Poseidon

Wie jeden Monat ließ ich diesmal das Los über den Inhalt des Features entscheiden. Ergebnis: Poseidon. Von da an war klar, dass dies ein schwieriger Artikel für mich wird, da ich bislang kaum einen Bezug zu ihm habe. Durch Zufall lernte ich dann auf einem heidnischen Forum eine junge Frau namens Seamera kennen, welche sich als Priesterin des Poseidon bezeichnet. Dies ließ mich natürlich sofort aufhorchen, weshalb ich sie anschrieb. Nun möchte ich meinen Artikel gerne mit ihren Erfahrungen mit Poseidon beginnen:


„Jeder kennt die rachsüchtigen, aufbrausenden Seiten des Gottes- aber gibt es noch mehr, was man über ihn wissen sollte?
Aus meiner Sicht kann ich diese Frage auf jeden Fall mit „Ja“ beantworten. Für mich ist Poseidon ein zentraler Angelpunkt in meinem Leben geworden, und noch mehr als das- er ist mein wertvollster Ratgeber, derjenige, an den ich mich mit Problemen wende, und nicht zuletzt, mein Beschützer.
Die Spur Poseidons zieht sich durch mein gesamtes bisheriges Leben, die Anfänge sind in meinem 8 Lebensjahr zu finden. Erst kürzlich fand ich Briefe, die an Poseidon gerichtet waren und die ich normalerweise an Flüssen und Bächen ablegte, sowie eine Gehäuse einer Nautilus, einem Lebewesen aus der Tiefsee, auf das ich im Alter von 9 Jahren ein Gebet an Poseidon schrieb und mir meinen Namen Seamera gab.
Doch erst sehr viele Jahre später begriff ich, dass all das einen Sinn hatte- nämlich den, mich ihm als Priesterin zu weihen. Ich begegnete ihm zuvor in vielen Meditationen und lernte ihn besser kennen, und erkannte dabei, dass er durchaus noch andere Seiten hat, als die, die allgemein bekannt sind.
Auch wenn ich vorher schon viel mit Poseidon zu tun hatte und mehr oder weniger die Beziehung zu ihm pflegte, änderte die Weihe doch vieles. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit ihm in der Anfangszeit, als ich ihn fragte, ob er sich als Dank etwas Bestimmtes wünschen würde. Er wünschte sich Datteln. Poseidon hat durchaus Humor, doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieser sehr fein und sehr trocken ist, und bei Dingen, die ihm wichtig sind, versteht er keinen Spaß.
Ich ehre Poseidon nun an seinen Feiertagen, dazu zählt insbesondere jeweils der achte Tag nach Neumond. Ich bringe ihm als Opfer meist Räucherungen dar, beispielsweise aus Fichte (Poseidons heiliger Baum) und Zeder.
Im Alltag versuche ich ebenfalls, nach Poseidons Regeln zu leben und auch auf ihm angemessene Weise zu handeln. Es ist für mich deshalb selbstverständlich, dass ich mich in meiner Freizeit sowohl für das Meer engagiere, als auch versuche, etwas für Poseidons heilige Tiere (Pferde) zu tun. Ich bin deshalb Mitglied bei Peta und dem Deutschen Tierschutzbund, und bin im Begriff, auch noch Greenpeace bei seinem Kampf gegen den Walfang zu unterstützen.
Die Weihe an Poseidon hat mein Leben verändert, das kann ich nicht leugnen. Aber er hat mein Leben in durchweg positiver Weise verändert. Sein Mut und sein Selbstbewusstsein haben auch mir geholfen, meine Schüchternheit zu überwinden, und durch die Dialoge mit ihm habe ich viel über mich herausgefunden.
Eine Weihe an eine bestimmte Gottheit bringt eine lebenslange Verpflichtung mit sich- aber ich bin durchaus gewillt, dieser Verpflichtung auch weiterhin nachzugehen. Weil es einfach mehr als eine Verpflichtung ist. Es ist mein Leben geworden.“
(Seamera)

 

Die Ausführungen von Seamera lassen bereits erahnen, dass Poseidon durchaus nicht nur der jähzornige Meergott ist, für den er häufig gehalten wird. Im Gegenteil, nach Kerenyi lässt die Ethymologie seines Namens Poteidan, „Gatte der Göttin Dâ (kürzeste Form Form von Demeter)“ sogar auf eine ältere, ursprünglichere Verbindung zur Erde und dem Festland schließen. Diese Bezeichnung darf man allerdings nicht falsch verstehen und ihn als den Diener einer Erdmutter abschreiben, vielmehr ist er bereits der wilde und ungestüme Gatte und Vater, der ihn auch so passend für sein späteres Hoheitsgebiet, den Ozean, macht. Poseidon blieb auch nach seiner mythologischen Vermählung mit Amphitrite, welche seine Herrschaft und die endgültige Ordnung der Welt herstellte, also die Aufteilung der Herrschaftsgebiete Himmel, Meer und Unterwelt zwischen den drei Brüdern Zeus, Poseidon und Hades, ein recht wilder und unberechenbarer Gott. So enthalten seine Schilderungen in den Mythologien stets seinen drohenden Zorn und eine verhaltene Wildheit, ganz wie es auch zu seinem wichtigstem Element, dem Meer passt.

Darüber hinaus gebietet Poseidon aber auch über alle anderen Gewässer, Bäche, Flüsse und Seen. Stößt er seinen mächtigen Dreizack in die Erde, so kann er damit eine Quelle hervor stoßen oder auch ein Erdbeben auslösen. Homer bezeichnete ihn aus diesem Grund häufig als Erderschüttere, wie auch in seiner Hymne an Poseidon:

"Über Poseidon, den großen Gott, will ich singen, Beweger der Erde und des unfruchtbaren Meeres,
Gott des Meeres, sowie des Helikon
und der weiten Ägäis.
Zwei Aufgaben wurden dir, Erderschütterer,
unter den Göttern zuteil,
das Bezähmen der Pferde
und die Bewahrung der Tempel.“

Wie man leicht erkennt, sollte Poseidon trotz seiner Macht Erdbeben auszulösen immerhin darauf achten, dass Heiligtümer geschützt bzw. verschont werden.

Es wird häufig vergessen, dass Poseidon einst mit Demeter ein Orakel auf Delos besaß ehe dieses an Apoll und Artemis überging. Dass Pferde, dem Poseidon heilig sind, soll natürlich auch nicht vergessen werden. Auf den ersten Blick ungewöhnlich, dennoch nahe liegend wie die Ähnlichkeiten zwischen Pferden und der hohen See, die ruhig und sanft sein kann, zumeist aber wild und ungezähmt, in jedem Fall aber kraftvoll ist.

Wer es sich, den Mythologien zufolge, mit Poseidon verscherzte, musste mit den schwerwiegenden Folgen seines Zornes rechnen. Dies konnten Überschwemmungen, Dürre durch versiegende Brunnen und seegeborene Ungeheuer sein. So büßte Attika seine Niederlage gegen Athena bezüglich der Vorherrschaft in Athen mit einer weit reichenden Überflutung. Weil Laomedon ihm und Apoll den versprochenen Lohn für ihren Mauerbau vorenthielt, sandte ihm Poseidon eine Überschwemmung und obendrein auch noch ein Meeresungeheuer. Nachdem Hera die Landschaft Argolien zugesprochen wurde, strafte er die Gegend rings um Argos mit einer Dürre, um hier nur ein paar Beispiele zu nennen. Bei all den Konflikten um verschiedene Landstriche konnte Poseidon sich zumindest stets die Herrschaft über das sagenhafte Atlantis sichern.

Aufgrund der engen Verbindung mit dem Meer war es im antiken Griechenland eine regelrechte Notwendigkeit Poseidon angemessen zu verehren, was für mich als Gebirgsbewohner eines Binnenlandes eher schwer nachzuleben ist. Trotzdem wird Poseidon von modernen Hellenen auch heute regelmäßig zumindest am 8. Tag jeden Monats geehrt.

In bildhaften Darstellungen ist Poseidon Zeus sehr ähnlich und unterscheidet sich hauptsächlich durch seinen Dreizack von ihm. Ich erspare uns jetzt die lange Liste seiner Partnerinnen und der unzähligen, mutmaßlichen Nachkommen. In Sachen Zeugung steht Poseidon seinem Bruder Zeus jedenfalls auch mit Sicherheit in Nichts nach.

Copyright by Sandra Mauler

 
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