Die Göttin Hestia
Hestia gehört heute wohl zu den am wenigsten bekannten griechischen Göttinnen und das obwohl sie als älteste Schwester des Zeus sogar zu den olympischen Zwölf zählte, ehe sie ihren Platz für Dionysos räumte. In Kerenyi’s „Mythologie der Griechen (Bd. 1)“ finden sich nur Randbemerkungen zu Hestia und auch bei Burkert erhält die Göttin nur einen Absatz bei den „weniger wichtigen Gottheiten“. Hestia mag mythologisch kaum eine wichtige Rolle spielen, aber im Allgemeinen und im Alltags-Kult sieht das schon ganz anders aus. Da hier aber häufig Quellen fehlen und die Hintergründe im Dunkeln bleiben, bleibt viel Spielraum für Interpretationen und eigene Ansichten, was allerdings ein doppelschneidiges Schwert sein kann.

Der Name „Hestia“ bedeutet soviel wie Herd und ist auch gleich Programm, denn Hestia wird nicht nur als Schutzgöttin des Herdfeuers betrachtet sonst stellt dieses auch gleichzeitig selbst dar. Auf den ersten Blick mag uns in unseren „feuerlosen“ Behausungen somit der Zugang zu dieser großen Göttin fehlen, jedoch müssen wir gar nicht lange graben um an ihr angeschlossenes Hoheitsgebiet zu gelangen, welches sich genau im Kern der familiären Strukturen befindet. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, welch große Bedeutung das „gezähmte“ Feuer einst für den Menschen gehabt hat.
Als Wärmequelle konnte es dem Menschen ansonsten auch unwirtliche Umgebungen bewohnbar machen und beim Garen von Mahlzeiten tötete es Keime und wandelt schwer verdauliche Substanzen um, weshalb eine größere Bandbreite an Nahrungsquellen erschlossen werden konnte. Dadurch bildete die „Herrschaft über das Feuer“ einen wesentlichen Fortschritt für die Entwicklung der Menschen. Schon seit prähistorischer Zeit hatte die zentrale Feuerstelle nicht nur profane Aufgaben zu erfüllen, sondern wurde auch als Hausaltar genutzt um Schutzgöttern Opfer zu bringen. Die Anwesenheit der Hestia ist in ihrem ständig brennenden Feuer jeden Augenblick zu spüren, da das Feuer nicht nur ihr Symbol ist, sondern tatsächlich auch die Göttin selbst. Auch im Zentrum des Profanen bleibt dem Feuer seine absolute Heiligkeit erhalten.

Jede Verwendung dieser göttlichen Flamme, von der Zubereitung von Speisen über das Entzünden von Kerzen und Weihrauch bis hin zu Übergabe von Opfergaben in Form von Feueropfern stellt somit ein Eindringen in die Sphäre des Heiligen, der Hestia selbst, dar. Um dieses weltliche „Dienstbar-machen“ zu sühnen, gebührt Hestia stets das erste und letzte Opfer und sie erhält von jeder Mahlzeit einen Anteil, welcher den Flammen des Herdes übergeben wird, sowie ein Trankopfer bevor die Familienmitglieder gemeinsam speisen.

Hestia ist im Gegensatz zu anderen „Kollegen“ eine besonders milde Feuergöttin, die uns mit ihrer wohltätigen Kraft Geborgenheit bietet. Sie ist beständig und stark. Sie ist das verbindende Element von allen Gemeinschaften und lodert auch als das Gefühl des „Zuhause-seins“ und der Heimat-Verbundenheit in uns. Hestia ist die Göttin des häuslichen Friedens.

Doch wie ist es um die Bedeutung der Hestia heute bestellt? Das Feuer ist uns wieder fremd geworden. Unsere Wohnungen werden von einer Zentralheizung beheizt, die ganz und gar nicht zentral in unserer Mitte steht, oder gar von elekt-
 

rischen Heizkörpern. Ebenso nutzen wir Elektrizität anstelle des Feuers zur Zubereitung von Nahrungsmitteln und zur Beleuchtung. Wo bleibt dabei die Kraft des Feuers, die weibliche Stärke der Hestia? Gehört vielleicht Elektrizität zum neuen Hoheitsgebiet dieser stillen Göttin? Hierbei gehen die Meinungen stark auseinander. Von der Art her, wirkt gerade der elektrische Strom besonders ruhig, stetig und unauffällig. Im Gegensatz zum Feuer jedoch ist es eine kalte, berechnende Ruhe, die kaum zur „freundlichen Tante“ Hestia passt. Außerdem ist die starke Technisierung eher eine männliche Kraft, wie auch heute eher Männer als Hüter der Elektrizität gelten.

Ich würde sagen, dass es daher unwahrscheinlich ist, dass wir Hestia im elektrischen Strom antreffen. Damit entgeht uns ihre ausgleichende Kraft immer häufiger, die wir als Familien auch heute noch benötigen. Es macht also Sinn, wenn wir ihr wieder einen Platz in unseren Wohnungen und Häusern einräumen. Da nicht jeder einfach einen Holz- oder Gasofen bei sich installieren kann, läge eine Möglichkeit darin, ihr einen eigenen kleinen Schrein einzurichten, möglichst zentral gelegen und idealerweise mit einem „ewigen Licht“ ausgestattet, einer Kerze oder Öllampe, deren Flamme niemals gelöscht wird. Da ich selbst ein eher schlechtes Verhältnis zu Feuer habe und mich unwohl fühle, wenn Kerzen unbeaufsichtigt brennen, habe ich ihr zumindest eine Wandplakette gewidmet. Das Täfelchen habe ich aus Salzteig selbst gefertigt, im Ofen gebrannt und bemalt. Die Rückseite habe ich mit einem altgriechischen Satz versehen, der übersetzt so viel bedeutet wie:

wand-hestia
„Hestia, komm nun in dieses Haus!“

Damit ist Hestia aber noch lange nicht in unser Zuhause eingekehrt, sondern ich habe ihr nur ein Zeichen gesetzt. Hestia ist erst in unserer Mitte, wenn wir ihrem Beispiel folgen und unsere „vier Wände“ in ein wahres, warmes Heim verwandeln, in dem wir uns geborgen fühlen und regenerieren, in dem wir die Bedürfnisse anderer auch einmal über unsere eigenen Wünsche stellen. Die Göttin ist bei uns, wenn wir unsere Liebsten bei ihrer Rückkehr nach Hause, sei es von einer langen Reise oder auch nur nach einem normalen Arbeitstag, mit einer liebevollen Umarmung willkommen heißen. Sie ist bei uns, wenn wir Freunde und Verwandte mit einem selbst gekochten Mahl bewirten. Sie ist bei uns, wenn wir uns zu einem entspannten Familienabend treffen. Ihre Anwesenheit ist spürbar, wenn wir uns bei Kerzenschein zu zweit in unserer Höhle aneinander kuscheln. Hestia ist überall dort, wo wir uns angenommen, geborgen und zuhause fühlen.

Copyright by Sandra Mauler

 
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