen), Nympheuomene (=Braut), Teleia (=Erwachsene) und Khera (=Witwe) angerufen. Einen mütterlichen Aspekt wird man bei Hera allerdings vergeblich suchen. Sie ist zwar die Gamelia (=Göttin der Heirat und Ehe) und die eheliche Verbindung ist die Grundvor-aussetzung auf der in weiterer Folge die Begründung der Familie und der Nach-kommenschaft folgt, aber dieser Bereich betrifft die große Göttin kaum. Hera wird nämlich auch als Zygia (=die in der Ehe vereint) gerufen und in diesem Beinamen erkennt man gleich wesentlich leichter, dass es nicht um Familiengründung sondern ums „Eins-werden“ in der Ehe geht. Sie ist Beschützerin und Bewahrerin der Ehe als einer Ganzheit, welche ohne die einzelnen Teile nicht funktionieren kann, wie auch kein Mensch ohne den anderen diese Ganzheit erreichen kann.

In den feministischen Hexenkulten hört man immer wieder von griechischen Göttinnen, wie zum Beispiel von Demeter und ihrer Tochter Persephone oder auch von Artemis. Hera scheint keine besondere Liebe aus feministischer Sicht zu genießen. Möglicherweise wird sie von Vielen in erster Linie als die Ehefrau eines großen Mannes verstanden, dem sie sich unterordnen muss. Tatsächlich kommt Hera meines Erachtens dem am nächsten, was man als eine Göttin der Gleich-berechtigung betrachten kann. In ihr finden wir das Bestreben nach einer funktionierenden Partnerschaft, in welcher die Partner dieselben Rechte genießen. Vielleicht trifft es auf Unver-ständnis, dass eine starke Frau, Königin unter den Göttern, welche Hera eben ist, die Verbindung mit einem Mann nicht von vorneherein ablehnt, sondern ganz im Gegenteil als Ehegöttin sogar schützend für diese eintritt. In Anerkennung der Tatsache, dass es zum Erhalt der Menschheit notwendig ist, dass wir uns auf andere Menschen einlassen, erleben wir mit Hera dies auf die fairste und partnerschaftlichste Weise, zum Wohle des Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft, umzusetzen.

In den Mythen erscheint Hera häufig als streitlustig und zornig. Bei einem Streit von ihr mit Aphrodite und Athene um den Titel der „schönsten Göttin“ muss Paris den Schiedsrichter spielen. Diese Auseinandersetzung führt die Menschen und den halben Olymp schlussendlich in den trojanischen Krieg. Meist gerät sie aber in erster Linie mit ihrem Gatten, dem großen Zeus aneinander, der seine Finger anscheinend einfach nicht von den Röcken anderer Frauen (egal ob göttlich oder menschlich) lassen kann, was nicht nur ihm, sondern in erster Linie auch seinen Frauen und deren Nachwuchs den Zorn der Ehegöttin einbringt, was wiederum den Göttervater erzürnt. Etliche mythologische Erzählungen berichten von solchen Streitigkeiten, die letztendlich, wie auch bei der Sache mit dem

trojanischen Krieg, auf dem Rücken der Menschheit ausgetragen werden.

Ein Mäuschen am Herd, entsprechend dem Bild einer „braven griechischen Braut“, ist Hera mit Sicherheit nicht. Ihrer selbst bewusst geht die Göttin in die Ehe und besteht dabei auch auf ihre Rechte und scheut dabei keine Konflikte. Das Dilemma der Hera ist vermutlich, dass sie, die Göttin der Verschmelzung und Eins-Werdung, eben diese Vervollkommnung auch in ihrer Ehe anstrebt, wogegen das umfassend schöpferische und zeugende Element ihres Gatten steht. Hera und Zeus sind sich zwar nahe, aber doch liegt auch die gesamte geordnete Welt zwischen ihnen. In gewisser Weise ist die Königin unter den Göttern dadurch einsam. In jedem Fall ist sie wohl eher als eine ernste denn als eine besonders fröhliche Göttin zu betrachten.

Mag sie vielleicht auch einsam sein, alleine ist Hera mit Sicherheit nicht. Sie wird von 14 Gefährtinnen begleitet. Diese Gefolge besteht unter anderem aus den Horai (=den Jahreszeiten), Iris (=Göttin des Regenbogens und persönliche Botin der Hera) sowie ihren beiden Töchtern Hebe (=Göttin der Jugend) und Eileithyia (=der göttliche Geburtshelferin). Abgesehen von den beiden bereits genannten Göttinnen zählen Ares, Hephaistos, der Sturmriese Typhaon und die Khariten, auch bekannt als die drei Grazien, zur Nachkom-menschaft der Götterkönigin.

Dargestellt wird die Göttin in majestätischer Haltung, häufig auf einem Thron sitzend. Ihre Augen sind groß und rund, wie es der homerischen Beschreibung („kuhäugig“) entspricht, ihr Kinn ist entschlossen ein klein wenig nach vorne gereckt und ihr Haupt wird meist von der königlichen Kopfbinde gekrönt, mitunter trägt sie aber auch einen Schleier (wie es sich für die verheiratete Frau geziemt). Zu ihren Attributen zählt der Granatapfel, ein Zeichen für die Fruchtbarkeit in der Ehe, und das Zepter, welches ein weiteres Zeichen ihrer Königlichkeit darstellt. Häufig kommt noch ein Kuckuck oder ein Pfau hinzu. Pfaue sollen es übrigens auch sein, welche den Prunkwagen der Göttin ziehen. Anstelle einer Statue oder eines Bildes, steht auf meinem Schrein auch eine Pfauenfeder als Symbol für Hera und ich habe auch einen Schal auf dem ein solches Tier aufgestickt ist, den ich nur an Festtagen zu Ehren der Göttin trage.

Das wichtigste Fest unseres Jahreskreises an dem die Göttin geehrt wird, ist Theogamia (siehe dazu auch diesen Artikel) im hellenistischen Heiratsmonat Gamelion. An diesem Tag feiern wir die göttliche Hochzeit der Hera und des Zeus einerseits und alle irdischen Partnerschaften andererseits.

In seiner Hymne an Hera schreibt Homer:
Von Hera auf dem goldenen Thron will ich singen,
von Rhea geboren, sie ist
die Königin der Unsterblichen,
ihre Schönheit übertrifft alle,
des laut donnernden Zeus ist sie
Schwester und Gemahlin,
die Ruhmreiche, alle Seligen auf dem hohen Olymp
haben Ehrfurcht vor ihr und
schätzen sie ebenso wie Zeus,
der den Donner liebt.“

Copyright by Sandra Mauler (Sassa)

 
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