| Die Göttin Artemis |
Artemis, die griechische Göttin der Jagd, der Frauen, der sanften Geburt, der Kinder, der Unverheirateten, des Mondes, der Wälder, der Tiere, der Berge, der Amazonen. Sie
war meine Führerin, meine Göttin, seitdem ich mit 18 Jahren
beschlossen habe, Heidin zu werden. Damals habe ich sie noch als
Diana verehrt, v.a. auch inspiriert durch Leland „Aradia“,
wo Diana in der mittelalterlichen Hexenkunst Oberitaliens die Funktion
einer Schöpfergöttin innehat, des weiteren Königin
der Hexen ist, die zusammen mit Lucifer, dem Morgenstern, eine Tochter
zeugt, Aradia, die Initiatorin eines neuen Hexenglaubens, der die
unterdrückten Menschen zur Rebellion gegen die Machthaber aufstachelt,
unter anderem eben mit Hexenkunst, Giftmord, etc. Eine nette Gestalt
also, die Diana, dachte ich mir, denn die wilden Gottheiten waren
mir immer schon sympathischer als die braven. Und die wilden Göttinnen
noch mehr als die Götter. Artemis hat viele Namen, ähnlich wie ihr Bruderherz Apollon. Einzelgöttinnen, die in der Artemis aufgehen, wie z.B. Hekate. Sie wird, wie andere Gottheiten auch, nach ihren Kultstätten benannt, wie eben Ephesia, nach ihrem Tempel, der auch ein Weltwunder war, in Ephesos, oder Tauropolos, nach ihrer Verehrung in Tauris, wo auch Iphigeneia ihre Priesterin war, und wo ihr Menschen geopfert wurden. Aber auch in Sparta hatte sie einen recht drastischen Kult: Ihr zu Ehren wurden Jünglinge gepeitscht, als Mutprobe. Dann gibt es noch die Brauronia, die Artemis der Bären, deren Kult von jungen Mädchen gepflegt wurde, und viele mehr. Im
Mythos ist Artemis oft auf der Seite ihres Bruders Apollon zu finden.
Sie schützt ihre Mutter Leto (die durch Zeus schwanger wurde)
in der Schwangerschaft und hilft ihr, Apollon auf die Welt zu bringen,
weshalb sie auch von Hebammen und Gebärenden angerufen wird.
Das gefällt der jungfräulichen, das heißt männerlosen
und unver-heirateten Göttin gar nicht, aber dass sie als Eileithyia
für die Gebärenden zuständig ist, ist auch schon das
einzige Zugeständnis an „typische Frauentätigkeiten“.
Grundsätzlich ist sie sehr frei und liebt es, mit ihren Jagdhunden
auf ihrem von Hirschen gezogenen Wagen durch die Wälder zu streifen.
In der Ilias kämpft sie auf der Seite der Trojaner (wieder zusammen
mit Apollon). Den Jäger Aktaion verwandelt sie in einen Hirschen,
weil er es gewagt hatte, der nackten Göttin beim Baden zuzusehen.
Aktaion wird von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischt. Mit der Göttin
ist also nicht gut Kirschen essen, wenn es um ihre Jungfräu-lichkeit
geht. Eine weitere interessante Geschichte ist die mit Agamemnon vor Aulis: Der König tötete eine |
Hirschkuh, die der Artemis geweiht war. Die Göttin nahm Rache, indem sie die Winde nach Troja zurückhielt. Agamemnon konnte nur in See stechen, wenn er seine Tochter Iphigeneia der Artemis opfern würde. Gesagt, getan. Aber im letzten Moment kam Artemis dem armen Mädchen zu Hilfe und befreite sie, und warf stattdessen eine Hindin auf den Altar, worauf Agamemnon lossegeln konnte. Und Iphigeneia wurde nach Tauris gebracht, wo sie Priesterin der Jagdgöttin wurde. Dieser Mythos ist für mich deshalb so interessant, weil er einer wohlbekannten biblischen Geschichte ähnelt, nämlich der von Abraham und Isaak. So wie in der jüdischen Schrift, greift die Gottheit ein, um den Menschen zu retten. Vielleicht ist dieser Mythos ein Symbol dafür, dass auch in Griechenland Menschenopfer nach und nach abgeschafft wurden. Zurück zur Ephesia. 2001 (just einen Tag vor den Anschlägen aufs WTC) fuhr ich nach Ephesos und besuchte meine Göttin. Das Gefühl war genial. Ich musste fast heulen, als ich vor der wiedererrichteten alleinstehenden ionischen Säule stand, dem kläglichen Rest des einstigen Weltwunders. Wie prächtig ist wohl das Artemision gewesen! Ich habe mich im großen Theater auf die Stufen gesetzt und mir vorgestellt, wie die Ephesier lauthals riefen „Megale he Artemis Ephesion!“ – Groß ist die Artemis der Epheser! Und wie sie so den Paulus und seine Mannen aus der Stadt verjagten. Ich ging ins Museum von Selçuk und besuchte meine Göttin. Die zwei Marmorstatuen in ihrer Größe zu bewundern hat mir schier den Verstand geraubt, so unglaublich war das Gefühl. Artemis selbst hat ihr Kultbildnis einst vom Himmel geworfen, zum Heil für Ephesos. Das hölzerne Kultbild wurde von einem fanatischen Bischof verbrannt. Aber die steinernen Bildnisse existieren noch. Sie war im römischen Reich so beliebt, dass man sogar in römischen Villen ihre Bildnisse fand. Eine wunderschöne Marmorstatue von ihr ist im Nationalmuseum in Neapel zu bestaunen. Die Ephesia, eine Mischgöttin aus Artemis und phrygischer Kybele, hat einen für mich wichtigen Aspekt, den die „normale“ griechische Artemis nicht hat: Sie ist Göttin der Amazonen. Callimachus beschreibt in seiner ellenlangen Artemis-Hymne, dass die Amazonen das Kultbild in Ephesos errichtet haben, und davor kultische Waffentänze aufgeführt haben. Alleine bei der Vorstellung daran wird mir ganz warm ums Herz, mir, die kämpfende Frauen ganz genial findet, und die selber der Kampfkunst verfallen ist. Artemis, die Griechische, hat weitere coole Aspekte. Erst einmal ist sie Potnia Theron – Herrin der Tiere. Göttin der wilden Natur, vor allem der Wälder und Berge. Da ich schon als Kind gerne durch die Nadelwälder gestreift bin (was ich auch heute noch gerne tue!), hat Artemis auch hier viel, was mir absolut sympathisch ist. Und Tiere mag ich sowieso. Weiters beschützt sie die Kinder und die freien, unverheirateten Menschen. Wenn eine Griechin heiratete, musste sie der Artemis opfern, um so ihr freies Leben als Mädchen abzuschließen. Für mich als freie Frau, die nicht an Mann und Kind gebunden ist, symbolisiert die freie Göttin damit auch meinen Lebensentschluss selbst, und, so doof das klingen mag, ich glaube, die Göttin wäre mir bitterböse, wenn ich heiraten würde und Kinder in die Welt setzte..... Da
ich jetzt hauptsächlich keltische Gottheiten verehre, habe ich
mich natürlich auch gefragt, welche keltische Göttin wohl
am ehesten der ephesischen Artemis entsprechen könnte. Es gibt
zwar einige Diana-hafte, wie Arduinna, Abnoba oder Belestis. Und
einige berauschte Göttinnen (Kybele-haft), wie Aerecura, Meduna/Medb
oder Rosmerta. Aber keine hat sich bis jetzt in ihrer Universalität
mit der Ephesia messen können. Trotz meines keltischen Weges
werde ich die Artemis also weiterhin als Ephesia verehren, als griechisch/phrygische
Mutter und Königin der Amazonen. |
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