| Die Göttin Athene |
Zeugung
und Geburt der Göttin dürfen durchaus als außergewöhnlich
beschrieben werden. Sie entstammt nämlich der Beziehung zwischen
Göttervater Zeus und Metis. Bei Hesiod ist Metis die erste Gattin
des Zeus, welche ihm auch mit ihrem Rat zur Seite stand und behilflich
war, als er seine verschlungenen Geschwister befreite. In anderen
Versionen zählt sie zu den außerehelichen Partnerinnen,
als er bereits Hera zur Gattin hatte (es gibt hier auch Wechselwirkungen
zu jenen mythologischen Erzählungen, welche der Hera aus ihr
selbst heraus gezeugte Kinder zuschreiben). Mitunter wird Metis,
deren Name so viel wie „guter Rat“ bedeutet, gar nicht
als eigene Person betrachtet, sondern eher als eine Beschwichtigung
all jener empörten Stimmen, welche aufheulen, wenn die Rede
davon ist, Zeus habe Athene ohne Mutter aus sich selbst heraus gezeugt
und geboren. Athene,
die Vatertochter, ist wohl die männlichste Göttin des gesamten
griechischen Pantheons. Obwohl Kampf und Krieg eher als eine Angelegenheit
der männlichen Bevölkerung betrachtet wird, gibt es in
ihr eine Göttin, zu deren wichtigsten Aufgabengebiet eben diese
zählen. Zu
den bekanntesten mythologischen Erzählungen über Athene
zählt unter anderem ihr Wettstreit mit Poseidon. Indem jeder
der beiden Götter ein einzigartiges Geschenk für die Bevölkerung
schuf, sollte darüber entschieden werden, wem die Patronanz
für Athen zustand. Während die Mythen sich im Geschenk
Poseidons nicht ganz einig werden, ist es stets der erste Olivenbaum,
welcher Athene den Sieg eintrug. Die meisten Leute verbinden mit der Göttin Athene Eulen. Und tatsächlich finde ich, passen diese Tiere ausgezeichnet zu ihr. Leider werden die meisten Eulendarstellungen ihrer Verbindung nicht gerecht. Häufig sieht man sitzende Eulen, die aufgrund ihrer großen Augen und ihres Gefieders wie Kuscheltiere aussehen, aber weder Eulen noch die Göttin sind kuschelig und anschmiegsam. Eulen sind Einzelgänger. Sie sind gefährliche Raubtiere, die majestätisch, lautlos und präzise durch die Luft gleiten, wenn sie sich auf ihre Beute stürzen, welche sie meist zu spät bemerkt. Eulen beeindrucken wie |
fast
alle anderen Raubvögel durch ihre Sehstärke, insbesondere
da sie erfolgreiche Jäger in nächtlicher Schwärze sind.
Sie sind aber auch ausgesprochen ruhig - wirken dadurch regelrecht
nachdenklich und weise - wissen aber in jedem Fall den geeigneten Moment
ab zu warten und dann zielgenau zu handeln. Ja, Eulen passen in vielerlei
Hinsicht zur Göttin, scheinen gar eine tierische Verkörperung
von ihr zu sein. Ich habe lange nach einer zu Athene passenden Eulendarstellung
gesucht, welche meines Erachtens nur mit ausgebreiteten Schwingen sein
konnte, und habe dadurch irgendwann folgende Figur gefunden, die seither
immer wieder meinen Schrein ziert. In Kult und Kunst wird Athene jedenfalls mit Sicherheit nicht als Eule dargestellt, sie wird höchstens von Eulen begleitet. Die bekanntesten Kultbilder zeigen sie voll gerüstet als kriegerische Göttin in einem gegürteten Peplos mit ihrem wichtigsten Attribut, der Aegis, einem großen Brustpanzer aus Ziegenfell welcher mit dem Gorgonenhaupt verziert ist. Sie trägt außerdem einen attischen oder korinthischen Helm sowie Schild und Lanze. In friedlicheren Darstellungen erscheint die Göttin auch sitzend und trägt anstelle der Waffen eine Opferschale und mitunter sogar anstelle des Helmes eine Krone. Besonders in der Malerei wird Athene allerdings häufiger in mythologischen Szenen dargestellt. Ihre Beinamen zeigen, zu welch breit gefächerten Lebensbereichen Athene kultisch verehrt wurde. Wir wissen nun ja bereits um ihre Bedeutung im Krieg, welche unter anderem in ihren Kulttiteln Areia (=des Krieges), Sthenias (=der Stärke), Sôteira (=Erlöserin) und Nikê (=Sieg) zum Ausdruck kommt. Da die Kunst des Heilens zu den nicht unwesentlichen Bestandteilen von Kriegsglück gehört, überraschen Beinamen wie Hygaia (=der guten Gesundheit) und Paiônia (=Heilerin) kaum. Als Göttin der Helden kommt Athene darüber hinaus auch eine äußerst wichtige Bedeutung zu. Als Amboulia ist sie außerdem die Göttin des guten Ratschlags und als Pronoia der Vorausschau. Mit Göttervater Zeus teilt Athene sich unter anderem die Kulttitel Xenia (=der Gastfreundschaft) und Polias (=der Stadt). Ihre Rolle als jungfräuliche Göttin und ihre Bedeutung für Mädchen erkennen wir vor allem in den allgemeinen Kulttiteln Parthenos (=Jungfrau) und Koriê (=Mädchen). Der bekannteste Beiname der Athene, Pallas, bezieht sich den verschiedenen Mythen zufolge auf eine andere mythologische Gestalt, welche meist in der Jugend der Göttin eine besondere Rolle gespielt haben soll. Wie wir aus ihrem mythologischen Geschenk an die Stadt Athen wissen, ist sie auch Göttin der Olive und des Öls, welches ja aus selbiger gewonnen wird und von großer Bedeutung ist. Athene gilt außerdem als Schirmherrin der Wissenschaften und Küste, darunter durchaus auch der Häuslichen, wie zum Beispiel der des Webens und Handarbeitens, aber auch des Töpferns und der Bildhauerei. Die bekanntesten Feste der Athene sind wohl die Panathenaia, ein meist mehrtägiges Fest anlässlich des Geburtstages der Göttin am 28. Tag des Sommermonats Hekatombaion. In der Antike wurde dieses Festival im dritten Jahr jeder Olympiade besonders groß und ausführlich begangen. Im Rahmen dieses Festes wurden unter anderem musische und athletische Wettkämpfe ausgetragen. Der wichtigste Bestandteil des Festes ist allerdings das Darbringen der neuen Kleidung für die Göttin bzw. ihr Kultbild, welches anlässlich eines eigenen Festes, den Plynteria alljährlich rituell gereinigt und an den Panathenaia eben neu eingekleidet wird. Eine pompöse Prozession und große Festmahle dürfen aber auch nicht fehlen. Weitere Festtage der Athene sind zum Beispiel die Chalkeia und die ebenfalls im Sommer statt findenden Arrephoria. Wir haben als Familie zu Athene eine besondere Beziehung seit sie sich vor einigen Jahren sozusagen bei uns „gemeldet“ hat. Damals waren mein Mann und ich gerade damit beschäftigt die Dekatê-Feier unseres Sohnes zu besprechen und zu planen, als wir beide mitten am Tag aus dem fahrenden Zug heraus eine Eule erblickten. Für uns war somit klar, dass Athene sich selbst als Kourotrophos für unseren Sohn anbot. Seither gehört sie zu jenen Gottheiten, die in unserer Familie eine besondere Verehrung genießen.
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