Die Göttin Athene


Die Göttin Athene gehört neben Zeus für die Allgemeinheit wohl zu den bekanntesten griechischen Gottheiten. Meistens wird sie einfach als „Göttin der Weisheit“ betitelt. Meines Erachtens ist diese Bezeichnung aber nicht wirklich eine optimale Beschreibung für Athene. Sie ist zwar eine „kopflastige Göttin“, wenn man so will, und arbeitet in erster Linie mit ihrem Verstand, jedoch werden bei ihr aufgrund dieser Klassifizierung als Weisheitsgöttin gerne andere und vielleicht sogar wesentlich besser charakterisierende Eigenschaften übergangen.

Zeugung und Geburt der Göttin dürfen durchaus als außergewöhnlich beschrieben werden. Sie entstammt nämlich der Beziehung zwischen Göttervater Zeus und Metis. Bei Hesiod ist Metis die erste Gattin des Zeus, welche ihm auch mit ihrem Rat zur Seite stand und behilflich war, als er seine verschlungenen Geschwister befreite. In anderen Versionen zählt sie zu den außerehelichen Partnerinnen, als er bereits Hera zur Gattin hatte (es gibt hier auch Wechselwirkungen zu jenen mythologischen Erzählungen, welche der Hera aus ihr selbst heraus gezeugte Kinder zuschreiben). Mitunter wird Metis, deren Name so viel wie „guter Rat“ bedeutet, gar nicht als eigene Person betrachtet, sondern eher als eine Beschwichtigung all jener empörten Stimmen, welche aufheulen, wenn die Rede davon ist, Zeus habe Athene ohne Mutter aus sich selbst heraus gezeugt und geboren.
Nun aber zurück zum Mythos. Einer Prophezeiung von Gaia und Uranos zu folge, welche der Metis überaus kluge Kinder vorhersagte, sollte ein gemeinsamer männlicher Nachkomme mit Zeus zum König der Götter und Menschen bestimmt sein. Da der olympische Herrscher dieses Risiko nicht eingehen wollte verschlang er – wie es auch schon der nicht wirklich erfolgreiche Lösungsansatz seines nunmehr entmachteten Vaters gewesen war - die schwangere Metis. Dadurch wurde natürlich weder sie noch das göttliche und somit unsterbliche Kind getötet. Es wuchs im Körper des Zeus heran. Irgendwann bekam dieser derart unerträgliche Kopfschmerzen, dass Hephaistos gerufen wurde um ihm den Kopf mit seinem Beil zu spalten. Daraufhin sprang die Athene in voller Kampfmontur aus dem Kopf des Zeus heraus. Aus diesem Grund ist auch einer ihrer Beinamen Koryphagenês (= aus dem Kopf geboren) und der Gott der Schmiedekunst gilt als ihr Geburtshelfer, welcher als solcher eine ganz besondere Beziehung zu der Göttin pflegte.

Athene, die Vatertochter, ist wohl die männlichste Göttin des gesamten griechischen Pantheons. Obwohl Kampf und Krieg eher als eine Angelegenheit der männlichen Bevölkerung betrachtet wird, gibt es in ihr eine Göttin, zu deren wichtigsten Aufgabengebiet eben diese zählen.
Als jungfräuliche Göttin kennt die Mythologie eigentlich keine Nachkommen der Athene. Mitunter wird sie aber dennoch als Meter (=Mutter) angerufen und es gibt tatsächlich einen Mythos, der von einer Verbindung der Athene erzählt, der ein Kind entstammt. Interessanterweise blieb der Göttin aber dennoch ihre Jungfräulichkeit erhalten und von dem göttlichen Kind, welches Athene den Töchtern des Kekrops anvertraute, weiß man heute auch so gut wie gar nichts.

Zu den bekanntesten mythologischen Erzählungen über Athene zählt unter anderem ihr Wettstreit mit Poseidon. Indem jeder der beiden Götter ein einzigartiges Geschenk für die Bevölkerung schuf, sollte darüber entschieden werden, wem die Patronanz für Athen zustand. Während die Mythen sich im Geschenk Poseidons nicht ganz einig werden, ist es stets der erste Olivenbaum, welcher Athene den Sieg eintrug.
Außerdem spielt Athene auch in der Ilias von Homer insbesondere als Schutzherrin des Odysseus, dessen Idee mit dem hölzernen Pferd schließlich die Entscheidung bringt, auf Seiten der Griechen im trojanischen Krieg eine wesentliche Rolle.

Die meisten Leute verbinden mit der Göttin Athene Eulen. Und tatsächlich finde ich, passen diese Tiere ausgezeichnet zu ihr. Leider werden die meisten Eulendarstellungen ihrer Verbindung nicht gerecht. Häufig sieht man sitzende Eulen, die aufgrund ihrer großen Augen und ihres Gefieders wie Kuscheltiere aussehen, aber weder Eulen noch die Göttin sind kuschelig und anschmiegsam. Eulen sind Einzelgänger. Sie sind gefährliche Raubtiere, die majestätisch, lautlos und präzise durch die Luft gleiten, wenn sie sich auf ihre Beute stürzen, welche sie meist zu spät bemerkt. Eulen beeindrucken wie

fast alle anderen Raubvögel durch ihre Sehstärke, insbesondere da sie erfolgreiche Jäger in nächtlicher Schwärze sind. Sie sind aber auch ausgesprochen ruhig - wirken dadurch regelrecht nachdenklich und weise - wissen aber in jedem Fall den geeigneten Moment ab zu warten und dann zielgenau zu handeln. Ja, Eulen passen in vielerlei Hinsicht zur Göttin, scheinen gar eine tierische Verkörperung von ihr zu sein. Ich habe lange nach einer zu Athene passenden Eulendarstellung gesucht, welche meines Erachtens nur mit ausgebreiteten Schwingen sein konnte, und habe dadurch irgendwann folgende Figur gefunden, die seither immer wieder meinen Schrein ziert.
Vermutlich geht die Verbindung der Göttin mit diesen Tieren aber sowieso auf den von Homer gebrauchten Beinamen glaukopis (=eulenäugig) der Athene zurück und hat insofern nicht wirklich etwas mit den Tieren selbst zu tun, sondern eher mit der Beschreibung eines körperlichen Merkmales, also wahrscheinlich mit großen Augen, die in der Antike als besonders schön galten.

In Kult und Kunst wird Athene jedenfalls mit Sicherheit nicht als Eule dargestellt, sie wird höchstens von Eulen begleitet. Die bekanntesten Kultbilder zeigen sie voll gerüstet als kriegerische Göttin in einem gegürteten Peplos mit ihrem wichtigsten Attribut, der Aegis, einem großen Brustpanzer aus Ziegenfell welcher mit dem Gorgonenhaupt verziert ist. Sie trägt außerdem einen attischen oder korinthischen Helm sowie Schild und Lanze. In friedlicheren Darstellungen erscheint die Göttin auch sitzend und trägt anstelle der Waffen eine Opferschale und mitunter sogar anstelle des Helmes eine Krone. Besonders in der Malerei wird Athene allerdings häufiger in mythologischen Szenen dargestellt.

Ihre Beinamen zeigen, zu welch breit gefächerten Lebensbereichen Athene kultisch verehrt wurde. Wir wissen nun ja bereits um ihre Bedeutung im Krieg, welche unter anderem in ihren Kulttiteln Areia (=des Krieges), Sthenias (=der Stärke), Sôteira (=Erlöserin) und Nikê (=Sieg) zum Ausdruck kommt. Da die Kunst des Heilens zu den nicht unwesentlichen Bestandteilen von Kriegsglück gehört, überraschen Beinamen wie Hygaia (=der guten Gesundheit) und Paiônia (=Heilerin) kaum. Als Göttin der Helden kommt Athene darüber hinaus auch eine äußerst wichtige Bedeutung zu. Als Amboulia ist sie außerdem die Göttin des guten Ratschlags und als Pronoia der Vorausschau. Mit Göttervater Zeus teilt Athene sich unter anderem die Kulttitel Xenia (=der Gastfreundschaft) und Polias (=der Stadt). Ihre Rolle als jungfräuliche Göttin und ihre Bedeutung für Mädchen erkennen wir vor allem in den allgemeinen Kulttiteln Parthenos (=Jungfrau) und Koriê (=Mädchen). Der bekannteste Beiname der Athene, Pallas, bezieht sich den verschiedenen Mythen zufolge auf eine andere mythologische Gestalt, welche meist in der Jugend der Göttin eine besondere Rolle gespielt haben soll. Wie wir aus ihrem mythologischen Geschenk an die Stadt Athen wissen, ist sie auch Göttin der Olive und des Öls, welches ja aus selbiger gewonnen wird und von großer Bedeutung ist. Athene gilt außerdem als Schirmherrin der Wissenschaften und Küste, darunter durchaus auch der Häuslichen, wie zum Beispiel der des Webens und Handarbeitens, aber auch des Töpferns und der Bildhauerei.

Die bekanntesten Feste der Athene sind wohl die Panathenaia, ein meist mehrtägiges Fest anlässlich des Geburtstages der Göttin am 28. Tag des Sommermonats Hekatombaion. In der Antike wurde dieses Festival im dritten Jahr jeder Olympiade besonders groß und ausführlich begangen. Im Rahmen dieses Festes wurden unter anderem musische und athletische Wettkämpfe ausgetragen. Der wichtigste Bestandteil des Festes ist allerdings das Darbringen der neuen Kleidung für die Göttin bzw. ihr Kultbild, welches anlässlich eines eigenen Festes, den Plynteria alljährlich rituell gereinigt und an den Panathenaia eben neu eingekleidet wird. Eine pompöse Prozession und große Festmahle dürfen aber auch nicht fehlen. Weitere Festtage der Athene sind zum Beispiel die Chalkeia und die ebenfalls im Sommer statt findenden Arrephoria.

Wir haben als Familie zu Athene eine besondere Beziehung seit sie sich vor einigen Jahren sozusagen bei uns „gemeldet“ hat. Damals waren mein Mann und ich gerade damit beschäftigt die Dekatê-Feier unseres Sohnes zu besprechen und zu planen, als wir beide mitten am Tag aus dem fahrenden Zug heraus eine Eule erblickten. Für uns war somit klar, dass Athene sich selbst als Kourotrophos für unseren Sohn anbot. Seither gehört sie zu jenen Gottheiten, die in unserer Familie eine besondere Verehrung genießen.

Copyright by Sandra Mauler (Sassa)

 
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